Soziologe: „Wer Weimar als Menetekel begreift, kommt zu falschen Schlüssen“

Erfurt  Der Soziologe und Ostdeutschland-Experte Raj Kollmorgen zu den Parallelen der heutigen Situation und der Weimarer Republik.

Auf die „Woche der Demokratie“ verweist das Banner am Deutschen Nationaltheater in Weimar, wo am Mittwoch der Festakt „100 Jahre Weimarer Nationalversammlung“ begangen wird.

Auf die „Woche der Demokratie“ verweist das Banner am Deutschen Nationaltheater in Weimar, wo am Mittwoch der Festakt „100 Jahre Weimarer Nationalversammlung“ begangen wird.

Foto: Martin Schutt/dpa

Raj Kollmorgen, 1963 in Leipzig geboren, gilt als einer der wichtigsten Sozialforscher in Ostdeutschland. Er studierte in Ost-Berlin Philosophie, hatte nach Promotion und Habilitation eine Vertretungsprofessur an der Universität in Jena inne und ist seit 2013 Professor für Soziologie an der Hochschule Zittau/Görlitz. Wir sprachen mit ihm darüber, wie die Erfahrungen der Weimarer Republik für die Erklärung des heutigen Zustands der Gesellschaft hilfreich sein können.

Herr Kollmorgen, extremistische Aufmärsche und Überfälle häufen sich. Die Demokratieverdrossenheit steigt. Die Befürchtungen wachsen, dass es der Bundesrepublik wie der Weimarer Republik gehen könnte. Ist das nicht übertrieben . . .

. . . und unhistorisch? Ja, auf jeden Fall. Trotzdem gibt es Parallelen und zwar aus einer politischen Perspektive. Wir erleben eine Polarisierung der Debatte, eine Ideologisierung von Sprache und Gesellschaft, die neue politische und kulturelle Konfliktsituationen spiegelt – und sie zugleich schafft. Das kann auf Dauer den demokratischen Prozess belasten und sogar erodieren lassen.

So wie ab Ende der 1920er-Jahre?

Da gab es, oberflächlich betrachtet, durchaus ähnliche Phänomene. Wenn wir uns fragen, was wir gerade erleben, lässt sich der Vergleich zu Weimar nutzen – als Reflexionsfläche für das eigene politische Handeln. Aber man sollte diesen Vergleich keinesfalls überdehnen. Es gibt aus historischer Perspektive entscheidende Unterschiede.

Deutschland litt unter den Kriegsfolgen, unter Straßenkämpfen . . .

. . . und unter der Weltwirtschaftskrise. Die sozioökonomischen, politischen, kulturellen und außenpolitischen Rahmenbedingungen waren völlig andere. Das reicht vom Wohlfahrtsstaat bis zum Bildungsniveau. Und es gab noch nicht die traumatische Erfahrung des Nationalsozialismus. Das heißt, wer Weimar schlicht als Menetekel begreift, kommt zu falschen Schlüssen.

Und zwar zu welchen?

Bevor ich das beantworte, muss ich nochmals einen der zentralen Unterschiede betonen. Am Ende der Weimarer Republik gab es existenzielle Nöte in großen Teilen der Bevölkerung. Die Folgen des Krieges mit Versehrten, Reparationen, verlorenen Gebieten waren überall spürbar. Der Hyperinflation zu Beginn der Zwanzigerjahre folgte 1929 die Weltwirtschaftskrise, auf die unter Reichskanzler Brüning mit einer rigiden Sparpolitik reagiert wurde. Die Folge war massenhafter Hunger, nicht wenige kämpften um das nackte Überleben. Selbst die, denen es einigermaßen ging, mussten fürchten, deklassiert zu werden und in Armut abzurutschen. Das Vertrauen in die junge, noch unerfahrene Demokratie litt darunter, und man ergriff das, was man als rettenden Strohhalm sah, und wählte vielfach radikale Ideologien und Parteien, die schnelle und endgültige Besserung versprachen.

Liveblog: 100 Jahre Weimarer Republik – Ausnahmezustand in der Stadt

Die 200 Tage von Weimar - Wie die Stadt die Nationalversammlung erlebte

„100 Jahre Weimarer Nationalversammlung“: Drohnenverbot und Straßensperrungen in ganz Weimar

Und heute ist das so anders?

Es gibt auch heute in der Bundesrepublik Existenznöte, Abstiegsängste und Ungerechtigkeitserfahrungen, nicht zuletzt in Ostdeutschland. Aber die sozioökonomischen Bedingungen sind gänzlich andere. Wir leben in einer Massenwohlstandsgesellschaft. Die große Mehrheit, auch in den neuen Ländern, schätzt ihre eigene finanzielle und wirtschaftliche Situation als gut bis sehr gut ein. Es ist daher nur eingeschränkt sinnvoll, wenn jetzt vor allem die Regierungsparteien vor den Wahlen den Osten entdecken und mehr Rente, höhere Löhne, Steuersenkungen oder die Ansiedlung neuer Bundesbehörden versprechen.

Falsch ist das aber nicht.

Nein, natürlich nicht. Ich wohne in Görlitz, ich weiß um die Strukturprobleme gerade in Regionen jenseits der großen Städte. Und ich weiß, dass hier vieles verbesserungswürdig ist. Aber zu glauben, dass man mit ein paar Umverteilungsmaßnahmen und Förderprogrammen die Leute glücklich machen und mit unserem politischen System versöhnen kann, ist Unsinn. Die Unzufriedenheit hat nur zu einem geringen Teil mit der wirtschaftlichen Situation zu tun. Das geht tiefer.

Okay, gehen wir tiefer: Jüngere Umfragen werden so interpretiert, dass die Ostdeutschen nicht demokratisch genug seien. Ist diese Schlussfolgerung richtig?

Erst einmal muss doch die Frage gestellt werden, welche Art Demokratie gemeint ist, was unter Demokratie verstanden wird seitens der Fragenden und vor allem: Seitens der Gefragten.

Die westliche, mit Parlamentarismus, Gewaltenteilung, Menschenrechten. Oder nicht?

Gut, aber einmal abgesehen von dieser Vorentscheidung, die andere Demokratiemodelle ausschließt: Selbst die sogenannte westliche Demokratie kennt unterschiedliche Ausformungen. Das bundesrepublikanische Modell unterscheidet sich deutlich von der französischen Präsidialdemokratie oder vom mit starken direktdemokratischen Elementen ausgestatteten System der Schweiz. Wenn man Westdeutsche fragt, ob sie die in Deutschland gelebte Demokratie für die beste Staatsform halten, eine Staatsform, mit der sie aufwuchsen, mit der sie überwiegend gute Erfahrungen gemacht haben . . .

. . . dann antworten, wie zuletzt in einer Allensbach-Umfrage, 77 Prozent mit Ja – während es bei den Ostdeutschen nur 42 Prozent sind.

... woraus viele Politiker und Journalisten den Schluss ziehen, dass fast 60 Prozent der Ostdeutschen autoritär oder gar antidemokratisch eingestellt sind. Doch so einfach ist das natürlich nicht.

Wurde zu pauschal abgefragt? In der hiesigen Langzeitstudie, dem Thüringen-Monitor, sagten voriges Jahr 83 Prozent der Befragten, dass die Demokratie die beste Staatsidee sei. Zufrieden mit der Demokratie in Deutschland sind nur 54 Prozent.

Das liefert schon ein präziseres Bild. Es ist doch geradezu selbstverständlich: Dort, wo es eine kürzere, aber auch eine intensivere, weil revolutionäre Demokratieerfahrung gibt – ich meine hier die Jahre 1989 und 1990 –, wird Demokratie auch schneller hinterfragt. Zuweilen geschieht das grundsätzlich, in der Regel aber mit Blick auf die konkreten Formen und Prozesse von Führung, Organisation und Bürgerbeteiligung. Zudem besitzen viele Ostdeutsche vor dem Hintergrund der Geschichte der DDR eine andere Vorstellung von Demokratie. Und sie haben in den letzten 30 Jahren andere Erfahrungen gemacht als die Bürgerinnen und Bürger in Westdeutschland in 70 Jahren.

Umfragen und Wahlen besagen: Viele Ostdeutsche wollen einen starken, sicheren, und auch demokratischen Versorgerstaat, gegen den sie aber gleichzeitig revoltieren. Ist das ein Erbe von DDR, Revolution und Nachwende?

Das ist ein zentraler Punkt. Es gibt im Osten eine Tradition der Staatsfixierung, aber auch eine Kulturgeschichte der Empörung und des politischen Protestes gegen den Staat. Das wurde bereits im Staatssozialismus geformt, vor allem aber im Jahr 1989 und den Jahren danach, als man gegen Firmenschließungen demonstrierte und in den Hungerstreik ging. Und das reicht bis zu den Montagsdemonstrationen gegen die Agenda 2010. Es gibt die Erfahrung, dass Protest gegen die da oben funktionieren kann. Deshalb hat Pegida, selbst wenn dies viele Bürgerrechtler nicht gerne hören mögen, auch etwas mit den Demonstrationen von 1989 zu tun.

Aber liegt nicht unter dem Protest auch ein tiefes Misstrauen?

Die verbreitete Distanz gegenüber politischen Institutionen und Parteien rührt aus der Erfahrung des Obrigkeitsstaates DDR mit seinen Blockparteien und Pflichtorganisationen. Sie rührt aber auch aus den Erfahrungen nach 1989, als den Menschen im Beitrittsprozess ein ganzes Gesellschaftssystem übergestülpt wurde – wobei die alte Bundesrepublik nicht nur die Institutionen und Organisationen lieferte, sondern auch einen Großteil der Funktionseliten.

Bevor wir uns Ostdeutschen Generalabsolution erteilen: Zeigen die Studien nicht auch, dass es in den neuen Ländern mehr Rechtsextremisten und Demokratiefeinde gibt?

Richtig. Diese Gruppe ist deutlich größer und anders strukturiert als in Westdeutschland, und liegt, je nachdem wie man misst, bei bis zu 15 Prozent der Bevölkerung.

Und können nicht 15 Prozent, plus Mitläufer, irgendwann reichen, um eine Demokratie von innen heraus zu zerstören. Hat das nicht auch Weimar gezeigt?

Wie ich schon eingangs sagte: Aus politischer Perspektive ist es richtig, die Nähen zu thematisieren. Der Nationalsozialismus ist nicht vom Himmel gefallen; er ist mitten in der Gesellschaft entstanden. Es brauchte keine formellen parlamentarischen Mehrheiten der Nazis, um die fragile Demokratie aus den Angeln zu heben . . .

. . . zumal ja auf der anderen Seite die Kommunisten auch Gegner der Republik waren . . .

. . . und die Mitte dazwischen in Teilen zumindest demokratieskeptisch war. Viele der autoritär orientierten Menschen begrüßten nach 1933 grundsätzlich, was Hitler und die Nationalsozialisten taten. Sonst könnte man auch gar nicht erklären, was in den zwölf Jahren mit offener oder klammheimlicher Zustimmung der Menschen an Schrecklichem passierte.

Ein historischer Kalauer lautet: Die Weimarer Republik war eine Demokratie ohne Demokraten.

Jedenfalls waren die Demokraten oft in der Minderheit. Interessant ist, dass diese Sentenz auch für Osteuropa nach 1989 genutzt wurde. Weder das Wissen um noch die Wertschätzung für demokratische Regeln und Routinen sind selbstverständlich. Jede demokratische Staatsform benötigt Zeit, um durch die Bevölkerung angeeignet und verankert zu werden.

Wurden also die Ostdeutschen nicht genügend mitgenommen?

Die Menschen hierzulande sind zu wenig eingebunden, anerkannt, ja überhaupt wahrgenommen worden. Der Aufbau Ost wurde ganz wesentlich vom Bundeskanzleramt unter Einbindung der westdeutschen Führungsgruppen von Industrie, Gewerkschaften und anderen wichtigen Verbänden geplant und exekutiert. Es interessierte kaum, was die Menschen in der ostdeutschen Provinz bewegte, die gerade die Demokratie erkämpft hatten. Das rächt sich heute.

Was also tun?

Zur Kenntnis nehmen, was ist – und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Eine große Gruppe Ostdeutscher sieht sich mit ihren Biografien und Leistungen bis heute nicht ausreichend respektiert und nicht adäquat in die gesellschaftlichen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden. Das gilt für die Bundes-, Länder-, ja selbst die Kreisebene. Sie haben hingegen gelernt, dass Protest funktioniert, ob nun auf der Straße oder wenn sie Protestparteien wählen.

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.