Streit um Beitragsfreiheit der Kinderbetreuung in Thüringen

Erfurt  In Thüringen wird das zweite Kindergartenjahr kostenfrei. Die Landeselternvertretung drängt auf die komplette Abschaffung der Gebühren. Politiker setzen jedoch andere Prioritäten.

Der von Friedrich Fröbel geprägte Begriff Kindergarten soll in Thüringen wieder in den Vordergrund gerückt werden.

Der von Friedrich Fröbel geprägte Begriff Kindergarten soll in Thüringen wieder in den Vordergrund gerückt werden.

Foto: Monika Skolimowska/dpa

Während die Landeselternvertretung der Kindertagesstätten auf die komplette Beitragsfreiheit bei der Kinderbetreuung drängt, setzen die Politiker andere Prioritäten.

Eine Befreiung der Eltern von den Beiträgen löse das Kernproblem der fehlenden Plätze und Erzieherinnen im Freistaat nicht, erklärte etwa FDP-Landeschef Thomas L. Kemmerich, in einer vom Journalisten Thorsten Büker moderierten Podiumsdiskussion am Wochenende in Erfurt.

Das Problem werde sich eher noch verschärfen, räumte Torsten Wolf von den Linken ein. „In den Thüringer Kindereinrichtungen ist rund ein Viertel des Personals älter als 55 Jahre“, verwies Wolf auf den Ersatzbedarf bei Renteneintritt. Hinzu komme der beschlossene veränderte Betreuungsschlüssel, der ebenfalls Personal erfordere.

Er halte die Abschaffung der Beiträge für ein erstrebenswertes Ziel, das aber bei einer sofortigen Einführung den Landeshaushalt sprengen würde, so Bildungsminister Helmut Holter (Linke) . „Schon für die jetzt beschlossenen zwei beitragsfreien Jahre müssen wir 60 Millionen Euro einplanen“, sagte Holter.

Personalmangel in den Kinderkrippen und Kindergärten

Für die Grünen in Thüringen habe eine Verbesserung der Qualität der Kinderbetreuung Vorrang gegenüber einem dritten beitragsfreien Jahr, erklärte Astrid Rothe-Beinlich. Natürlich sei eine kostenlose Bildung ein perspektivisches Ziel, so Rothe-Beinlich. Eine Verbesserung der Qualität der frühkindlichen Bildung sei sicherlich das Ziel aller Akteure, meinte Denny Möller von der SPD. Für seine Partei sei es vordringlich, im Bund auf eine Verstetigung der Mittel aus dem Gute-Kita-Gesetz für die Länder zu streiten. Da müsse beim Koalitionspartner noch einige Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Bei der Debatte über eine Beitragsfreiheit der Kinderbetreuung werde völlig außer acht gelassen, dass in Zeiten des Fachkräftemangels immer mehr Thüringer Unternehmen diese Kosten für ihre Beschäftigten übernehmen, kritisierte Christian Tischner von der CDU.

Für sie sei der Personalmangel in den Kinderkrippen und Kindergärten das derzeit dringendste Problem, erklärte die Saalfelder Elternsprecherin Franziska Schultheiß. Als Mutter von zwei Kindern erlebe sie hautnah mit, wie in den Einrichtungen „Löcher gestopft werden“, so Schultheiß. Nicht selten greife man daher auf Leute im freiwilligen sozialen Jahr oder im Bundesfreiwilligendienst zurück, um die Lücken zu schließen. Das werde in keiner Weise dem Anspruch der Eltern an die Betreuung ihrer Kinder gerecht.

Der Begriff „Kindergarten“ soll wieder normal werden

Erhebliche Probleme ergeben sich laut Franziska Schultheiß durch die Schichtarbeit von Eltern. Sie verwies in ihrer Region auf das Stahlwerk Unterwellenborn oder das Krankenhaus, wo jeweils im Vier-Schicht-System gearbeitet werde. „Das funktioniert vielfach nur, weil die Omas in der Kinderbetreuung mit einspringen“, so Schultheiß.

Man dürfe sich auf gar keinen Fall dem oftmals starren System der Unternehmen unterordnen, erklärte Denny Möller und Astrid Rothe-Beinlich warnte davor, Kinder und Familien dem Erwerbsleben unterzuordnen.

Ihnen hielt CDU-Mann Christian Tischner ein völlig falsches Bild von der Thüringer Wirtschaft vor. Die Unternehmen hätten ein hohes Interesse daran, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten.

Einigkeit herrschte bei Elternvertretern und Politikern darüber, dass man in Thüringen den Begriff Kindergarten wieder in den Vordergrund rücken will. Der Kindergarten sei von Friedrich Fröbel und Thüringen ausgegangen und habe sich international durchgesetzt. Das müsse auch in Thüringen wieder Normalität werden, hieß es.

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