Neonazi-Trio sollte 1999 aus dem Untergrund geholt werden

Der Thüringer Verfassungsschutz wollte die Rechtsradikalen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos offenbar aus dem Untergrund holen.

Das Veto von Arndt Peter Koeppen, dem damaligen Oberstaatsanwalts von Gera, ließ den Deal 1999 laut Thaut scheitern. Foto: Frank Döbert

Das Veto von Arndt Peter Koeppen, dem damaligen Oberstaatsanwalts von Gera, ließ den Deal 1999 laut Thaut scheitern. Foto: Frank Döbert

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München/Erfurt. Wie der damalige Verteidiger Böhnhardts, Gerd Thaut, dem "Focus" sagte, scheiterte der Deal jedoch 1999 am Veto des damaligen Oberstaatsanwalts von Gera, Arndt Peter Koeppen.

Eine Sprecherin des Landesamtes für Verfassungsschutz in Erfurt sagte der Nachrichtenagentur dapd am Samstag, die Behörde habe damals Kontakt zu den Eltern der drei Rechtsextremisten aufgenommen. Man wollte versuchen, über einen Anwalt zu erreichen, dass sich das Trio selbst stellt. Das sei jedoch gescheitert. In dem Zusammenhang habe es seitens des Verfassungsschutzes jedoch keinerlei Versprechungen in Bezug auf Ermittlungen und mögliche Strafmilderung gegeben. Die Staatsanwaltschaft Gera war am Samstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Thaut zufolge kam im März 1999 ein Mitarbeiter des Thüringer Verfassungsschutzes in seine Kanzlei, angeblich im Auftrag dessen Chefs Helmut Roewer. Der Mann habe erklärt, er wolle den 1998 untergetauchten Bombenbauern helfen, in die Legalität zurückzukehren. Würden sich die drei freiwillig stellen, könnten sie mit einer milderen Strafe rechnen. So würde man sie nicht wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung belangen, sondern nur wegen Sprengstoffbesitzes, schilderte Thaut dem "Focus" das Gespräch. Er übermittelte das Angebot der Mutter Böhnhardts, die einverstanden gewesen sei. "Sie wollte nicht, dass ihr Sohn weiter in der rechtsradikalen Szene aktiv ist."

Als er bei der Staatsanwaltschaft in Gera Einzelheiten der Strafmilderung besprechen wollte, habe der Behördenchef geblockt, sagte Thaut. Oberstaatsanwalt Koeppen habe erklärt, die untergetauchten Extremisten würden bald gefasst. An einer organisierten Rückkehr durch einen Strafmilderungsdeal habe seine Behörde kein Interesse.

Brandspuren im Saarland werden jetzt überprüft

Spuren der rechtsextremen Terrorzelle NSU scheinen auch ins Saarland zu führen. Mögliche Zusammenhänge werden zurzeit von der Polizei überprüft, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Der "FAZ" zufolge besteht der Verdacht, dass die Neonazi-Gruppe mit einer Serie von Brandstiftungen in Völklingen sowie mit dem Bombenanschlag im Frühjahr 1999 auf die Wehrmachtsausstellung in Saarbrücken zu tun hatte.

Die Brandstiftungen zwischen 2006 und 2011 richteten sich gegen Häuser, die hauptsächlich von türkischen Einwanderern bewohnt waren. Der saarländische SPD-Fraktionsvorsitzende Heiko Maas sagte dazu: "Staatsanwaltschaft und Polizei müssen jetzt die Ermittlungen noch mal mit Hochdruck aufnehmen." Der Vorsitzende der Linken im Völklinger Stadtrat, Klaus Degen, erklärte: "Die Politik des Unter-Den-Teppich-Kehrens rechtsextremistischer Vorfälle in Völklingen ist gescheitert und muss nun durch eine Politik des Hinsehens abgelöst werden."

Nach Recherchen des MDR hätte ein Mitglied der Zwickauer Terrorzelle im Frühjahr 2000 verhaftet werden können. Die fehlende Identifizierung Böhnhardts auf einem vom Verfassungsschutz gemachten Foto, das ihn auf einem Supermarktplatz in Chemnitz zeigt, habe dies aber verhindert. Das Bild sei vom Verfassungsschutz an das Thüringer Landeskriminalamt und von dort aus an das Bundeskriminalamt (BKA) geschickt worden, weil sich beide Behörden nicht sicher gewesen seien, ob es sich tatsächlich um Böhnhardt handelte. Als das BKA im Juni 2000 die Identität bestätigt habe, sei Böhnhardt bereits wieder abgetaucht gewesen.

Die Hauptverdächtige im Verfahren gegen die NSU, Beate Zschäpe, schweigt unterdessen weiter: Rechtsanwalt Wolfgang Stahl, Verteidiger der inhaftierten 36-Jährigen, sagte dem "Focus": "Es steht noch nicht fest, ob Frau Zschäpe zu irgendeinem Zeitpunkt überhaupt Angaben zur Sache machen wird." Dies hänge auch damit zusammen, dass nur unzureichend Akteneinsicht gewährt worden sei. "Wir haben bislang nur 120 Seiten erhalten, das ist so gut wie nichts."

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