Sorge um Radikalisierung von Flüchtlingen im Südharz - Nordhausen kein Brennpunkt

Nordhausen. In Gemeinschafts-Asylunterkünften zu wohnen, kann auf die Dauer zu Frust führen. "Das war uns schon klar vor dem Amoklauf auf dem Berliner Weihnachtsmarkt", sagt Mohamed Fayez Ahmed Sayed, Chef des Integrationsbeirates im Landkreis Nordhausen. Am Ende könnte eine ungewollte Radikalisierung stehen. Sayed setzte das Thema nun auf die Tagesordnung des Gremiums.

<p>Erst diese Woche hatte ein Ereignis in Nordhausen ein Schlaglicht auf das Problem geworfen. Ein Mann hatte versucht, sich im Landratsamt mit einer Rasierklinge zu verletzen. Zugleich sorgt sich Sayed wegen Berichten, dass bisher nichtreligiöse Flüchtlinge sich zunehmend in die Moschee begäben und dafür den Sprachunterricht schwänzten.</p> <p>Alles in allem Zeit, sich einen Experten vom Thüringer Verfassungsschutz einzuladen: Richard Willsch. Der stellte klar, dass seine Behörde weitaus mehr mit Links- und Rechtsextremismus zu tun habe als mit Islamismus. Er räumte zunächst mit einigen Vorurteilen auf. So gebe es in den Staaten mit den meisten Muslimen Demokratien - etwa in Indien oder Indonesien. Und der Koran besage, dass man die Religion des anderen akzeptieren müsse.</p> <p>Zum Thema Radikalisierung meint er, diese sei von oben allein nicht zu verhindern. Es brauche dazu eine Bewegung von unten. Mohamed Sayeds Ansatz wäre solch eine.</p> <p>Wann ist der Islam extremistisch? Immer dann, wenn der Koran und die Sunna - die beiden religiösen Grundlagen - bestimmen sollen, wie der Staat auszusehen habe, wenn die Rechte anderer beschnitten werden sollen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts entstand der Islamismus, als Gegenbewegung zur Schwäche islamischer Länder, zur Kolonialisierung durch den Westen. Ehemalige Stärke sollte wieder gewonnen werden. Man bedenke, wir schreiben heute mit arabischen Zahlen. Wesentliche Literatur wurde einst zunächst ins Arabisch übersetzt, danach erst in Lateinische.</p> <p>Drei bis vier Prozent aller Extreme stehen heute dem Extremismus nahe oder seien Extremisten, meint der Verfassungsschützer. Davon versuchten einige, auf legalen Wegen die Gesellschaft zu verändern (Beispiel Muslimbruderschaft), andere betrieben Propaganda und akzeptierten keine andere Lebensform (Salafisten). Sie unterteilten klar in Gut und Böse. Dschihadisten nutzten schließlich Gewalt, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Der islamische Staat stehe am Ende als Ziel bei allen Gruppierungen.</p> <p>Der Salafismus als islamistische Bewegung wachse schnell. Seit 2010 wird er beobachtet. Die Zahl der Anhänger wuchs in Deutschland von geschätzten 3000 auf fast 10.000 Anhänger. Nicht alle seien Terroristen. Den Salafismus sieht Willsch eher als Durchlauferhitzer für spätere Terroristen. Er lehne von Menschen gemachte Gesetze ab und stehe für eine starke Benachteiligung der Frau.</p> <p>Der Salafismus setze aber dort an, wo gut zu radikalisieren ist. Wenn es Sorgen und Probleme gibt. Womit man bei der Gemeinschaftsunterkunft auch im Südharz ist. Dort herrscht die Angst, bald wieder ins Heimatland zu müssen. Dort hat man Sorge, keine Arbeit zu finden, sich nicht integrieren zu können. "Die Salafisten füllen eine Lücke, die die Gesellschaft hinterlässt", meint Richard Willsch. Auch bei denen, die schon in Deutschland geboren sind. Ihr Nährboden: mangelnde Integration.</p> <p>Mohamed Sayed sieht in den jüngsten Flüchtlingen geeignete Kandidaten für die Salafisten, eben weil sie unsicher seien. Im schlechtesten Fall sei ein Salafist der erste Ansprechpartner im neuen Land. Nicht zu vergessen: Viele Flüchtlinge seien genau vor diesen Hardlinern geflohen. Allerdings wünscht sich Willsch noch mehr selbstbewusstes Auftreten von Muslimen gegen den Islamismus. Auch in den Schulen würde er gern mehr Aufklärung über Extremismus sehen. Es brauche Gegenargumente gegen Großmäuler wie Ober-Salafist Pierre Vogel. Im Idealfall kämen diese Aufklärer aus den eigenen Reihen.</p> <p>Dass Ausbildung dauert und es oft Jahre dauert, beruflich Fuß zu fassen, merkt eine Zuhörerin an. Es gehe meist nicht, schnell Geld zu verdienen. Das führe zu Frustration. Noch schwerer hätten es die, die in ihrem Herkunftsland keine große Bildung erfahren hätten.</p> <p>Radikalisierung lässt sich übrigens anhand einiger Indikatoren erkennen: etwa eine Abschottung gegenüber Ungläubigen, eine Verherrlichung von Märtyrern oder Missionierungsversuche.</p> <p>Der Integrationsbeirat in Nordhausen würde gern seinen Integrationsplan weiterentwickeln, um Radikalisierung vorzubeugen. Interessant zu wissen: Salafismus ist ein Phänomen, das fast immer in Deutschland entsteht.</p> <p>Wie kann man nun in den Unterkünften gegen das Phänomen angehen? Der Verfassungsschützer kann dazu wenig sagen. Er schreitet erst ein, wenn die Luft brennt. Für die Vorbeugung ist die Zivilgesellschaft zuständig. Willsch geht von 100 Salafisten in Thüringen aus. Diese seien nach aktuellem Erkenntnisstand nicht gewaltbereit. Nordhausen ist momentan kein Brennpunkt.</p>

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