Lehrermangel: Thüringen muss Hunderte Absolventen importieren

Erfurt. Die Zahl der Bewerber reicht nicht, um wie geplant 500 Pädagogen einzustellen. Vor allem an den Förderschulen gibt es großen Bedarf.

Für die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft beginnen die Probleme bereits vor dem Studium: Die Anzahl der Studienplätze und Referendar-Stellen reiche nicht aus. Archivfoto: Marco Kneise

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Mindestens 500 neue Lehrer will Thüringen in diesem Jahr einstellen. So lautet ein zentrales Wahlversprechen der rot-rot-grünen Landesregierung.

Doch das wird schwer. Es gibt nicht genügend geeignete Absolventen in Thüringen. Dies weiß auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Das Land könne aktuell nur 300 Lehrer einstellen, da es nicht mehr Interessenten gebe, räumte er gegenüber unserer Zeitung ein.

"Wir müssen Hunderte Lehrer von außen holen", sagte der bildungspolitische Sprecher der Linke-Landtagsfraktion, Torsten Wolf. Zwar beendeten pro Jahr etwa 600 Pädagogen in Thüringen ihre Ausbildung. Aber etwa die Hälfte davon hätten Geschichte und Sozialkunde studiert. "So viele werden mit dieser Fächerkombination aber bei Weitem nicht gebraucht", sagte Wolf. Dafür bestehe in anderen Fächern wiederum ein erheblicher Mangel.

Die Konsequenz: Thüringen muss für Fremdsprachen und Naturwissenschaften außerhalb Thüringens Absolventen werben, zumal noch eine Vertretungsreserve aufgebaut werden soll. Allein dieses Jahr will das Land dafür 100 Lehrer einstellen - zusätzlich zu den 500 Jungpädagogen. Dazu gibt es lauf Wolf einen Bedarf von 150 bis 200 Sonderpädagogen, die gar nicht hier ausgebildet würden.

"Ein erheblicher Bedarf"

Die Landesregierung bestätigte, dass "Einstellungen von in anderen Bundesländern ausgebildeten Lehrern" nötig seien. Es bestehe ein "erheblicher Bedarf". Allerdings wollte man keine Zahlen nennen.

Das neue Bildungsministerium arbeite "mit Hochdruck" an den Neueinstellungen, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Marion Wolf. Neben der Netzplanung für die Berufsschulen genieße das Thema "höchste Priorität". Als erster Schritt soll allen Absolventen die Möglichkeit geboten werden, ihr Referendariat - also die praktische Ausbildung in der Schule am Ende des Studiums - in Thüringen zu absolvieren.

Für die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft beginnen die Probleme allerdings bereits vor dem Studium. "Wir brauchen eine zielgenauere Studienberatung, die sich an den Mangelfächern orientiert", sagte Landeschefin Kathrin Vitztum unserer Zeitung. Auch reiche die Anzahl der Studienplätze und Referendar-Stellen nicht aus. Bisher gebe es 900 Referendare, sagte sie. Dabei habe das Bildungsministerium selbst eingeräumt, dass 1200 nötig seien, um den Bedarf zu decken.

Vize-Sprecherin Wolf sagte dazu, dass die Ausbildungskapazitäten erhöht würden. Dies gelte vor allem für den Bereich der Sonder- und Förderpädagogik.

Doch auch damit wäre nicht das Problem der unterschiedlichen regionalen Attraktivität gelöst. Der frühere Schulstaatssekretär Roland Merten (SPD) hatte zuletzt davon gesprochen, dass es in ländlichen Regionen oft gar keine Bewerber gebe. Dagegen sei der Andrang auf Schulen in Städten wie Erfurt, Weimar oder Jena hoch.

Keine Verbeamtung: Wettbewerbsnachteil für Thüringen?

60 Prozent der Thüringer Lehrer sind Beamte. Seit 2008 wurden keine Pädagogen mehr verbeamtet. Bloß Berlin hält es ähnlich; in Sachsen werden nur Schulleiter und ihre Stellvertreter verbeamtet.

Ex-Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) sprach von Wettbewerbsnachteil. Sein Plan, die Verbeamtung wieder einzuführen, scheiterte am damaligen CDU-Finanzminister Wolfgang Voß.

Nun steht die Verbeamtung steht im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag. Allerdings nannte die Regierung auf Nachfrage keinen Termin und sprach nur noch von einem "möglichen Baustein zur Erhöhung der Attraktivität des Berufs.

Leitartikel von Martin Debes: Zu späte Erkenntnis

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