Neue Aufregung um sechs Nazi-Glocken in Thüringen

Erfurt  Haben die sechs Nazi-Glocken mit NS-Inschriften am Holocaustgedenktag in Thüringen geläutet? Die Kirche schließt den Einsatz nicht aus. Die Jüdische Landesgemeinde beklagt die schmerzliche Unsensibilität.

Die Glocke mit Hakenkreuz in Herxheim wurde abgeschaltet. Archivfoto: Uwe Anspach/dpa

Die Glocke mit Hakenkreuz in Herxheim wurde abgeschaltet. Archivfoto: Uwe Anspach/dpa

Foto: Uwe Anspach/dpa

Gilbert Kallenborn ist empört. Haben zum Kirchgang am vergangenen Sonntag, der in diesem Jahr mit dem Holocaustgedenktag zusammenfiel, auch die sechs Thüringer Naziglocken geläutet? Kallenborn ist fest davon überzeugt. „Die evangelische Kirche hält die Standorte der Hitlerglocken geheim. Bis heute wurden sie weder abgehängt noch abgeschaltet. Am Gedenktag für die Opfer des Faschismus ist das besonders unerträglich“, sagt der Saarländer mit jüdischen Wurzeln.

Seit Langem kämpft Kaltenborn gegen die Naziglocken in deutschen Kirchen und hat dazu auch eine Petition beim Thüringer Landtag eingereicht. „Bis jetzt ist nichts passiert. Die Naziglocken müssen weg. Dass sie selbst am Holocaustgedenktag läuten, ist empörend und eine Schande“, sagte er.

Leitartikel: Falscher Klang

„Wir können nicht ausschließen, dass die Glocken zum Sonntag angeschlagen wurden“, räumte die Sprecherin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Susanne Sobko, auf Nachfrage unserer Zeitung gestern ein. Vor einigen Monaten war bekannt geworden, dass es auch in Thüringen noch Naziglocken gibt. Wo die Glocken hängen, sei den betroffenen Kirchgemeinden bekannt. Vor Ort hätten die Enthüllungen große Betroffenheit ausgelöst. Man gehe bei der Kirchenleitung von einem sensiblen Umgang mit den Glocken aus.

Standorte der Glocken werden geheim gehalten

Überprüfbar ist das nicht. Bei der EKM beharrte man gestern einmal mehr auf der Geheimhaltung der Standorte. „Die Kirchen, in denen die Glocken hängen, werden definitiv nicht bekannt gegeben. Sie sollen keine Wallfahrtsorte für Neonazis werden“, sagte Sobko.

Laut EKM geht es um sechs Glocken in fünf Kirchen. Bis zu einer Entscheidung seien sie nicht öffentlich zugänglich. In den aus Apolda stammenden Glocken seien keine Hakenkreuze oder Bilder eingraviert, versicherte die EKM-Sprecherin.

Inschriften und Symbole können abgeschliffen werden

Der Nazizeit zuzuordnen seien sie durch eindeutige Widmungen. „Die Landeskirche hat den betroffenen Gemeinden angeboten, die Inschriften und Symbole mit Bezug zur Nazi-Zeit auf Kosten der Landeskirche zu entfernen (durch Abschleifen). Die Entscheidung hierüber liegt beim jeweiligen Gemeindekirchenrat, da die Kirchengemeinde Eigentümerin der Kirche ist“, so die Sprecherin.

Bei der jüdischen Landesgemeinde stößt die Haltung auf Unverständnis. „Diese Unsensibilität gegenüber den Hitlerglocken ist für uns schmerzlich. Aus Kostengründen oder Bequemlichkeit wird eine Art der Traditionspflege zugelassen, die für mich an Geschichtsvergessenheit grenzt“, kritisiert der Landesvorsitzende Reinhard Schramm.

Jüdische Landgemeinde: Schnellstmöglich abhängen

Die Kirchen müssten hier Transparenz schaffen und die Glocken schnellstens abhängen. In den Gemeinden könnte es Sammlungen für neue Glocken geben. „Hier gibt es bisher eine Gleichgültigkeit, wo sie nicht sein sollte. Leider kommt das für uns nicht sehr verblüffend“, sagte Reinhard Schramm.

Aus der Thüringer Staatskanzlei hieß es gestern, die Petition von Gilbert Kallenborn gegen die Naziglocken sei bekannt und befinde sich in der Bearbeitung. Ausführlich äußern will man sich heute.

Die Nazi-Glocke von Herxheim

Die Hitlerglocke im pfälzischen Herxheim sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Mit Hakenkreuz und der Inschrift „Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“ war sie 1934 im Turm der protestantischen Jakobskirche aufgehängt worden. Nach Protesten unter anderem des Saarländers Gilbert Kallenborn wurde sie zwar 2017 abgeschaltet. Der Gemeinderat entschied aber, sie als „Anstoß zur Versöhnung und Mahnmal gegen Gewalt und Unrecht“ hängen zu lassen. Begründet wurde dies mit einem Gutachten, welches die „Entsorgung“ der Glocke als „Flucht vor einer angemessenen und aufgeklärten Erinnerungskultur“ bezeichnete.

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