Nordhäuser Stasi-Mitarbeiter waren meist "Überzeugungstäter"

Nordhausen. Überzeugungstäter, Rückkehrer, ehemalige Nazi-Kader, die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in Nordhausen versuchte anzuwerben, wen sie kriegen kann. "In der Anfangszeit in den 1950er Jahren herrschte vor allem Verweigerung. Die meisten IM lieferten nicht, was sie

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Nordhausen. Überzeugungstäter, Rückkehrer, ehemalige Nazi-Kader, die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in Nordhausen versuchte anzuwerben, wen sie kriegen kann.

"In der Anfangszeit in den 1950er Jahren herrschte vor allem Verweigerung. Die meisten IM lieferten nicht, was sie sollen, trafen sich nicht mit ihren Führungsoffizieren und gaben dabei interessante Begründungen an. Sie wollten unter ihrem echten Namen arbeiten oder lehnten eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit ab, weil sie sowieso alles Verdächtige melden würden. Ab den 1960er Jahren habe sich das System professionalisiert", erklärte Hanna Labrenz-Weiß.

Die aus Polen stammende Historikerin arbeitete ab 1991 in der Gauck-Behörde und wurde vom heutigen Bundespräsidenten persönlich eingestellt. Inzwischen forscht sie zur Arbeit der Staatssicherheit in Nordhausen. Der Aktenbestand hier sei relativ gut. Rund 1500 Akten hat sie für ihr noch nicht als Buch erschienenes Manuskript gewälzt. Darunter befand sich auch ein Bericht über eine Überprüfung der Dienststelle aus dem Jahr 1988.

"Darin werden die Hauptbereiche Grenzsicherung und Volkswirtschaft für ihre Arbeit gelobt, aber auch Schwächen und Mängel attestiert. Rund 600 IM hätten sich in den Akten gefunden, von denen aber nur 300 aktiv gewesen seien. Unter den vom Referat Grenzsicherung geführten befanden sich zu 30 Prozent Mitglieder der Volkspolizei. Man brauchte nicht jeden ABV als IM. Sie waren sowieso verpflichtet Auffälliges zu melden", so Labrenz-Weiß.

Auch mit der Konspiration nahmen es die Nordhäuser nicht sehr ernst. Nur die Hälfte der 66 konspirativen Wohnungen sei überhaupt genutzt worden. Die meisten Treffen mit den IM fanden in Betrieben statt, nur für 20 Prozent in den Wohnungen. "Der Bericht bescheinigt der Kreisdienststelle, dass die Effektivität der Arbeit darunter leidet", sagte die Historikerin.

Das wäre vermutlich manchem Zuhörer im Stadtmuseum "Flohburg" ganz recht gewesen. Nach anfänglichem Zögern wollten viele, vor allem ehemalige Oppositionelle, Fragen stellen. Zum Thema Opposition hat Hanna Labrenz-Weiß aber nicht geforscht und kann deshalb keine Auskunft geben. In den von ihr gesichteten 1500 Akten hätten sich aber erstaunlich wenige Informationen beispielsweise über kirchliche Gruppen oder oppositionelle Jugendliche befunden.

Ihrer Untersuchung zu Folge haben sich die fünfzig Hauptamtlichen vor allem mit der Sicherung des 36 Kilometer langen, schwierigen Grenzabschnitts und den großen, für die DDR-Wirtschaft wichtigen Betrieben befasst. Wer selbst Kontakte mit der Staatssicherheit hatte, empfand das vermutlich anders. Die IM der 70er und 80er Jahre waren nämlich keine zusammengewürfelte Gruppe mehr, sondern zum größten Teil Überzeugungstäter. Geld bekamen die wenigsten.

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