Malik von Ahmadiyya-Gemeinde bricht Schweigen über Treffen mit Sarrazin

Sechs Wochen hat der parteilose Suleman Malik über Dinge geschwiegen, die er hinter den Kulissen rund um das umstrittene Treffen mit Thilo Sarrazin in Erfurt erlebt hat. Jetzt wird erstmals erkennbar, was hinter den Kulissen ablief.

Suleman Malik, Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde Erfurt, vor dem Rohbau der Moschee, die im Dezember 2019 in Marbach eröffnet werden soll. 100 Moscheen wollen die Ahmadis in Deutschland errichten. Die Moschee in Erfurt, Nummer 53, ist die erste in einem ostdeutschen Land.

Foto: Frank Schauka

Hier Malik.“ Der Mann klingt empört. „Ich bin in der Nacht massiv unter Druck gesetzt worden“, sagt der Sprecher der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde zu Erfurt am Telefon. Durch eine „hochstehende Person in der Thüringer Gesellschaft“, die politisch weit links steht, fühle er sich gedrängt, den SPD-Landtagsabgeordneten Oskar Helmerich als „Nazi“ zu bezeichnen.

Es ist Samstag, 25. Mai, 9.07 Uhr. In 23 Stunden beginnt die Kommunalwahl. Für Helmerich, der erneut in den Erfurter Stadtrat gewählt werden will, wäre die Nazi-Keule der sichere K.o. vor der ersten Runde.

„Helmerich hat keine rechtsextremen Neigungen“

„Oskar Helmerich“, sagt Malik, „hat sich immer für den Moscheebau eingesetzt. Er ist keiner, der rechtsextreme Neigungen hat. Ich kann Oskar Helmerich nicht als Nazi bezeichnen.“

Der SPD-Politiker habe Jugendlichen der Ahmadiyya-Gemeinde mehrfach geholfen, sei mit ihnen zu Ämtern gefahren. Wenn er nicht helfen konnte, habe er Hilfe organisiert. Zweimal habe Helmerich Grußworte bei der Jahresversammlung der Ahmadiyya in Deutschland gehalten, vor Zehntausenden Muslimen in Karlsruhe. Er betrachte Helmerich als Freund.

Sechs Wochen hat der parteilose Malik über Dinge geschwiegen, die er hinter den Kulissen rund um das umstrittene Treffen mit Thilo Sarrazin in Erfurt erlebt hat. Öffentlich bekannt wurde skizzenhaft nur: Helmerich, justizpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, hat den angeblichen Islamfeind Thilo Sarrazin, gegen den ein SPD-Ausschlussverfahren wegen angeblich rassistischer Äußerungen läuft, zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Manche Genossen fordern daraufhin auch Helmerichs Rauswurf.

Als Freund eines Nazis beschimpft

Jetzt wird erstmals erkennbar, was hinter den Kulissen ablief. Die Facebook-Nachrichten, die Malik am Freitagabend erhielt, sind der Auslöser dafür, dass er Stunden später zum Handy greift. „Ich empfinde einen innerlichen Schmerz, weil ich immer wieder als Extremist oder Terrorist beschimpft wurde - und jetzt auch noch als Freund von einem Nazi“, sagt Malik.

Der gesellschaftlich hochstehende „Freund“, der sich am Freitagabend via Facebook meldet, will plötzlich wissen, ob es stimme, was er hörte und las: dass Malik Helmerich im Wahlkampf unterstütze. Ob Malik sogar mitgeholfen habe, Helmerichs Plakate mit dem Slogan „Kein Bleiberecht für Gefährder!“ aufzuhängen.

Malik sagt am Telefon, was er bei mehreren Folgetreffen bekräftigt: Helmerich habe ihn gefragt, ob jemand aus der Ahmadiyya-Gemeinde beim Aufhängen der Plakate behilflich sein könne. Zwei junge Männer hätten zu-, doch plötzlich abgesagt. Also sei er mit Helmerich durch die Stadt gefahren, habe die Leiter gehalten, damit der Freund Plakate aufhängen konnte. „Ich habe das Plakat, das ich vorher nicht kannte, nicht einmal angefasst. Als ich das Plakat ‚Kein Bleiberecht für Gefährder!‘ sah, habe ich Oskar Helmerich deutlich gesagt, dass ich von der Aussage nichts halte.“

Gegenüber seinem Facebook-„Freund“ betont Malik trotzdem: Helmerich ist kein Nazi. „Wer ein Nazi ist, der ist verantwortlich für das schlimmste Verbrechen in der menschlichen Geschichte“, sagt Malik unserer Zeitung. „Nazi ist das schlimmste Schimpfwort, das es gibt. Dagegen kann man sich nicht mehr wehren.“

Der „Freund“, der sich in hoher Funktion gegen Rechtsextremismus engagiert und beim Moscheebau stets geholfen hat, beendet schließlich das Facebook-Gespräch: Malik habe sich entschieden. Malik wird aus der Freundesliste gestrichen und ist für den „Freund“ nicht mehr privat auf Facebook zu sprechen.

Bei Twitter gab es ein gemeinsames Foto von einer Jahresversammlung der Ahmadis in Karlsruhe, aufgenommen vor dem Plakat mit dem Motto der Ahmadis: Liebe für alle, Hass für keinen. Das Foto stand ganz oben auf dem Twitter-Account des Freundes. „Er hat das Foto jetzt entfernt“, sagt Malik, „nach dem Motto: Du bist ein Freund von einem Nazi.“

Der „Freund“ lehnte eine Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung am Donnerstag ab.

Malik bei Sitzung unerwünscht

In Malik kommen Erinnerungen hoch. Als das rot-rot-grüne Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit vor einigen Jahren seine Arbeit aufnahm, war auch Malik zur Sitzung gekommen. Plötzlich hätten zwei bekannte Thüringer ihn aufgefordert, den Raum zu verlassen. Einer war der Facebook-„Freund“ vom Freitag. Malik sei als Vertreter einer muslimischen Kleingruppe, die von Moslems verfolgt wird, kein glaubwürdiger Vertreter der Mehrheitsmuslime. Die andere, eine linke Abgeordnete, ist als Kämpferin gegen Rechtsextremismus bekannt. Allein der Vertreter der katholischen Kirche habe sich für Malik eingesetzt.

Suleman Malik ist ein tiefgläubiger Mensch. „Wenn jemand meine Hilfe braucht, dann helfe ich ihm“, sagt er. „Ich würde auch einem Nazi helfen, wenn er hilflos am Boden liegt.“ Die Frage, ob jemand ein Nazi sei, sei ein politischer Streitpunkt. „Wir dürfen in unserer Gesellschaft das Menschliche nicht verlieren, sonst sind wir Barbaren.“

Maliks Ehefrau, eine Engländerin aus Indien, trägt Kopftuch. „Auch wenn sie dafür beleidigt wird“, sagt Malik. „Sie sagt, sie trägt das Kopftuch zu Ehren Allahs.“ Seine Kinder, die Englisch, Deutsch und Urdu sprechen, erzieht der 32-Jährige „so, dass sie lernen zuzuhören und dass sie Respekt und Gehorsam lernen“, sagt er. „Das sind Werte, die hier manchmal negativ interpretiert werden. Aber ich finde, dass Kinder gegenüber den Eltern auch Gehorsam lernen sollen.“

Suleman Malik ist kein Politiker. Er hat gründlich überlegt, ob er nach seinem theologischen Verständnis sagen soll und darf, was er sagen möchte.

Malik sitzt - einige Tage nach dem Anruf - am Schreibtisch in seinem Büro, das von außen ein Baucontainer bleibt. Auf dem Gelände entsteht die Moschee, die in Erfurt-Marbach vielfach Widerspruch und Hass auslöst. Ende Mai 2017 lagen Schweineköpfe im Gras. An Stäben hingen Fetzen frischen Fleischs.

Auf Maliks Schreibtisch liegt ein Buch, in schwarzes Leder gebunden. „Die Grundlage meines Handelns als Moslem ist diese“, sagt er. „In Sure fünf, Vers neun des Heiligen Koran heißt es: Oh, die Ihr glaubt, seid standhaft in Allahs Sache, bezeugend in Gerechtigkeit. Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln.“

Sarrazins Behauptungen sind „rassistisch und islamfeindlich“

In die internen Streitigkeiten der Thüringer SPD wegen der Sarrazin-Veranstaltung habe er niemals hineingezogen werden wollen. Er habe es stets als seine theologische Pflicht betrachtet, Sarrazins Behauptungen zu widerlegen, sagt Malik, die er als rassistisch und islamfeindlich bewertet. Deshalb habe er mit Sarrazin auf dem Podium diskutieren wollen.

Versuche, Malik zu beeinflussen und gegen Helmerich, den Organisator der Veranstaltung, zu instrumentalisieren, hat es trotzdem gegeben. Der „eine oder andere“ habe ihm nahegelegt, seine Zusage, mit Sarrazin zu diskutieren, zurückzuziehen, sagt Malik. Einige hätten gehofft, sie könnten die Veranstaltung auf diese Weise verhindern.

Greifbar wird dies Anfang April. Medien aus ganz Deutschland berichten seit Tagen über die geplante Sarrazin-Lesung in Erfurt. Das Thema belastet die SPD stark. Bekannte Genossen wie Landeschef Wolfgang Tiefensee lehnen die Veranstaltung mit Sarrazin ab, den die Bundes-SPD aus der Partei ausschließen will . Sie hält Sarrazins jüngstes Buch „Feindliche Übernahme“ für rassistisch.

Da nimmt der Erfurter SPD-Stadtrat Denny Möller Kontakt zu Malik auf und lädt ihn in ein Café ein. „Warum will er plötzlich mit mir reden?“ fragt sich Malik. Kaum sitzen sie am Donnerstag, 4. April, zur Mittagszeit zu Tisch, kommt Möller zum Punkt. „Denny Möller sagte sofort, wir wollen nicht, dass das Gespräch stattfindet“, erinnert sich Malik. Mehrfach habe Möller gesagt, es gebe vielleicht eine Möglichkeit, die von der SPD-Spitze kritisierte Veranstaltung abzusagen - dazu müsse Malik sich als Gesprächspartner vom Podium zurückziehen.

Malik sagt, er habe Denny Möller wiederholt deutlich gemacht, dass er es für seine theologische Pflicht halte, Sarrazin mit Argumenten zu widerlegen.

Plötzlich sei Möller aufgestanden, habe noch unschöne Worte gesagt und sei davongeradelt. Er habe die Art, wie Möller auf ihn eingewirkt habe, als „total unfair“ empfunden, sagt Malik.

Denny Möller beschreibt es so: Er habe gedacht, Malik wolle aus der Veranstaltung mit Sarrazin aussteigen, wisse nur nicht, wie. Deshalb habe er Malik kontaktiert und im Café laut überlegt: Maliks Absage würde aus der geplanten Diskussion mit kontroversen politischen Standpunkten eine kommerzielle Buchlesung machen. Unter solchen veränderten Umständen könne die Messe-Gesellschaft den Vertrag womöglich kündigen: Sarrazin in Erfurt wäre geplatzt.

„Sarrazin spaltet mit seinen Thesen“

„Ich wäre nicht böse gewesen“, sagt Denny Möller unserer Zeitung. Nach seiner Überzeugung war Malik lediglich Helmerichs Kronzeuge für eine angeblich politisch ausgeglichene Veranstaltung mit Sarrazin. „Ich habe eine Überlegung präsentiert, wie diese Kronzeugensituation in sich zusammenfällt.“

Der Gang auf das Podium im Parksaal fiel Malik nicht leicht. „Als Oskar Helmerich mich zu der Lesung eingeladen hat, habe ich ihm gesagt, dass ich das für eine Spaltung der Gesellschaft halte. Herr Sarrazin spaltet mit seinen Thesen.“

Trotzdem, sagt Malik, würde er sich jederzeit wieder der Debatte stellen. „Wenn wir mit unseren Kritikern nicht sprechen, überlassen wir ihnen die Deutungshoheit. Und diese wollen wir nach unserer Religion keinen Extremisten überlassen. Wir wollen überall hingehen, wo wir angegriffen werden.“

Im Erfurter Parksaal saßen am Mittwochabend, 22. Mai, etwa 200 Frauen und 300 Männer, die Sarrazin erleben wollten, augenscheinlich keine Extremisten, eher ein Spiegelbild des Bürgertums. Sie klatschten laut und lang besonders dann, wenn Sarrazin formulierte, etwa so: „Der Islam ist keine Religion des Friedens und der Toleranz, sondern eine politische Ideologie, die zur Gewalt neigt und sich als Religion darstellt.“

Oder wenn er davon sprach, dass die „wachsende Neigung zu religiösem Fundamentalismus und Terrorismus“ der Versuch von Muslimen sei, die von ihnen selbst wahrgenommene Rückständigkeit in Wissenschaft und Technik durch aggressives Verhalten zu kompensieren. Beifall folgte auch auf Sätze wie diese: Eine besondere Gefahr für Europa bestehe in der drohenden „demografischen Überwältigung“ durch den Islam.

Khola Hübsch und Suleman Malik, die Vertreter der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde auf dem Podium, erlebten weniger Zuspruch. Wenn es bei ihren Reden lauter wurde, waren dies Proteste, manchmal Beleidigungen, seltener Drohungen, welche dazu führten, dass Frau Hübsch Personenschutz erhielt.

Was Sarrazin darlege, sei nicht grundsätzlich falsch, merkte Khola Hübsch an. Sie sei sehr froh, in Deutschland zu leben, weil die zwölf Millionen Ahmadis auf der Welt von der Mehrheit der zwei Milliarden Muslimen verfolgt würden, wo Muslime im Staate das Sagen hätten. Doch die radikale salafistische Auslegung des Koran, auf die Sarrazin vor allem abhebe, sei „nicht der ganze Islam“, betonte Khola Hübsch.

„Sie verkaufen das Publikum für dumm, was den Koran angeht“, reagierte Sarrazin darauf. Starker Applaus!

„Wenn Sarrazin kommt, wird gegen Muslime gehetzt“

„Vier Muslime im Saal und mehr als 400 Kritiker“, blickt Malik zurück. „Als Muslim fühlt man sich am Nasenring durch die Arena gezogen. So habe ich mich gefühlt. Ich wusste, wenn Thilo Sarrazin kommt, wird gegen Muslime gehetzt. Es wird gegen meine Person gehetzt.“ Trotzdem, sagt Malik: „Wenn wir aufhören, in unserer Gesellschaft miteinander zu sprechen, dann gibt es nur noch Feindschaft.“ Die Demokratie lebe von Streitkultur. „Meine Scharia sagt mir, dass ich loyal gegenüber dem Staat sein soll, in dem ich lebe. Das ist meine Scharia.“

Malik hat das Fenster seines Baucontainers-Büros weit geöffnet. Auf dem Gelände ist es still. Die Arbeit ruht seit Monaten. „Eine Bauverzögerung“, sagt Malik. Firmen hätten abgesagt - aus Furcht, ihre Maschinen würden zerstört. Jetzt habe man endlich eine neue Firma gefunden...

„Wenn Oskar Helmerich ein Nazi wäre“, fragt Malik plötzlich, „wie kann es dann sein, dass er noch immer justizpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion ist? Und wenn die SPD-Fraktion einen Nazi bei sich hat, wie können dann andere gesellschaftliche Gruppen mit der SPD zusammenarbeiten?“ Müsste der gesellschaftliche hochstehende „Freund“ dann nicht auch von SPD-Parteichef Wolfgang Tiefensee verlangen, Oskar Helmerich als Nazi zu beschimpfen? Müsste die bedeutende Organisation, der der „Freund“ in Thüringen vorsteht, nicht jeglichen Kontakt mit vermeintlichen Nazi-Kollaborateuren von der SPD beenden?

Die Reaktion auf die Unterstellung, er sei ein Freund eines Nazis, hat mich tief beschäftigt, sagt Malik. „Ich glaube, der Freund hat emotional reagiert, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen.“

Malik fürchtet Anschlag auf Moschee

Vielleicht habe er keine andere Handlungsweise gewusst. „Ich bezeichne ihn weiterhin als guten Freund. Als Demokraten müssen wir doch zusammenhalten und zeigen, dass wir für eine tolerante offene Gesellschaft sind. Wenn wir das nicht tun, stärken wir doch diejenigen, die nicht mit Demokratie zu tun haben.“

Er fürchte einen Anschlag auf die Moschee, sagt Malik. „Die Diskussion um Thilo Sarrazin war vielleicht nur der Anfang.“ Im Oktober sind Landtagswahlen. „Da wird noch mehr Härte auf uns zukommen.“

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