Tamara Thierbach ist Erfurts mächtigste Frau

Die linke Bürgermeisterin liebt die Politik. Sie hasst fehlendes Geld und Vorurteile gegenüber Frauen, Linken und anderen Minderheiten.

Die Erfurter Bürgermeisterin Tamara Thierbach an ihrem Schreibtisch im Rathaus.  Foto: Marco Schmidt

Die Erfurter Bürgermeisterin Tamara Thierbach an ihrem Schreibtisch im Rathaus. Foto: Marco Schmidt

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Erfurt. "Darf ich?" Tamara Thierbach zeigt auf die Zigaretten in ihrem Zimmer. Im Rathaus gilt Rauchverbot.

Wer behauptet denn, dass sie makellos sei? Sie jedenfalls nicht und auf Weichspülerei reagiert die mächtigste Frau der Stadt ohnehin verärgert. Manche nennen sie direkt. Die meinen das nicht nur freundlich.

Vielleicht sind es genau die, die ihr ganz heimlich vor sechs Jahren ihre Stimme zur Beigeordnetenwahl versagt haben. Zweimal gab es 22 Stimmen für sie, ein Patt. Eine einzige mehr hätte gereicht. SPD und Linke hatten 24. Das Los muss entscheiden. Sie hat Glück. Doch sie fühlt sich durch diese Losnummer verletzt. Konnten die, die sie nicht gewählt haben, denn nicht offen mit ihr reden? "Wenigstens war ich das bessere Los", sagt sie schon damals.

Das scheint zu stimmen. Diesmal bekam sie zur Wahl als Bürgermeisterin alle eigenen Stimmen und auch noch zwei aus dem bürgerlichen Lager. Sie freut sich darüber. "Ich arbeite als Bürgermeisterin nicht parteipolitisch." Das sagt sich jetzt, mit einer rot-rot-grünen Mehrheit, möglicherweise leichter als zu Ruges Zeiten.

Ihr Geld aber bleibt knapp. Über die wenigsten Gelder, die sie zu verteilen hat, kann sie frei entscheiden, auch wenn zu ihrem Dezernat 40 Prozent der Angestellten gehören. Pflichtaufgaben der Kommune, heißt das prosaisch. "Aber freiwillige Aufgaben sind auch nicht besser. Das klingt doch, als könnten wir die weglassen."

Doch sie hat für ihr Rathaus zwei Sätze, an denen entlang sie regiert: "Ich will das" und "Das findet nicht statt". Aha, die Urenkelin von August Frölich, dem Landtagspräsidenten bis 1952, mag es deutlich und klar. "Ich will, dass alle Einrichtungen bleiben", sagt sie. Schon gibt es Beifall. Aber über den Satz "eine neue Planstelle für den Kulturbereich findet nicht statt" wird gemault.

Sie liebt mächtige Sätze. "Ich kann mich auch mit dem OB streiten, wenn es nötig ist", sagt sie. Und wieder vertragen. Grundsätzlich sei man sich sehr einig, wenn es um Soziales gehe. Auch im Stadtrat scheut sie keinen Streit. "Aber ich verweise Strittiges lieber in die Ausschüsse." Dort, so meint sie, könne man sich fachlich auseinandersetzen.

Sie hat Lust auf ganz direkte Politik in der Stadt

26 000 Menschen der Stadt leben von Hartz IV. Alle unverschuldet? "Ich bin doch nicht naiv. Es gibt Menschen, die sich mit ihren Biografien eingerichtet haben", weiß Tamara Thierbach. Irgendwie klingt das bei ihr anders als bei anderen. Nicht so herablassend.

Vielleicht, weil sie selbst mal ziemlich weit unten war, 1989. "Ich dachte, Verkäuferinnen werden immer gebraucht", erinnert sie sich und stellte sich als Ungelernte und ehemalige Philosophin hinter die Fleischtheke. Niemand hat gelästert, manche bewunderten ihren Mut.

Einer ihrer Kunden war Bodo Ramelow (Linke), als er noch bei der Gewerkschaft war. Sie kommen ins Gespräch. Später wird sie gefragt, ob sie für den Landtag kandidieren möchte. Sie will. Im Landtag läuft alles irgendwann sehr vertraut. Sie hat auf Etabliertheit weniger Lust als auf die ganz direkte Politik in der Stadt. Diese Lust ist in den knapp sechs Jahren nicht kleiner geworden.

Als das Los ihr damals die Bürgermeisterin bescherte, war sie unter anderem Gewerkschaftsmitglied, Chefin des Handicap-Vereins und bei "Kontakt in Krisen". "So etwas funktioniert für mich nicht. Was, wenn ich von denen Förderanträge auf den Tisch bekäme?" Sie verlässt jegliches Ehrenamt. Und auch Aufsichtsräte sind für sie tabu. Sie hat auch ohne diese Ämter zu tun. Vielleicht wäre ein Mann nicht so konsequent gewesen.

Die linke Bürgermeisterin hat einen Hefter, in dem all ihre Termine eingetragen sind. Manchmal geht es bis weit in die Nacht und sie anschließend zum Bahnhof. Denn Tamara Thierbach wohnt in Weimar und hat keinen Führerschein. Sie hat ihn während ihrer Landtagszeit probiert. "Doch wenn es brenzlig wurde, habe ich die Augen zugekniffen", sagt sie. Sie hakt die Fahrerlaubnis ab.

Das ist konsequent. Konsequenz braucht sie für ihr Amt. Dafür will sie nicht geliebt werden. In ihrem Dezernat wissen sie inzwischen, dass sie Schwätzereien hasst, wenn es um Entscheidungen geht. Ist das Sturheit? "Nein. Mit neuen Argumenten würde ich neu überlegen", versichert sie. Ansonsten möchte sie jedoch, dass die Männer, "meine Jungs", sagt sie und grinst, selbstständig arbeiten. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten zu regieren. Es wäre Unsinn, alles allein machen zu wollen. Also muss ich delegieren. Und meine Amtsleiter machen ihre Arbeit gut."

Manchmal fällt ihr das Regieren schwerer als sonst. Beispielsweise, wenn es um Grausigkeiten gegen Kinder in vermeintlich normalen Familien geht. So etwas nimmt sie mit in den Feierabend. Vielleicht ginge das einem Mann nicht so. "Das ist nur eine Vermutung", sagt sie.

Hart kommen auch die fehlenden 7 Millionen Euro für die Sanierung der Fachhochschule am Leipziger Platz an, fehlende Kindergartenplätze und Sozialwohnungen. "Die Wirtschaft boomt, die Einkommenssteuer steigt, die Gewerbesteuer bleibt." Tamara Thierbach ärgert sich. Da ist auch für eine Linke der Spielraum zu klein, viele soziale Probleme zu lösen. Aber den Zuschuss zum Straßenbahn-Ticket für Hartz-IV-Leute, den hat sie durchgesetzt. Und auch die Gestaltung der Ganztagsschulen. Tamara Thierbach reckt sich und sagt ihr "ich will".

Sie zündet sich eine neue Zigarette an. "Das hier", sie hebt die f6 in die Luft, "sollte ich wohl besser lassen".

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