Lieberknecht will Thüringen aus der rechten Ecke holen

Thüringen hat ein Problem: Die sogenannte Zwickauer Terrorzelle hat den Freistaat in die rechte Ecke geschoben. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht befindet sich nun auf einer Mission gegen den Imageschaden.

Die gebetsmühlenartigen Rufe von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) nach bedingungsloser Aufklärung verfangen sich in immer wieder neuen Skandalen rund um Verfassungsschutz und Politik. Archiv-Foto: Sascha Fromm

Die gebetsmühlenartigen Rufe von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) nach bedingungsloser Aufklärung verfangen sich in immer wieder neuen Skandalen rund um Verfassungsschutz und Politik. Archiv-Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Die gebetsmühlenartigen Rufe von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) nach bedingungsloser Aufklärung verfangen sich in immer wieder neuen Skandalen rund um Verfassungsschutz und Politik. Nun versucht die Ministerpräsidentin, das angekratzte Image von Thüringen zu verbessern - mit einer Sommertour.

Die mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben nach ihrem Auffliegen im November 2011 mehr hinterlassen als Tote, trauernde Angehörige, überfallene Banken und einen Staatsapparat in Aufruhr. Die drei Neonazis aus Jena verpassten dem Freistaat auch einen gewaltigen Imageschaden. Nun wolle sie auf die "guten Seiten" Thüringens aufmerksam machen.

Seit Montag reist Lieberknecht in dieser Mission durch ihr Bundesland. Unter dem Thema "Thüringen-Tour International" will sie zeigen, dass "wir hier gut vorangekommen sind", sich niemand verstecken müsse und es eben doch jene Willkommenskultur und Weltoffenheit gebe, die die rechten Kameraden so verteufeln. Bis Anfang September möchte sie 50 Unternehmen und Einrichtungen besuchen, die beweisen sollen, dass in Thüringen nicht nur der braune Mob zu Hause ist. Lieberknecht will aber auch darauf aufmerksam machen, dass "in der Offenheit und Internationalisierung die Zukunft liegt".

Bleikristall für den Sultan

Zu jenen, die das bereits vor Jahren erkannt haben, gehört die kleine Kristallmanufaktur in Arnstadt, rund 20 Kilometer von der Landeshauptstadt Erfurt entfernt. 28 Mitarbeiter produzieren geschliffene Bleikristallwaren für den gehobenen Anspruch, die sich laut Geschäftsführer Christian Heller nicht vor der Haustür verkaufen lassen. Seine Firma geht auf böhmische Einwanderer zurück und verkauft ihr Glas nun unter anderem an den Sultan von Oman. Ohne die internationale Ausrichtung würde es das Unternehmen gar nicht mehr geben. "Wir machen nur 20 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland, verkaufen in rund 50 Ländern auf der ganzen Welt", sagt Heller.

Doch Thüringen guckt nicht nur über den eigenen Tellerrand, in das Bundesland kommen auch Menschen von fast überall her. An der Technischen Universität Ilmenau zum Beispiel, einer weiteren Station auf Lieberknechts Sommerreise, lernen knapp 700 Ausländer, das ist rund jeder zehnte Student. Sie kommen aus 78 verschiedenen Ländern. "Forschung geht gar nicht ohne Internationalisierung", sagt Professor Klaus Augsburg. Er verweist auf die mehr als 100 Partnerschaften mit ausländischen Bildungseinrichtungen und den regen Austausch von Wissenschaftlern.

Geschäfte laufen nur international

"Die Zukunft liegt in der Welt", sagt Lieberknecht und freut sich über ihre Entdeckungen im Freistaat. Auch und vor allem vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse rund um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), wie sich die Terroristen aus Thüringen nannten, müsse das immer wieder betont werden. Da passt es sehr gut in ihren Reiseplan, dass ein Mann mit weißem Turban, der Inder Gurdeep Singh Randhawa, Mitgeschäftsführer einer Firma für Sensortechnik aus dem kleinen Geschwenda ist. Genauso schön ist, dass beim Schaltkreise-Hersteller X Fab aus Erfurt junge Leute aus Schottland, Italien oder Südkorea arbeiten. "Unser Geschäft geht nicht regional", sagt Geschäftsführer Hans-Jürgen Straub.

Ob Lieberknechts Mission zur Imagerettung gelingt, ob Staat und Bundesland je wieder Ordnung in ihre Behörden bekommen, ist schwer absehbar und hängt auch von der weiteren Aufklärung der NSU-Mordserie und den Begleitumständen ab. Vielleicht muss Lieberknecht in Kürze den Imageschaden auch bei ihrem Kollegen Stanislaw Tillich (CDU) zur Sprache bringen. Der sächsische Ministerpräsident spricht im Zusammenhang mit den drei Neonazis vom "Thüringer Terrortrio" und lenkt so davon ab, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe jahrelang im sächsischen Zwickau untertauchen konnten. "Ich spreche sehr bewusst nicht von der Zwickauer Zelle", sagt Lieberknecht. Sie wolle nicht die eigene Verantwortung auf andere abwälzen.

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