Plötzlich Sozialdemokrat: Oskar Helmerich und die Geschichte einer Verwandlung

Erfurt. Wie Oskar Helmerich die rechtspopulistische Partei aufbaute, um schließlich ausgerechnet in der SPD zu landen.

Der frühere AfD-Abgeordnete Oskar Helmerich sitzt im April 2016 in Erfurt während der Debatte zur geplanten Gebietsreform in Thüringen im Landtag und liest die Thüringer Allgemeine. Helmerich wechselte in die SPD-Fraktion. Foto: Martin Schutt/dpa

Der frühere AfD-Abgeordnete Oskar Helmerich sitzt im April 2016 in Erfurt während der Debatte zur geplanten Gebietsreform in Thüringen im Landtag und liest die Thüringer Allgemeine. Helmerich wechselte in die SPD-Fraktion. Foto: Martin Schutt/dpa

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Es ist sommerlich warm in der kleinen Küche im Abgeordnetenhaus des Thüringer Landtags. Oskar Helmerich, braun gebrannt, kurzes Hemd, hat das dunkle Jackett ausgezogen, an dessen Revers etwas rot leuchtet.

Das kleine Quadrat gehört zu einer Anstecknadel. Es misst fünf mal fünf Millimeter, ist aus Stahl und Epoxyd-Harz gefertigt und im Internet für einen Stückpreis von 37 Cent zu erwerben. Und es ist ein dezenter Hinweis darauf, dass es sich bei seinem Träger um ein Mitglied der SPD handelt.

Denn Oskar Helmerich ist jetzt Genosse. Seit April sitzt er in der Landtagsfraktion und der Erfurter Stadtratsfraktion. Im Mai nahm ihn der Erfurter Parteiverein von Hochheim und Bischleben auf. Im Juni lief die einmonatige Einspruchsfrist ab, womit er auch offiziell zu einer politischen Figur wurde, die es so bislang in Deutschland noch nicht gab: Der Sozialdemokrat, der aus der AfD kam.

Nun also sitzt der Mann, der vor zwei Jahren im Landesvorstand der rechtsäußeren Partei mitarbeitete und auf Platz 2 ihrer Liste in den Landtag einzog, in der Küche der SPD-Landtagsfraktion und sagt, dass er sich "sehr wohl" fühle. "Ich bin jetzt in meiner politischen Heimat angekommen."

Oskar Helmerich meint diesen Satz offenkundig ernst. Wenn er versucht, das Unerklärliche zu erklären, dann wird aus der Geschichte seiner Verwandlung die Erzählung einer Heimkehr.

Die Geschichte beginnt in den 1960er-Jahren im sehr bayerischen und sehr katholischen Deggendorf. Die Verhältnisse sind bescheiden. Die Großeltern arbeiten in der Fabrik, die Mutter ist jung, alleinerziehend und Fußpflegerin.

Seine Familie, sagt der Abgeordnete, war damals "klar SPD-orientiert". "Es gab eine große Abneigung gegen Strauß und die CSU."

Trotzdem wird der Junge, nachdem er mit der Mutter nach Frankfurt am Main gezogen ist, auf ein katholisches Internat geschickt, wo er bis zum Abitur bleibt. Nach dem Wehrdienst beginnt er in Gießen das Studium der Rechtswissenschaften.

Besonders die Vorlesungen von Helmut Ridder interessieren ihn, einem wortmächtigen Linksliberalen, zu dessen Assistenten Frank-Walter Steinmeier gehört. Mehrfach hat er mit dem späteren Außenminister zu tun gehabt.

Überhaupt gilt die Fakultät in Gießen als links, was viele linksorientierte Studenten anzieht. Als Oskar Helmerich sein Studium beginnt, absolviert ein gewisser Holger Poppenhäger gerade seine Staatsexamina. Auch wenn sich die beiden nicht begegnen, wird dieser Umstand später noch von Bedeutung sein.

Der Student Helmerich ist nicht politisch aktiv, weder rechts noch links, auch wenn er aus der Kirche austritt. Im Studium gehört er, wie er sagt, "nicht zu den Besten". Während viele Kommilitonen in den Staatsdienst streben, will er Anwalt werden.

Nachdem Referendariat und Prüfungen überstanden sind, ist auch die Mauer gefallen. Im Osten werden Juristen gesucht, weshalb Helmerich im Sommer 1991 von Gießen nach Erfurt fährt. Er schaut sich die Stadt an. Ein halbes Jahr gründet er seine erste kleine Praxis in einer Wohnung in der Nähe des Bahnhofs.

Der Anwalt übernimmt alles, was ihm angetragen wird, Strafsachen, Scheidungsfälle, egal. Bei seinem ersten Klienten ging es um die Rückübertragung eines Grundstücks. Er habe, sagt Helmerich, "ganz schön strampeln" müssen. "Ich wusste oft gar nicht, wie das alles funktioniert."

Die Jahre vergehen. Helmerich wird Fachanwalt für Strafrecht. Zwischenzeitlich teilt er die Praxis mit einer Kollegin, aber seit 2005 ist er wieder allein.

Oft vertritt er Bedürftige, auch ohne Bezahlung. Er wisse eben, sagt er, was Armut bedeute. Wenn Wahlen sind, kreuzt er die SPD an und manchmal auch die Grünen, aber nie die CDU. Nur einmal, sagt er, habe er die FDP gewählt.

An diesem Punkt dieser sorgfältig abgeschliffenen, am Küchentisch vorgetragenen Geschichte müsste eigentlich ein Satz kommen wie: "Und dann bin ich Sozialdemokrat geworden." Oder wie: "Und dann habe ich bei den Grünen angefangen."

Doch der Satz lautet: "Und dann bin ich in die AfD eingetreten."

Wie konnte das nur einem SPD-Wähler und Anwalt der Armen passieren? Der Auslöser, sagt er, sei die Euro-Krise gewesen. Er habe das nicht verstanden, wie Banken mit Abermilliarden gerettet wurden, während die kleinen Leute dafür bezahlen mussten. Auch er selbst verlor damals Geld, "eine für meine Verhältnisse erhebliche Summe".

"Die sprachen damals aus, was ich dachte"

Oskar Helmerich war also wütend, auch auf die SPD, die wie alle anderen etablierten Parteien da mitmachte. Nur die Linke stritt dagegen, die für ihn aber als Nachfolgeorganisation der SED ausfiel – und eben diese neue Partei namens AfD. "Die sprachen damals aus, was ich dachte."

Wenn man dem Abgeordneten folgen mag, dann sah er die AfD damals als Vereinigung liberaler Professoren und Bürger, die den Raubtierkapitalismus und die EU-Bürokratie zähmen wollten. Nationalistische, gar extremistische Tendenzen will er nicht entdeckt haben.

Die Geschichte, die Oskar Helmerich erzählt, ist geradezu unglaublich. Sie handelt von einem Anwalt, der im Thüringer Landesverband wenig bis nichts mitbekam – und dies, obwohl er in seiner Kanzlei die provisorische Geschäftsstelle der Landespartei einrichtete, sich in den Landesvorstand wählen ließ und schließlich auf Platz 2 der Wahlliste gelangte, hinter einem gewissen Björn Höcke.

Und sie handelt von einem Landtagsabgeordneten, der erst nach der Wahl merkte, dass die AfD womöglich nicht seinen sozialdemokratischen Vorstellungen entspricht, dass Björn Höcke "paranoid und gefährlich" ist und in der Partei "faschistoide Tendenzen" existieren.

Schon die Rede Höckes am Wahlabend, sagt Helmerich, habe ihn "zutiefst erschreckt", womit er in Opposition zum Fraktions- und Landesvorsitzenden geraten sei. Sofort hätten die Intrigen gegen ihn begonnen, das Mobbing, die Isolation. "Er wollte mich kaltstellen."

Also, so geht die Geschichte weiter, nahm der Anwalt den Kampf auf.

Als Höcke sich im Frühjahr 2015 mit der "Erfurter Resolution" offen gegen den Bundesvorsitzenden Bernd Lucke und dessen Vize Hans-Olaf Henkel stellte, und die AfD als "Widerstandsbewegung" ausrief, verließ Helmerich erst den Landesvorstand und dann mit den Abgeordneten Jens Krumpe und Siegfried Gentele auch die Fraktion.

Nach der Spaltung der Partei auf dem Bundesparteitag in Essen, bei dem das Lager um Bundeschef Lucke verlor, verließen die drei auch die AfD. Da für eine eigene Fraktion mindestens fünf Abgeordnete benötigt werden, begannen die fraktionslosen Abgeordneten sich ziemlich schnell einsam zu fühlen.

Der Innenminister vermittelte

Siegfried Gentele ging erst in Luckes neue Partei Alfa, um danach zur Familienpartei zu wechseln, in der gerade darüber gestritten wird, ob er nun schon rausgeschmissen oder noch Mitglied ist. Von Jens Krumpe wird immer wieder berichtet, dass er gerne der CDU beitreten würde, was er aber ausdauernd dementiert.

Helmerich dagegen hat den Wechsel geschafft. Der erste Kontakt lief über Innenminister Holger Poppenhäger, der einst vor ihm in Gießen an der Juristischen Fakultät studierte. Es folgte ein langes Gespräch mit Fraktionschef Matthias Hey.

Danach wurden die Aufnahmebeschlüsse gefasst, erst in der Erfurter Stadtratsfraktion, wo es acht zu vier ausging und danach in der Fraktion, in der zwei Mitglieder widersprachen.

Sie halte die Helmerichs Begründung weder für authentisch noch plausibel, sagte die Abgeordnete Diana Lehmann. Zusammen mit der Abgeordneten Birgit Pelke, die auch gegen die Aufnahme stimmte, veröffentlichte sie eine Erklärung, in der es hieß: "Wie sich Herr Helmerich, der vor Kurzem noch Mitglied einer eurokritischen und zumindest rechtspopulistischen Partei war, jetzt hinter den Werten der Sozialdemokratie versammeln will, bleibt für uns offen."

Wenn man sich in der AfD umhört, dann war sowieso alles ganz anders. Helmerich, heißt es, sei nur wegen der Posten in die Partei eingetreten, habe nach der Wahl gegen die Parteispitze intrigiert, und den Machtkampf verloren. Um Inhalte sei es ihm nie gegangen.

Es ist eben, wie so oft, eine Frage, von welcher Position aus auf die Ereignisse geblickt wird. Aus der Perspektive der SPD-Landtagsfraktionsküche jedenfalls ist Oskar Helmerich jemand, der aus Versehen in die falsche Partei eintrat, um schließlich in der richtigen zu landen. Auch die sozialdemokratischen Oberen, die ihn aufgenommen haben, wollen das unbedingt so sehen.

Am Ende geht es auch um politische Mathematik. Die kleine SPD-Fraktion ist ein bisschen gewachsen. Und die rot-rot-grüne Koalition, die nur eine Stimme Mehrheit im Landtag besaß, hat nun zwei.

Helmerich sitzt jetzt im Wirtschaftsausschuss, was nicht unbedingt seiner Expertise entspricht. Aber ein Anwalt ist ja Generalist, irgendwie. Oder wie es der Neu-SPD-Abgeordnete ausdrückt: "Ich bin eigentlich überall einsetzbar."

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