König mit Ecken und Kanten: Jugendpfarrer von Jena im Visier

Der Stadtjugendpfarrer von Jena, Lothar König, ist Ärger mit der Staatsmacht gewohnt, hat aber noch nie ein Verfahren verloren. Die Durchsuchungsaktion der Dresdner Polizei und der Staatsanwaltschaft wirft indes Fragen in Thüringen auf.

Lothar König ist als Stadtjugendpfarrer in Jena und für die Junge Gemeinde verantwortlich. Foto: Tino Zippel

Lothar König ist als Stadtjugendpfarrer in Jena und für die Junge Gemeinde verantwortlich. Foto: Tino Zippel

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Jena. Lothar König (56), der Stadtjugendpfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde von Jena, glaubt fest an Gott, aber nur bedingt an Zufälle. Und so hält er es kaum für einen Zufall, dass gerade mal eine Woche nach Erscheinen eines kritischen Beitrages im "Spiegel" über das seltsame Verhältnis der Dresdner Landesregierung zum Rechtstaat, in dem auch er zitiert wird, das Amtsgericht Dresden auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung ausfertigt und schon zwei Tage später - am Mittwoch - vollendete Tatsachen geschaffen werden.

Im Februar des Jahres hatte er in Dresden an den Demonstrationen gegen die Nazi-Aufmärsche teilgenommen und, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, als Fahrer und Halter eines Lautsprecherwagens mittels selbst oder von Dritten vorgenommenen Durchsagen zu Gewalt gegen Personen und Sachen aufgewiegelt.

"Schwerer aufwieglerischer Landfriedensbruch in Tateinheit mit versuchter Strafvereitlung sowie versuchter Nötigung" lautet der Vorwurf gegen ihn nach Paragraph 125, 125a, 240, 258 Strafgesetzbuch. Das kann, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden, Jens Hille, mit bis zu sechs Monaten Haft geahndet werden. Warum jedoch die Polizei mit der Durchsuchung sechs Monate wartete bei so schweren Tatvorwürfen, kann sich König, der längst wusste, dass gegen ihn eines von insgesamt fast 700 Verfahren in Dresden läuft, nicht recht erklären.

Protest gegen Durchsuchung bei Pfarrer König in Jena
Protest gegen Durchsuchung bei Pfarrer König in Jena

Punkt 6 Uhr morgens am Mittwoch wurde der Pfarrer vom Einsatzleiter informiert, dass er die Wohnungstür in Jena wegen einer Durchsuchung zu öffnen habe, diese im Verweigerungsfall ansonsten gewaltsam geöffnet werde. Für den Fall der Fälle hatte man aus Dresden gleich einen Zeugen mitgebracht, einen Mitarbeiter der dortigen Staatsanwaltschaft. Womit man offensichtlich nicht rechnete: Im selben Haus wohnt Katharina König, seine Tochter, die per Handy vom Vater erfährt, was eine Etage weiter unten im Haus passiert. Als sie wenig später das Treppenhaus betritt, will man sie als vom Vater benannte Zeugin der Wohnungsdurchsuchung zunächst nicht zulassen, muss sie dann aber dulden. Wenig später sind auch ihre Anwältin und der Anwalt von Lothar König vor Ort.

Es ist nicht das erste Verfahren, das gegen den Pfarrer oder die Junge Gemeinde von der Staatsmacht angestrengt wurde; verloren hat er noch keines.

1954 in Nordhausen geboren, absolvierte Lothar König zunächst eine Lehre als Zerspanungsfacharbeiter, ehe er von 1975 bis 1977 eine Ausbildung als Diakon in Eisenach erhielt und danach Theologie in Erfurt und Jena studierte. Früh schon wurde die Stasi auf den Unbequemen aufmerksam, der ab 1986 bis 1990 in Merseburg als Pfarrer wirkte, hier eine Junge Gemeinde aufbaute und in der Wende im Ort die Montagsdemo mitorganisierte. Abgehörte Telefongespräche, eine verwanzte Wohnung und dicke Stasi-Akten belegen das Misstrauen gegen ihn.

1990 nach Jena versetzt, baut er die nach Neonazi-Überfällen verwüstete JG Stadtmitte wieder auf. Bald wird sie wieder Anziehungspunkt für Jugendliche, die in diesen schwierigen Jahren Orientierung und Halt suchen. "Jesus hat vorgelebt, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind", lautet die Maxime des Pfarrers.

Mit seiner unkonventionellen Art und seinem Klientel wird er bald wieder als ein Störfaktor wahrgenommen. Den ersten größeren Zusammenstoß zwischen der Jungen Gemeinde und der Polizei gibt es 1993 anlässlich eines Burschenschaftstreffens in Jena, 1996 will man ihr Drogenhandel nachweisen. Die Jenaer Polizei veranstaltet eine große Razzia - mit dem Ergebnis, dass sich ein Jahr später der Thüringer Innenminister bei der JG entschuldigt. Die kirchliche Jugendeinrichtung wird von da an zunehmend akzeptiert.

Aber es ist ein schwieriger Weg mit vielen Hindernissen. 1997 wird Lothar König bei einem Nazi-Überfall schwer verletzt. Später versucht die Stadt, durch radikale Kürzung der städtischen Fördermittel die JG zum Aufgeben zu veranlassen. Bundesweit erhält die Einrichtung jedoch Anerkennung für ihre Arbeit in Form renommierter Preise, so den Niemöller-Preis und 2003 den Bundesjugendförderpreis - in einer Zeit, da der damalige Oberbürgermeister Peter Röhlinger (FDP) noch beim Landesbischof die Ablösung Königs fordert.

Längst ist die JG, die einen wesentlichen Anteil an der Zurückdrängung der Neonazis und ihrem "Fest der Völker" in der Stadt hat, bei den Protesten gegen Rechts in anderen Thüringer Städten und gegen die Castor-Transporte dabei ist, nun als "Zentralgestirn" der Jugendarbeit in Jena anerkannt. Seit 2004 ist Lothar König als Stadtrat in der Fraktion der "Bürger für Jena" auch kommunalpolitisch aktiv.

Die Vorwürfe gegen sich nimmt er einerseits ernst, andererseits, getragen vom christlichen Glauben und einer Welle bundesweiter Solidarität, gelassen.

Vielleicht auch, weil ihn bisher sein Status als Seelsorger vor dem Ermittlungseifer staatlicher Behörden schützte. Doch die sächsische Justiz hat bereits mit dem Auswerten Tausender Handy-Daten bewiesen, dass es nicht viel gibt, wovor sie zurückschreckt. Um Beweise gegen König zu sammeln, ließ sie sich in Jena erst gar nicht auf Amtshilfe durch Thüringer Beamte ein. Das sei zwar ziemlich unüblich, sagt auch der CDU-Landtagsabgeordnete und Innenexperte Wolfgang Fiedler, "aber keinesfalls ein Rechtsverstoß".

Thüringens Justizminister Holger Poppenhäger (SPD) dagegen vertritt die Ansicht, rechtlich hätte der sächsische Einsatz zumindest das Benehmen der zuständigen Thüringer Behörden vorausgesetzt. Der Minister sieht nun die Sachsen in der Pflicht, umfassend darüber zu informieren, wer wann in welcher Weise unterrichtet worden ist. Beide Landesregierungen, so Poppenhäger, sollten darüber ganz schnell "aufklärende Gespräche" führen.

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