Ministerium für Staatssicherheit plante zwei Eichsfelder Isolierungslager

Holungen (Eichsfeld). Josef Kistner aus Holungen zieht ein schlichtes Blatt Papier aus seinem dicken Aktenordner. Namen darauf sind geschwärzt. Außer dem einen an oberster Stelle. Es ist sein Name.

Franz-Georg Pfitzenreuter (links) und Josef Kistner arbeiten die Stasigeschichte im Eichsfeld auf. Josef Kistner sollte einst sogar in ein Isolierungslager. Foto: Silvana Tismer

Franz-Georg Pfitzenreuter (links) und Josef Kistner arbeiten die Stasigeschichte im Eichsfeld auf. Josef Kistner sollte einst sogar in ein Isolierungslager. Foto: Silvana Tismer

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Er steht als Erstes auf einer Liste von Menschen, die für den Abtransport in ein Isolierungslager des Ministeriums für Staatssicherheit vorgesehen waren. Das war 1987. "In diesen Tagen begehen wir den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz-Birkenau", sagt Kistner. "Aber", so sagt er, "dabei darf man nicht vergessen, dass der ach so friedliebende und demokratische Staat DDR ebenfalls Isolierungs- und sogar Internierungslager geplant hatte." Dass Josef Kistner auf dieser Liste stand, hat er erst 1990 erfahren, als die DDR schon Geschichte war. Aber diese Liste selbst mit eigenen Augen zu sehen, das gelang ihm erst 2012.

Den Plan, Isolierungslager und Internierungslager nach dem Vorbild der KZ im Dritten Reich aufzubauen, fasste die Staatsführung nicht erst in den 80er-Jahren. Bereits 1967, nur zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, ließ der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, genaue Richtlinien in einer Durchführungsbestimmung niederlegen.

Darin heißt es, dass Personen und Personengruppen festzunehmen sind, "die unter dem begründeten Verdacht stehen, staatsfeindliche Handlungen zu begehen, zu dulden oder davon Kenntnis haben." Und weiter: "...Personen und Personengruppen zu isolieren beziehungsweise unter Kontrolle zu halten, die unter dem begründeten Verdacht stehen, durch ihre Handlungsweise gegen die Interessen und Sicherheit der Deutschen Demokratischen Republik und ihre Verteidigungsbereitschaft zu verstoßen."

Internierungslager auch für Ausländer gedacht

Im Bezirk Erfurt waren eine ganze Menge Objekte vorgesehen, die sich als Lager eigneten. In Heiligenstadt war es die damalige Karl-Marx-Straße 16, in Worbis das Gelände der Stadtwirtschaft im heutigen Industriegebiet. "Das waren nur die Isolierungslager", erklärt Franz-Georg Pfitzenreuter aus Leinefelde, der sich genau wie Josef Kistner mit dem Thema Staatssicherheit im Eichsfeld befasst, darüber forscht, Daten und Fakten mit ihm austauscht. "Es gibt einen Unterschied zwischen Isolierungs- und Internierungslagern", sagt Pfitzenreuter. Erstere seien für die Staatsfeinde im eigenen Land vorgesehen gewesen, die Internierungslager im Krisenfall für Ausländer.

"Nicht nur Vietnamesen oder Mosambikaner, die hier lebten, sondern im Ernstfall auch Bundesbürger." Als Internierungslager waren in Heiligenstadt das "Haus auf der Bleibe" ins Auge gefasst und ein Objekt in Dingelstädt. "Man sollte nicht meinen, dass nur Widerständler, Reaktionäre und sogenannte Staatsfeinde, Rädelsführer und Provokateure aus der DDR in die Isolierungslager sollten", haben Pfitzenreuter und Kistner bei ihren langjährigen Recherchen herausgefunden.

"Etwa zehn Prozent der Personen sollten IMs sein, um die Gruppen weiter zu infiltrieren." Und am Ende standen Zwangsarbeit und Liquidierung. Pfitzenreuter hat die Definition aus einer Akte handschriftlich abgeschrieben. Von Erschießen, Vergiften, Strangulieren, Ersticken ist die Rede. Rund 15.000 Bürger der DDR standen 1987 auf diesen Listen. Etwa 1000 pro Bezirk. "Für den ehemaligen Bezirk Erfurt steht die Zahl von 905 ohne Sömmerda. Also erreichen wir die 1000", so Pfitzenreuter. Aus dem Altkreis Heiligenstadt waren es 144 Personen, aus dem Altkreis Worbis 235. Also ein Drittel des gesamten Bezirkes.

Warum Josef Kistner auf der Liste stand, weiß er bis dato nicht. Das sei so geplant gewesen. Wäre es dazu gekommen, diese Lager einzurichten - was nach Meinung der beiden Forscher nur die Wende verhinderte - , wären auch die Inhaftierten niemals über den Grund in Kenntnis gesetzt worden. Aber wer die Kennziffer "4.1.3" bekommen hätte, wäre "dran gewesen".

In einer geheimen Verschlusssache, an die Pfitzenreuter gelangt ist, ist akribisch aufgelistet, wie vorzugehen ist und welche Waffen bei der Verhaftung zum Einsatz kommen: MPi, Handschellen, Knebelketten, Schlagstöcke. Die Inhaftierten sollten zermürbt werden, die Gründe der Festnahme nicht kennen. In der geheimen Verschlusssache ist ein kompletter Lageplan des Objektes in Worbis enthalten.

Josef Kistner hat dieses Thema in seinem Buch "DDR-Umweltdrama gestoppt", in dem es um die Pläne des Kalibergwerkes und den befürchteten Untergang des Dorfes Bischofferode geht, mit verarbeitet. Das Vorwort dazu schrieb Michael Succow, der eine gleichnamige Umweltstiftung ins Leben rief, kurzzeitig in der Endphase der DDR stellvertretender Umweltminister war und im Jahre 1997 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde.

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