Raketenproduktion: Rote Armee fand in Thüringen mehr als Trümmerberge

Nordhausen.  Immer wieder heißt es, die russischen Truppen hätten von der Produktion der V2-Rakete in Nordhausen nur noch Trümmer vorgefunden. Aber nicht nur die Amerikaner profitierten.

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Anfang 1944 war die Produktion der V-Raketen von Peenemünde nach Nordhausen verlagert worden. Konstruktions- und Entwicklungsbüros wurden jedoch erst ab 17. Februar 1945 in Bleicherode unter dem Tarnnamen „Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau“ (EGM) wieder eingerichtet. Im Kohnstein, im berüchtigten Konzentrationslager (KZ) Mittelbau-Dora hatten Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen unterirdische Produktionsräume schaffen müssen, in denen die Raketenproduktion fortgesetzt wurde.

Bis März 1945 liefen 5975 Raketen von den Montagestraßen. Im November 1944 waren im KZ Mittelbau-Dora 32.475 Häftlinge. Laut SS-Statistik starben etwa 12.000 Zwangsarbeiter an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen.

Als am 11. April 1945 die Amerikaner das Lager Dora befreiten, übernahmen sie 110 A4-Raketen (die Typenbezeichnung der sogenannten „Wunderwaffe“ V2), zahlreiche Baugruppen und die gesamte Dokumentation. Diese reiche Beute schafften sie zunächst in die amerikanische Besatzungszone und kurze Zeit später in die USA.

Sowjets auf der Suchenach deutschen A4-Raketen

In einer Großaktion verbrachten die Amerikaner dann noch die wichtigsten deutschen Raketenspezialisten nach Witzenhausen, wo diese zunächst interniert wurden. Lediglich die erste Garnitur der Spezialisten um Wernher von Braun und Walter Dornberger hatte sich schon am 5. April 1945 von Bleicherode nach Oberammergau und dann ins Allgäu abgesetzt, um sich am 3. Mai in Reutte in Tirol den Amerikanern zu ergeben. Diese hatten damit das komplette Raketen- Knowhow in der Hand.

Bereits im August 1944 hatten sowjetische Truppen der ukrainischen Front unter Marschall Konjew auf dem V2-Testgelände Heidelager nördlich der polnischen Stadt Debica eine stark beschädigte A4-Rakete vorgefunden. Sofort wurde eine Expertenkommission nach Debica geschickt – unter anderem mit den Ingenieuren Tichonrawow und Pobedonoszew. Beide waren später im Institut Rabe in Bleicherode tätig.

Die sowjetischen Ingenieure rekonstruierten die ungefähren technischen Kennwerte der A4: etwa 350 Kilometer Reichweite, 25 Tonnen (245 kN) Schub und 100 Kilometer Flughöhe. Die UdSSR besaß nur Flüssigkeitstriebwerke mit gerade mal 300 Kilogramm Schub.

Jetzt begann eine beispiellose Jagd der Sowjets und ihrer Alliierten auf deutsche Wissenschaftler und Knowhow. Anfang April 1945 besetzten sowjetische Truppen das Raketenforschungszentrum in Peenemünde. Am 12. April erging Stalins Befehl: Demontage und Abtransport des deutschen Raketeninstituts innerhalb von zehn Tagen. Aber in Peenemünde konnte man weder technische Dokumentation noch Laboreinrichtungen erbeuten und erst recht keine deutschen Raketenspezialisten antreffen.

Anfang Juli 1945 zogen die Amerikaner aus Thüringen ab. Nordhausen wurde von der Roten Armee besetzt und gehörte fortan zur sowjetisch besetzten Zone. Am 5. Juli 1945 inspizierte eine Gruppe um Oberstleutnant Schabinski im Auftrage des Volkskommissariats für Baustoffindustrie ein am Kohnstein gelegenes Zementwerk. Dabei entdeckte Schabinski das Gelände der Mittelwerke.

Sowjetische Raketenspezialisten kommen nach Nordhausen

Natürlich hatte die sowjetische Führung spätestens seit Mai 1945 schon ungefähre Kenntnis von Produktionsanlagen der V1 und V2 nahe Nordhausen. Nun aber war die größte Raketenfabrik des Dritten Reiches in sowjetischem Besitz.

Am 13. Juli 1945 kam die erste Gruppe sowjetischer Raketeningenieure mit Alexej Isajew in Nordhausen an. Einen Tag später traf Boris Tschertok mit einer weiteren Gruppe ein. Am 15. Juli inspizierten beide das Untertagewerk bei Nordhausen. Bei der Besichtigung wurden sie vom ehemaligen Peenemünder Ingenieur Rosenplänter und weiteren deutschen Raketentechnikern geführt. Diese waren den Amerikanern quasi „durch die Lappen“ gegangen. Die Bestandsaufnahme laut Meldung vom 18. Juli nach Moskau ergab: keine kompletten A4-Raketen, aber 75 Triebwerke, mehr als 100 Turbopumpen und eine große Menge an Einzelteilen.

Der wertvollste Bestand sind die nahezu noch kompletten Fertigungsanlagen, bestehend aus 1900 Werkzeugmaschinen, 70 Pressen, 39 Montageanlagen und acht E-Schweißmaschinen. Davon dienten 560 Werkzeugmaschinen der A4-Produktion. Die übrigen waren eingesetzt für die Junkers-Produktion von Strahltriebwerken und Flugzeugmotoren.

Diese Bestandsaufnahme der Mittelwerke 1945, die der Nordhäuser Historiker Matthias Uhl in seiner Dissertation, gestützt auf russische Archive, erforscht hat, erstaunt sehr. Denn Jahrzehnte vorher stützten sich alle Autoren auf einen sowjetischen Dokumentarfilm, in dem es heißt: „Die Amerikaner haben alles Wertvolle der Raketentechnik fortgeschafft: fertige Raketen, Dokumentationen, Laboratorien und deutsche Spezialisten. Was übrig blieb, wurde zerstört. An den Produktionsstätten der V2-Raketen trafen sowjetische Spezialisten ein. Sie fanden nur Trümmerberge vor.“

Diese Verfälschung der Tatsachen sollte den sowjetischen Spezialisten dazu dienen, ihre Leistungen in der Raketenentwicklung noch weiter aufzuwerten. Später wurde diese Version von der sowjetischen Propaganda übernommen. Ganz unkritisch übernahmen auch westliche Autoren dann die Sowjetversion der „Trümmerberge“.

Der Autor ist Mitbegründer desIFA-Museums in Nordhausen.

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