SPD schickt Carsten Schneider als Spitzenkandidaten in Bundestagswahl

Erfurt  Mit einer jungen Frau und dem Ex-Chef in der Spitze zieht die Thüringer SPD in den Bundestagswahlkampf.

Der Thüringer SPD-Vorstand schickt Carsten Schneider als Spitzenkandidaten in die Bundestagswahl. Foto: Tim Brakemeier

Der Thüringer SPD-Vorstand schickt Carsten Schneider als Spitzenkandidaten in die Bundestagswahl. Foto: Tim Brakemeier

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Es ist kurz nach 12 Uhr am vergangenen Samstag, als sich für Christoph Matschie auf der Erfurter Messe ein Lebenskreis schließen soll. Im Jahr 1989, da war er Theologiestudent, gründete er in Jena die SPD mit und stieg steil in ihr auf. DDR-Vorstand, Bundestag, Leitung des Umweltausschusses: Er galt als eines der politischen Talente aus dem Osten.

Dann die Karriere in Thüringen: SPD-Vorsitzender, Landtagsfraktionschef, später Minister und Vize-Ministerpräsident. Über eineinhalb Jahrzehnte personifizierte Matschie die Landespartei. Doch immer musste er kämpfen – nicht so sehr gegen den politischen Gegner, sondern eher mit der eigenen Partei. Zuweilen ging es für ihn um alles oder nichts.

Schließlich, nach dem Absturz zur Landtagswahl 2014, entledigte sich die Partei seiner – was aber auch daran lag, dass er zuvor im politischen Überlebenskampf keine Gefangenen gemacht hatte. Als einfacher Landtagsabgeordneter hielt er zwar trotzig am Sitz im SPD-Bundesvorstand fest: Aber seine Zeit schien mit Mitte 50 vorbei.

Am Samstag jedoch, auf dem Landesparteitag der SPD, zieht er nochmals in den Kampf. Er will dorthin zurück, wo er damals anfing, zurück in den Bundestag. Der Neuanfang der SPD, es soll auch sein Neustart sein.

Es geht um Platz 3 der Landesliste, also den letzten Platz, der noch einigermaßen sicher ein Mandat bedeutet. Auch die aktuelle SPD-Landesgruppe in Berlin besteht aus nur drei Abgeordneten. Die Delegierten müssen sich zwischen Matschie und Steffen Lemme entscheiden, der seit 2009 im Bundestag sitzt.

Abgesehen davon, dass um die Posten gekämpft wird, fühlt sich die Partei jedoch ziemlich gut. „Die SPD ist wieder da, und das ist gut für unser Land“, ruft der eigens angereiste Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann in den Applaus hinein: Viele, sagt er, könnten sich gar nicht mehr erinnern, dass die Partei in Umfragen vor der Union gelegen habe. Aber wer weiß schon, ob der Aufschwung hält. Und einen Wahlkreis dürfte die SPD so oder so kaum gewinnen. Also zählt die Liste, also zählen die Plätze 1 bis 3.

Dass es knapp wird, weiß jeder im Saal

Als Spitzenkandidat wird wieder Carsten Schneider gewählt, ohne Gegenkandidaten und mit 87 Prozent. Niemand wagt es, den stellvertretenden Landeschef und Vize-Bundestagsfraktionschef anzugreifen.

Bei Platz 2, der für eine Frau reserviert ist, beginnt dann der Kampf. Die Ost-Beauftragte Iris Gleicke, die früher auf dieser Position kandidierte, gibt ihr Mandat auf. Als Ersatz hat der Vorstand seine Schatzmeisterin Petra Heß (57) vorgeschlagen, die schon im Bundestag saß: Das „erfahrene Zirkuspferd“, wie sie sich selbst am Mikrofon bezeichnet. Gegen sie tritt Elisabeth Kaiser an, 29 Jahre alt, und Pressesprecherin der Landtagsfraktion, die die rhetorisch bessere, wenn auch etwas bemüht-nervöse Rede hält.

Dass es knapp wird, weiß jeder im Saal. Für Heß sprechen ihre früheren, überdurchschnittlichen Wahlkreisergebnisse und ihre Nähe zur Basis. Hinter Kaiser stehen aber nicht nur die Jusos, sondern auch Mitglieder der Parteispitze wie Finanzministerin Heike Taubert. Sie wollen einen Neuanfang.

Den Unterschied macht wohl Gleicke. Die Abgeordnete hält eine furiose Rede für die junge Angreiferin. Sie selbst, sagt sie, sei nach der Wende mit 26 Jahren in den Bundestag eingezogen – habe also jene Chance bekommen, die jetzt Kaiser zustehe. Am Ende stimmen für die Herausforderin 100 Delegierte, für Heß 87. Damit, das ist klar, wird es für den Matschie schwieriger, der vom Vorstand für Platz 3 vorgeschlagen worden ist. Die sowieso brüchigen Absprachen gelten nicht mehr.

Der frühere Parteichef, der sich neuerdings einen sportlichen Bart stehen lässt, hält nicht die typische Kandidatenrede, sondern redet von der Welt, die aus den Fugen geraten sei. Wie damals, 1989, gehe es um die Demokratie an sich. „In dieser Situation“, sagte er, „möchte ich nicht am Spielfeldrand stehen.“

Zwar begeistert er damit den Saal nicht. Doch Lemme tritt noch braver auf. Die Delegierten reagieren gespalten, für Lemme votieren 95, für Matschie 93. Dank etlicher Enthaltungen und einer ungültigen Stimme fehlt dem Bundestagsabgeordneten genau ein Kreuz für die absolute Mehrheit. Also muss nochmals abgestimmt werden, und siehe da: Matschie hat 100 Delegierte hinter sich, Lemme nur 90.Und so wird, wenn die SPD doch nicht wieder abstürzt, Christoph Matschie im September in den Bundestag zurückkehren. Der Kreis kann sich schließen.

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