Pegida-Forscher warnt vor Verschmelzung von Pegida und AfD: „Ganz neue Dimension“

Erfurt. Der Dresdner Politikwissenschaftler und Pegida-Forscher Hans Vorländer warnt vor einer Verschmelzung der Pegida-Bewegung mit den AfD-organisierten Protesten wie in Erfurt. Wir sprachen mit dem Wissenschaftler.

Demonstranten protestieren in Erfurt gegen die Asylpolitik. Die rechtskonservative AfD hatte zur Demonstration aufgerufen. Archiv-Foto: Martin Schutt/dpa

Demonstranten protestieren in Erfurt gegen die Asylpolitik. Die rechtskonservative AfD hatte zur Demonstration aufgerufen. Archiv-Foto: Martin Schutt/dpa

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Sie haben die Zusammensetzung der Pegida-Demonstrationszüge frühzeitig analysiert: Zu Jahresbeginn ging zumeist eine gebildete, sächsische Mittelschicht am Montagabend auf die Straße. Hat sich die Chemie des Protestzuges verändert?

Vorländer: Das war das Zustandsbild der großen Demonstrationen im Januar. Danach ist der Kreis der Initiatoren auseinandergebrochen und es kamen – mit Ausnahme des Auftritts des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders im April – immer weniger Menschen. Über den Sommer waren es nur noch ein- bis dreitausend Besucher und die sahen sich selbst politisch weiter rechts, als die Demonstranten vom Januar. Zu dieser Zeit fand ein klarer Rechtsruck statt.

Und der hält an?

Vorländer: Seit etwa zwei Wochen verzeichnen wir so etwas wie die dritte Etappe von Pegida: Zunächst wird der Zulauf wieder größer und die Zusammensetzung ändert sich erneut: Es kommen wieder Familien aus den bürgerlichen Schichten Dresdens und Sachsens. Pegida wird wieder eine Sammlung unterschiedlicher Positionen und Gruppierungen.

Was sind deren Motive: Überfremdungsangst oder doch nur der Vorwurf an die Politik, das Flüchtlingsprojekt planlos und chaotisch schlecht zu managen?

Vorländer: Beides. In Emails von Pegida-Teilnehmern lese ich diese Befürchtungen, dass sich das Flüchtlingsproblem organisatorisch nicht in den Griff bekommen ließe, die Integration schwierig und die Langzeitwirkungen erheblich seien. Und dann gibt es die Redner und rechtsradikalen Bewegungen innerhalb von Pegida, bei denen der Fremdenhass überwiegt und die Asylbewerber pauschal angreifen und herabsetzen.

Haben die demokratischen Parteien Fehler gemacht, weil sie Pegida unterschätzt haben?

Vorländer: Man muss Verständnis für die Ratslosigkeit vieler Politiker haben, weil sie nicht wussten, um was es sich bei Pegida handelt. Die Organisatoren waren wegen ihrer hasserfüllten Rhetorik einfach einzuordnen, aber die Teilnehmer waren eben unterschiedlich motiviert.

Warum fällt es der Bundesregierung plötzlich leichter, Pegida als rechts zu verorten und vor der Teilnahme zu warnen?

Vorländer: Weil eine deutliche Radikalisierung eingetreten ist. Die Hassrede ist zum entscheidenden Vortrag geworden, zudem sieh man eine Radikalisierung bei Plakaten bis hin zu dieser Galgenabbildung. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Politik sehr deutlich macht, dass es Widerstand gegen den Hass und die Organisatoren geben muss.

Und wie mit denen umgehen, die ihnen folgen?

Vorländer: Es fehlt bei vielen Teilnehmern noch an dem Bewusstsein, dass man sich von den Hassrednern und Brandstiftern distanzieren muss, um damit rechnen zu dürfen, dass die Ängste und Sorgen, die man in dieser Situation durchaus haben darf, von der Politik auch ernstgenommen werden.

In Erfurt organisiert die AfD ihre Umzüge mittwochs. Gibt es noch einen Unterschied zu Dresden am Montagabend?

Vorländer: Ich sehe keinen. Ich sehe das Bemühen beider, die gegenwärtige Situation für sich auszunutzen: Wir erleben zwischen Pegida und der AfD einen Kampf um die Vorherrschaft auf der Straße und um den Rang des größeren politischen Ansprechpartners für die Bürger. Die AfD will natürlich die gegenwärtige Situation nutzen, um bei kommenden Wahlen stärker dazustehen. Dagegen wehrt sich Pegida, die nun daran denken, eine eigene Partei zu gründen oder Pegida-gestützte Kandidaten bei Wahlen ins Rennen zu schicken. Ich habe Zweifel, dass die Organisatoren dazu in der Lage sind.

Erwarten sie eher eine offene Konfrontation oder eine Verschmelzung von AfD und Pegida?

Vorländer: Es ist tatsächlich interessant zu beobachten, ob die beiden getrennte Wege gehen oder ob sie irgendwie zueinander finden. Dann hätte man in Deutschland eine rechtspopulistische Bewegung in der Verklammerung mit einer rechtspopulistischen Partei. Das wäre für das bundesdeutsche politische System eine ganz neue Dimension.

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