Starke Kritik an Entwürfen für die Neugestaltung des Herderplatzes

Als zu beliebig und der Geschichte des Platzes nicht angemessen, die eigentlich die Geschichte mehrerer Plätze ist, sehen Kritiker die Pläne fürs Areal um die Stadtkirche an. Ansatzpunkte, dass sie Weimars Alter Mitte nicht gerecht werden, haben viele gesammelt.

Dietmar Gummel hat sich intensiv mit dem Herderplatz befasst. Sein Blickfeld geht weiter als die vorgelegten Entwürfe. Foto: Thomas Müller

Dietmar Gummel hat sich intensiv mit dem Herderplatz befasst. Sein Blickfeld geht weiter als die vorgelegten Entwürfe. Foto: Thomas Müller

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Weimar. Sachlich ist die Kritik, aber deutlich, die der Weimarer Architekt Dietmar Gummel am Siegerentwurf für die Neugestaltung des Herderplatzes hat. Die terrassenförige Abstufung von der Kirche in Richtung Kaufstraße findet er ausdrücklich gut: "Die Treppe ist eine schöne Idee. Sie nimmt die Kontur der alten Kirchenmauer auf und lenkt den Verkehr", sagt Gummel. Allerdings hätten ihm dabei andere Entwürfe deutlich besser gefallen als jener des Siegers.

Gummel ist in Sachen Herderplatz nicht einfach ein Architekt. Vielmehr hatte er 2009 die Broschüre "Der Herderplatz - Weimars ,Alte Mitte’" vorgelegt, die sich sowohl der Geschichte als auch der bauhistorischen Untersuchung widmet. Allerdings: Obwohl das 70-seitige Heft vom Stadtentwicklungsamt herausgegeben wurde, war Dietmar Gummels Sachverstand in der Jury für den Ideen-Wettbewerb nicht gefragt.

Dem Architekten fiel beim Sieger-Entwurf sofort auf, dass selbst die Darstellung in Sachen Himmelsrichtung nicht korrekt ist. Schwerer wiegen für ihn ebenso wie für Werner Gall und Jochen Hucke, einst Archäologen im heutigen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und an der Broschüre beteiligt, die gestalterischen Vorstellungen.

Unnötig und unpassend finden sie, dass die fünf Bäume an der Platzkante zur Kaufstraße fallen sollen. Hucke hängt an ihnen, weil er einige davon 1989, als gerade die Friedensgebete in der Stadtkirche stattfanden, selbst mit der IG Stadtgrün dort gepflanzt hat. "Das war unser stiller Protest gegen den Niedergang der Innenstadt", sagt er heute. Gummel sieht die Baumfrage aus anderer Sicht: Vom Markt aus verlief die Gasse früher viel schmaler auf den Platz zu. Dadurch wurde der Blick etwa der Pennäler am Morgen direkt auf die riesige Schule gelenkt, die auf sie wartete. Würden vier der Bäume lediglich mit barockem Anklang in Form geschnitten und einer gefällt werden, könnte die Sichtachse auferstehen. Statt dessen bietet der Siegerentwurf eine Frontale auf Kirche und alte Schule.

In Vergessenheit geriet mit dem Wettbewerb auch die Idee, an der Westseite - also an der höchsten Stelle des Platzes zum Eisfeld hin - durch einen Neubau wieder einen schmale Gassenzugang zu schaffen. Dadurch könnte zugleich mehr Platz für den Herderladen und das Café entstehen. Unzufrieden sind Gummel und Hucke ebenso, dass nur ein Entwurf überhaupt den alten Lotte-Lauf von dort zur Kaufstraße und weiter in Richtung Graben aufgenommen hat. "Andere Städten reißen sich darum, wieder Wasser in die Städte zu holen", betonte Hucke. Überdies fehle der Ansatz, Behinderten "in Würde" einen barrierefreien Zugang über das Hauptportal in die Kirche zu ermöglichen.

Als Fazit aus den Vorschlägen entstehe der Eindruck der "Beliebigkeit". Dabei stelle der Herderplatz, der über die Zeit aus mehreren Plätzen entstanden ist, eine Besonderheit dar. Statt jedem einzelnen mit seinen unterschiedlichen Baustilen einen eigenen Raum zu geben, dominiere nur noch Leere.

Volkommen außen hätten alle Entwürfe zudem die Tatsache gelassen, dass auf dem einstigen Friedhof allein tausende Pest-Opfer bestattet wurden. Ignoranz erlebte Gummel in dieser Frage bereits Ende der 70er bzw. Anfang der 80er Jahre. Bei Funden im Zuge von Kanalarbeiten hörte er den Satz: "Die Knochen sind viel zu jung, die können Sie nach Süßenborn schaffen."

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