„Seelsorge bei der Polizei ist kein Termingeschäft“: Polizeipfarrer Heinecke berichtet

Jena  Pfarrer Jochen Heinecke will stets dicht an den Beamten sein – Sie sind häufiger in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einbezogen

Oft rückt die Polizei mit schwerem Gerät an. Zum Einsatz kommen soll es nicht. Dennoch: Immer mehr Beamte sehen sich Situationen ausgesetzt, die sie belasten. Der Polizeiseelsorger spricht mit ihnen darüber. Foto: Tino Zippel

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Üble Sätze dringen in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Lautsprechern. Der Redner greift offen den Einsatzleiter der Polizei ein. Er beleidigt ihn, attackiert ihn persönlich.

Am Rande dieser Szenerie hat sich Jochen Heinecke zurückgezogen. Er beobachtet sehr aufmerksam, was sich abspielt. Immer wieder sieht man ihn im Gespräch mit Polizeibeamten. Er hört ihnen zu, manchmal redet er auch. Jochen Heinecke ist der Landespolizeipfarrer. Seit 2015 arbeitet er in diesem Beruf. Gerade in extremen Drucksituationen, wie der gerade beschriebenen, betreut er die Polizisten – er gibt ihnen Rat, steht zur Seite. So beschreibt er auch das Wesen des seelsorgerischen Dienstes: "Polizeiseelsorge ist immer eine Arbeit für andere."

Obwohl der 59-jährige evangelische Pfarrer erst verhältnismäßig kurze Zeit in diesem Amt seinen Dienst verrichtet, liegen seine ersten Berührungspunkte schon weiter zurück. Er blickt im TLZ-Gespräch auf das Jahr 1974 zurück. Damals, als gerade 17-Jähriger, sei er in seiner Heimatgemeinde schon immer um Weihnachten herum zu den Polizisten gegangen – man habe ihnen kleine Präsente gebracht, um deutlich zu machen: "Gut, dass es euch gibt." Was Heinecke heute wie damals festgestellt hat: "Es gab und gibt ein Spannungsfeld bei Polizisten." Sie haben sich gefreut, dass jemand an sie dachte. Auf der anderen Seite hätten sie, zur Neutralität angehalten – das war auch zu DDR-Zeiten so – eigentlich die kleinen Präsente nicht annehmen dürfen.

Heinecke kennt den Dienst in der Seelsorge für Einsatzkräfte schon lange. 1992 baut er mit anderen die Notfallseelsorge hierzulande auf. Auch da gibt es schon einen intensiven Kontakt zur polizeilichen Arbeit. Noch immer hat er eine halbe Stelle.

Es wird geächtet, aber doch zugelassen

Es gehört zum Alltag, schlimme Nachrichten übermitteln zu müssen. Heinecke begleitet sowohl Polizisten als auch Rettungskräfte dabei – er ist es, der bei jenen bleibt, die von den Polizisten oder Rettungskräften mit diesen schlimmen Nachrichten zurückgelassen werden müssen, weil schon wieder die Pflicht anderswo ruft. Nicht selten aber haben die dann ein mulmiges Gefühl – das ist, was ihnen der Polizeiseelsorger nehmen kann. Es sind aber auch Probleme, die immer schon existiert haben: Polizeibeamte begegnen dem Tod, werden sehr oft mit Gewaltanwendung konfrontiert, mit schweren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Vor allem letztere bestimmen heute mehr denn je den polizeilichen Alltag – und auch die seelsorgerischen Gespräche, die der Thüringer Polizeipfarrer führt. "Polizisten werden viel mehr und viel häufiger dort hinein gezogen, als früher", sagt Heinecke. Es sind die zahlreichen Demonstrationen aus politischen Gründen, die abgesichert werden müssen. Hinzu kommen auch die Einsätze rund um die Flüchtlingsunterkünfte oder bei der Ankunft oder Ausweisung von Asylbewerbern.

Was Heinecke dabei spürt, bereitet vor allem den Beamten, mit denen er darüber spricht, große Sorgen. "Dass die Gewalt- und Respektschwelle gegenüber den Polizisten immer weiter sinkt, macht den Beamten sehr zu schaffen." Wieder erinnert er an jene Demo in Jena, bei der der Polizeiführer verbal überhart attackiert wurde.

Bei den Polizeibeamten würde das immer stärker auch ein Gefühl der Unsicherheit auslösen. Sie hielten es beispielsweise für schwierig, an Tagen wie dem 9. November Demonstrationen wie in Jena durchzuführen. Aber sie sind auch verpflichtet, diese neutral und ohne ansehen der Personen abzusichern – immer in dem Bewusstsein, dass es Barrikaden geben wird, möglicherweise auch Gewalt angewendet werden muss und dadurch schlechte Bilder in der Öffentlichkeit erzeugt werden. "Die Polizisten stehen immer dazwischen mit dem Gefühl, dass es doch nicht sein kann, dass Demonstrationen an einem solchen Tag wie dem 9. November geächtet, dann aber doch zugelassen werden."

Hinzu kommt, und das kritisiert Heinecke deutlich: "Polizisten verspüren nicht immer den gesellschaftlichen Rückhalt, den es braucht." Immer wieder wird das gerade an Tagen, wie in Jena deutlich, wenn von allen Seiten die Beamten für ihr Handeln kritisiert werden. Darüber wollen sie sprechen – und finden in der Polizeiseelsorge Gehör.

Begleiten und ermutigen, mit diesen Leitmotiven geht der Landespolizeipfarrer an seine Aufgabe. Und: Er versucht dabei zu sein, wenn es zu Konfliktsituationen kommt. Oft, sagt er, ergeben sich seelsorgerische Gespräche am Rande solcher Situationen. Dann müsse man dabei sein – und zuhören. Seelsorgerische Arbeit bei der Polizei, das ist aus Sicht von Pfarrer Heinecke kein Termingeschäft und gerade deshalb auch nicht in Zahlen oder abrechenbaren Gesprächen messbar.

"Empathie" – Eigenschaft eines guten Polizisten

Wer ihn fragt, wie intensiv seine Dienste in Anspruch genommen werden, der bekommt eben genau diese Antwort. Und Heinecke zieht einen Schluss aus seinen Erkenntnissen, der aufhorchen lässt: "Die Situation bei der Polizei ist angespannt." Das sagt er mit Blick auf die personelle Situation, die in diesem Jahr immer wieder Teil der öffentlichen Debatte gewesen ist. Zuletzt, als eine Polizeibeamtin aus Mühlhausen einen "Hilferuf" verfasste, den einige Tage später auch deren Kollegen der gewerkschaftlichen Gruppe aus Erfurt unterstützt haben.

Viel offener werden die Themen heute diskutiert. Das, sagt Pfarrer Heinecke, hat sich verändert. Im Gegensatz zu den Problemen. "Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte wünschen sich Begleitung und sind heute viel gesprächsbereiter, als früher", sagt er. Gerade bei den jüngeren Beamten gehöre das zum alltäglichen Leben.

Und Heinecke erzählt vom berufsethischen Unterricht, den er an der Meininger Polizeischule gibt. Dort habe er jüngst gefragt, was aus Sicht der Anwärter für einen guten Polizeibeamten wichtig sei. "Empathie." Die Antwort überraschte den Pfarrer selbst etwas, wie er offen eingesteht.

Es ändere sich einiges bei der Polizei – wer hätte vor einigen Jahren wohl Einfühlungsvermögen als eine besondere Eigenschaft für einen Polizeibeamten beschrieben? Es ist eine rhetorische Frage.

Der Polizeipfarrer kann dieser Entwicklung durchaus positive Aspekte abgewinnen. Für ihn zeigt das nicht nur, dass Polizisten "unter dem Helm nicht alle hart und gefühllos werden". Daraus, meint Heinecke, ergeben sich für die Beamten im Ernstfall Handlungsmöglichkeiten, die vielgestaltiger seien. Er zitiert an dieser Stelle gern Wolf Biermann mit dem Satz: "Lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit." Ein Satz, der aktuell sei wie nie.

Welche Rolle spielt eigentlich der Glaube in der Arbeit eines Polizeipfarrers? Heinecke muss schmunzeln, weil mit dieser Frage gerechnet hat. Eigentlich, das könnte die banale Annahme sein, wäre seine Arbeit doch gut durch einen Beauftragten oder Sozialarbeiter regelbar?

Der Geistliche macht deutlich, wo der Glaube halt gibt. Ihm selbst zum Beispiel. "Ich könnte nicht an Orte des Todes gehen, wenn ich nicht diese Hoffnung hätte, dass der Tod nicht das letzte Wort hat."

Aber auch das Gespräch mit Polizeibeamten, ob diese nun konfessionell gebunden seien ist an dieser Stelle nicht entscheidend, würde noch einmal eine ganz andere Dimension erhalten – das sah man im Dezember übrigens auch beim Gottesdienst für die Einsatzkräfte in Suhl: Die ökumenische Messe war mit 300 Personen sehr gut besucht.

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