Neue Staatssekretärin Valentina Kerst: Die Frau fürs Digitale

Erfurt  Wie es eine Internet-Unternehmerin von Köln ins thüringische Wirtschaftsministerium verschlug.

Bodo Ramelow (l), Valentina Kerst und Wolfgang Tiefensee. Die gebürtige Kölnerin ist nach Angaben der Staatskanzlei für die Bereiche Wirtschaftspolitik, Tourismus und Digitalisierung zuständig. Die Staatssekretärsstelle war seit einigen Monaten nicht besetzt, weil der frühere Amtsinhaber zum Innenminister ernannt wurde.

Bodo Ramelow (l), Valentina Kerst und Wolfgang Tiefensee. Die gebürtige Kölnerin ist nach Angaben der Staatskanzlei für die Bereiche Wirtschaftspolitik, Tourismus und Digitalisierung zuständig. Die Staatssekretärsstelle war seit einigen Monaten nicht besetzt, weil der frühere Amtsinhaber zum Innenminister ernannt wurde.

Foto: Martin Schutt

Das Weinen schallt durch den Barock der Staatskanzlei. Der Vater gibt sich alle Mühe mit seiner Tochter, aber sie will zur Mutter. „Sechs Monate alt“, sagt Valentina Kerst und sieht dabei angemessen stolz aus. „Das ist ein doppelter Anfang für uns.“

Der gestrige Mittag in der Erfurter Regierungsstraße. Gerade hat Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) Kerst die Ernennungsurkunde als Staatssekretärin in der Regierung eines Bundeslandes überreicht, das sie bisher so gar nicht kennt. Seit sie vor gut 38 Jahren in Köln geboren wurde, so sagt sie es selbst von sich, habe sie sich kaum aus der Stadt herausbewegt.

Dennoch amtiert sie nun plötzlich als Staatssekretärin im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft – mit Betonung auf dem Ende der länglichen Bezeichnung. „Das Digitale steckt in meiner DNA“, sagt sie. „Darum will ich mich ganz besonders kümmern.“

Valentina Kerst ist gelernte Kauffrau und studierte Betriebswirtin. Zuletzt betrieb sie gemeinsam mit ihrem Mann in Köln ein Beratungsunternehmen, das Kommunen und Einrichtungen berät, wie man sich am besten im Internet aufstellt. Sie hielt Vorträge, sprach auf Podien. Daneben saß sie in allerlei Gremien und Beiräten, die sich um die Digitalisierung bemühen, und arbeitete so für das Bundeswirtschaftsministerium, die rheinland-pfälzische Regierung oder die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung.

Über dieses Netzwerk, sagt sie, kenne sie auch Wolfgang Tiefensee (SPD). Nachdem dem Thüringer Wirtschaftsminister Staatssekretär Georg Maier (SPD) ins Innenministerium abhandenkam, habe er sie gefragt, ob sie an dem Job interessiert sei.

Kerst war es – trotz paralleler Familiengründung. Dennoch hätte der Wechsel fast nicht geklappt, da in Thüringen der SPD-Landesvorsitzende Andreas Bausewein die Staatssekretärsstelle dem kurz davor aus dem Bundestag geschiedenen Abgeordneten Steffen Lemme versprochen hatte. Doch wie es in dieser Partei derzeit so ist: Bausewein trat plötzlich zurück und Tiefensee wurde sein designierter Nachfolger. Damit war er in seiner Entscheidung frei, zumal Kerst natürlich auch SPD-Mitglied ist.

Verantwortung für 350 Millionen Euro

Und nun? Formal ist Valentina Kerst – wie zuvor Maier – für Wirtschaftspolitik, Wirtschaftsförderung, Tourismus und alles Digitale zuständig. Damit verantworte sie, wie das Ministerium zusammenrechnet, einen Etat von jährlich rund 350 Millionen Euro. Zudem koordiniere sie die Zusammenarbeit Landesentwicklungsgesellschaft, Aufbaubank, Tourismusgesellschaft und der Erfurter Messe.

Die Ministerialbehörde muss sie allerdings nicht leiten; dies erledigt wie bisher Markus Hoppe (SPD) als Amtschef. Das Ressort – so wie neuerdings das Innenministerium – ist mit zwei Staatssekretären ausgestattet.

Bis eine neue Landesregierung im Amt ist, werden aus jetziger Sicht noch zwei Jahre vergehen. Was danach ist, weiß niemand. Nicht viel Zeit, um Zeichen zu setzen, zumal sich für die Digitalisierung neben dem Wirtschaftsministerium noch mindestens die Ressorts für Finanzen und Inneres zuständig fühlen.

Doch Kerst scheint es ernst zu meinen. Sie ziehe gerade mit Mann, Kind, Sack und Pack nach Erfurt, sagt sie. Digitalisierung, sagt sie, das sei nicht nur der Ausbau der schnellen Breitbandleitungen. Digitalisierung sei auch eine neue Denkweise.

Konkretes kann die neue Staatssekretärin noch nicht mitteilen, sie fängt ja erst an. Was ihr bisher auffiel: Die Vermarktung Thüringens im Internet funktioniere noch nicht so gut wie anderswo. Es gehe darum, den Tourismus konsequent ins Netz zu führen, sagt sie. Nächste Woche wolle sie dies bei einem Treffen mit der Chefin der Tourismusgesellschaft ansprechen.

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