Thüringens bekannteste Bürgerrechtlerin: Wie Vera Lengsfeld den Mauerfall erlebte

1988 wurde Vera Lengsfeld ausgewiesen. Am 9.11.1989 stand sie am Grenzübergang Friedrichstraße und erlebte den Mauerfall hautnah. Zufall?

Vera Lengsfeld aus Sondershausen in Thüringen gehörte der ersten freigewählten Volkskammer der DDR an. Anschließend war sie 15 Jahre lang Abgeordnete des Deutschen Bundestags, zunächst für Bündnis 90/grüne, von 1996 bis 2005 für die CDU.

Vera Lengsfeld aus Sondershausen in Thüringen gehörte der ersten freigewählten Volkskammer der DDR an. Anschließend war sie 15 Jahre lang Abgeordnete des Deutschen Bundestags, zunächst für Bündnis 90/grüne, von 1996 bis 2005 für die CDU.

Foto: Alexander Volkmann / TA

Am 640. Tag nach ihrem „Rausschmiss“ aus der Deutschen Demokratischen Republik stand Vera Lengsfeld am Grenzübergang Friedrichstraße in Berlin und reichte einem Grenzer ihren Pass. Der Mann war irritiert.

Vera Lengsfeld, geboren in Sondershausen, damals 37 Jahre alt, Mutter dreier Söhne, stasihafterprobt, Thüringens wohl bekannteste Bürgerrechtlerin, wollte, aus Cambridge kommend, für einen Tag in die DDR zurück, in das Ministerium von Volksbildungsministerin Margot Honecker, um ein schulpolitisches Anliegen zu klären, welches ihrem ältesten Sohn Philipp seit Monaten auf der Seele brannte.

So begann für Vera Lengsfeld der 9. November 1989. Es war noch früh an jenem Donnerstag vor 30 Jahren. Es war kühl, aber die Sonne schien.

Die Grenzer an der Friedrichstraße sind ein bisschen überfordert

„Ich will dahin“, sagte sie, mehr nicht, zunächst. „Der Grenzer starrte auf meinen Pass“, erinnert sich Vera Lengsfeld. „Dann starrte er auf seinen Computer und fing an, wild rumzutippen. Er griff zum Telefonhörer. Dann kam sein Vorgesetzter. Der starrte auch auf meinen Pass und auf den Computer. Dann griff auch er zum Telefon.“

Es erschien „der Chef des Grenzübergangs“. Er sprach: Das ist jetzt ein schwieriger Fall. Wir müssen das hier erst mal klären. Kommen Sie mal weg vom Schalter in ein Zimmer.

„Nö“, sagte sie. „Ich geh hier nicht weg.“

Hinter ihr stauten sich die ersten Rentner, es wurden schnell etwa 20, die ebenfalls nach Ostberlin wollten. Die Herren begannen zu murren. Einer empörte sich: „Weil die ihre Papiere nicht in Ordnung hat, müssen wir hier warten!“

Mit diesem Rentnerchor hat niemand gerechnet: Reinlassen! Reinlassen! Reinlassen!

„Irgendwann habe ich mich umgedreht, mich vorgestellt und gesagt: Meine Papiere sind in Ordnung. Die wollen mich hier nicht reinlassen.“

Der erste Rentner rief: Reinlassen! Ein zweiter: Reinlassen! „Dann rief der ganze Rentnerchor: Reinlassen! Reinlassen! Reinlassen!“

Immer nervöser wurden die Grenzer. „Reinlassen!“ Einer rückte schließlich Lengsfelds Pass heraus. „Der pfefferte ihn mir richtig hin“, sagt sie. „Geh‘n Se! Geh‘n Se!“, herrschte er sie an. Sie ging. Sie hatte es geschafft.

Plötzliche Panik: „Das stinkt wie der Osten. Die lassen dich nie wieder raus.“

„Aber als die eiserne Tür hinter mir zufiel und ich auf der Ostseite vom Bahnhof Friedrichstraße stand, kriegte ich erst mal eine Panikattacke. Was hast du gemacht! Das sieht aus wie der Osten. Das stinkt wie der Osten. Die lassen dich nie wieder raus.“

Dass sie an diesem Tag vom Osten aus den Mauerfall erleben würde, ahnte die junge Dissidentin nicht einmal. Seit fast zwei Jahren lebte sie inzwischen in England.

Februar 1988: Ausweisung mitten in der Nacht. Sohn Jakob hat Todesangst.

Ihr Weg nach England begann am 8. Februar 1988. Es war in jener Montagnacht gegen zwei Uhr, als Vera Lengsfeld mit ihren beiden jüngsten Söhnen, Jakob war fünf und Jonas drei, aufgefordert wurde, das Auto, das sie in Berlin bestiegen hatten, zu verlassen. Nun standen sie an irgendeiner Stelle der Grenze mitten in Deutschland. „Ich wusste nicht, dass ich in Thüringen bin. Ich hätte auch in Mecklenburg sein können. Man hatte mir nichts gesagt.“

Sie solle mit den Kindern am Rand der Autobahn laufen, sagte man ihr. „Da war ja kein Verkehr“, sagt sie. „Aber Jakob hatte Angst, dass wir erschossen werden. Er hatte schon von dieser Grenze gehört und dass man da erschossen wird. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht passieren wird.“

Den ersten Kontrollpunkt auf westdeutschem Boden erreichten sie nach etwa anderthalb Kilometern. „Die Leute waren erstaunt, dass da eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern kam. Aber sie erinnerten sich sofort, dass ich die letzte der abgeschobenen Bürgerrechtler sein müsste. Vor mir waren neun abgeschoben worden. Die letzten vor mir waren Bärbel Bohley und Werner Fischer.“

Der 9. November: Zurück in Ostberlin - aber Margot Honecker muss warten

Aber jetzt, an diesem Morgen des 9. November 1989, war Vera Lengsfeld zurück in Ostberlin. Am Abend zuvor hatte sie an der Freien Universität in Westberlin einen Vortrag über Demonstrationen in der DDR gehalten - der Hauptgrund für ihr Kommen aus England. Nun stand sie an der Friedrichstraße auf dem der ihr vertrauten Staatsgebiet der DDR.

Mit einem Mal ergriff die Angst von ihr Besitz, man könne ihr die Rückreise zu den Kindern in Cambridge aus Willkür verwehren. Sie plante also schnell um, schlug nicht den Weg zum Volksbildungsministerium ein, sondern suchte die Dienststelle der Volkspolizei in der Keibelstraße auf, um ein Ausreisevisum nach Cambridge zu beantragen. In der Polizeibehörde ließ man sie zappeln, Stunde um Stunde. „Erst zum Feierabend kriegte ich das Ausreisevisum.“ Beim Volksbildungsministerium musste sie es gar nicht erst versuchen, nicht um diese Zeit.

In Lengsfelds Wohnung wurde alles kurz- und kleingeschlagen

Vera Lengsfeld fuhr in ihre alte Wohnung, die sie nie aufgelöst hatte. Freunde schauten regelmäßig nach dem Rechten, und nie gab es Probleme. Doch jetzt war sie entsetzt. „Es war alles kurz- und kleingeschlagen. Alles, was man kaputt machen konnte, war kaputt“, sagt sie. „Die Bücher zerrissen, die Kleidung zerfetzt, die Möbel zerschlagen. Da wollte ich nicht bleiben.“ Während die Volkspolizei sie auf ein Visum warten ließ, hatte jemand Zeit hier vorbeigeschaut.

Vera Lengsfeld ging zu Freunden, die in der Nähe wohnten. Man aß gemeinsam zu Abend, man schaute fern, auch eine Pressekonferenz. Da sah man Schabowski, vor allem wie er, auf den Zeitpunkt der Grenzöffnung angesprochen, „unverzüglich“ sagte.

Christa Wolf soll Präsidentin werden, doch sie hat einen Herzanfall

„Da haben wir uns gleich aufgemacht zu meiner Nachbarin Christa Wolf. Wir wollten sie fragen, ob sie nicht Präsidentin der DDR werden wollte. Das klingt heute völlig absurd“, sagt Vera Lengsfeld. „Aber damals waren die Zeiten so, dass das gar nicht so absurd war.“ Eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der DDR, die Büchner-Preis-Trägerin Christa Wolf sollte in die hohe Politik.

Gerhard Wolf öffnete die Tür, hörte kurz zu, verschwand in einem Zimmer, kam zurück und ließ von seiner Frau ausrichten, sie könne nicht mehr machen, als sie schon getan hätte. Christa, fügte Gerhard Wolf erklärend hinzu, habe vor zwei Tagen einen Herzanfall erlitten und müsse sich ein bisschen schonen.

Zwei Männer tanzen auf der leeren Breiten Straße. Sie rufen: „Die Mauer fällt gleich! Wir wollen jetzt schnell unsere Frauen holen.“

Vera Lengsfeld und ihre Freunde kehrten auf die Straße zurück. Es war jetzt kurz nach neun. Die Breite Straße in Pankow war beinah menschenleer. Nur zwei junge Männer tanzten. „Als sie uns sahen, kamen sie zu uns gerannt und sagten: Die Mauer fällt gleich! An der Wollankstraße! Wir kommen von der Wollankstraße. Wir wollen jetzt schnell unsere Frauen holen.“

Die Wollankstraße lag etwa anderthalb Kilometer entfernt. „Wir kamen etwa dreiviertel zehn dort an“, sagt Lengsfeld. „Da waren schon Tausende Menschen an der Bornholmer Straße, an der Bösebrücke.“

Nette Grenzsoldaten: Gewehre geschultert, in den Händen Bier, Wein, Sekt

Da war „diese Grenzbaracke“, sagt sie. „Als ich kam, standen die Grenzer alle mit dem Rücken zur Wand, waren bedeckt mit Blümchen und Schleifen, in den Knopflöchern, unter den Schulterklappen, an den Kordeln ihrer Käppis. Sie hatten ihre Gewehre oder Maschinenpistolen, so genau weiß ich das nicht mehr, über der Schulter, aber in ihren Händen hielten sie Flaschen, Weinflaschen, Bierflaschen, Krimsekt, was auch immer.“

Sie standen wie Wachspuppen nebeneinander mit dem Rücken zur Wand. „Da bin ich zu dem höchsten Offizier gegangen, habe versucht, ihm in die Augen zu gucken, und habe gefragt, wie er sich jetzt fühlt. Er hat nicht geantwortet. Er hat keinen Muskel im Gesicht bewegt.“

Da schrie jemand hinter ihrem Rücken. Es war ein Schrei, der durch die Menge ging. Alle schrien. Dann erkannte sie den Grund: Die Schranke an der Grenze war emporgehoben worden. Der Weg war frei. Menschen, Menschenmengen strömten über die Brücke.

Der freundliche Fahrer: Kommt in meinen Bus!

Als sie auf der Westberliner Seite waren, kam ein Linienbus auf seiner Route vorbei. „Der Busfahrer war total erstaunt, dass da plötzlich Hunderte Menschen an einer normalerweise ganz stillen Haltestelle waren.“

Der Fahrer stieg aus seinem Bus: Woher kommen Sie denn alle?

„Wir kommen aus dem Osten. Die Mauer ist gefallen.“

Was? Wenn das so ist, dann kommt in meinen Bus!

„Er hat den ganzen Bus vollgeladen. Dann hat er uns eine spontane Sightseeing-Tour quer durch Westberlin gegeben. Am Ende waren wir in Kreuzberg. Es war schon früher Morgen.“

Der dem Sohn versprochene Protestbesuch bei Volksbildungsministerin Honecker stand immer noch aus.

Eine private Konsequenz des Mauerfalls: Doch nicht Cambridge-Professorin

Ob sie jemals bereut habe, nicht in England geblieben zu sein? Schweigen. Sekunden vergehen. „Sagen wir mal so: Ich wäre garantiert eine glückliche Cambridge-Professorin geworden, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Cambridge ist ein Traum.“

Ihre Dissertation „The Holocaust and the value of life“ (Der Holocaust und der Wert des Lebens), in der sie sich mit der Theorie des lebensunwerten Lebens auseinandersetzte – „nicht nur in Deutschland, auch bei Eugenikern wie George Bernard Shaw, Leland Stanford oder dem französischen Kommunistenführer Maurice Thorez“ – war fast vollendet. „Ich wäre heute Engländerin. Ich habe dort eine wirklich alte, gewachsene Demokratie kennengelernt. Und ich schätze die Zurückhaltung bei gleichzeitiger Hilfsbereitschaft der Engländer.“

Immer gut gekleidet - mit Schnäppchen vom Flohmarkt

Die Jumble Sales, die kleinen Flohmärkte in Cambridge, hatten es ihr angetan. „Alles was ich für die Wohnungseinrichtung und für die Kinder brauchte, habe ich ausschließlich auf Jumble Sales gekauft“, sagt sie.

„Für 10 Pence oder schlimmstenfalls für 1 Pfund bekommt man da alles, was man braucht. Ich habe für 10 Pence Kaschmirpullover und Seidenblusen gekauft und war immer gut angezogen“, sagt sie. „Die Wohlhabenden bringen ihr Zeug dahin, und in England gehen nur die wirklich Bedürftigen da hin. So funktioniert das in England“, sagt sie. „In Deutschland würde das nie funktionieren, weil die Schnäppchenjäger einfallen würden.“

Dabei erschien ihr England, als sie im Januar 1988 im Stasigefängnis in Hohenschönhausen, der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit einsaß, lediglich als eine Notlösung.

Frage: England oder Stasiknast? - Lengsfeld: England!

„Lieber gehe ich ein Jahr nach England als ein halbes Jahr in Stasihaft, zu dem ich bereits wegen Zusammenrottung verurteilt war“, sagte sie sich. Eine Abschiebung in die Bundesrepublik kam für sie partout nicht in Frage, sagt sie. „Unser Ethos war: Wir wollen nicht ausreisen, wir wollen etwas verändern. Außerdem wurde uns vorgeworfen, wir würden unsere Aktivitäten nur entfalten, weil wir in den Westen wollten. Und der Westen war die Bundesrepublik.“

Es war wohl Gregor Gysi, ihr damaliger Anwalt und späterer Chef der SED-PDS, der England als mögliches Ausweichausreiseziel ins Spiel gebracht hat. Ein Jahr England inklusive Studium in Cambridge, hieß es, anschließend dürfe sie in ihre Heimat, in ihre Wohnung zurück.

Die SED wollte Lengsfeld, damals noch verheiratete Wollenberger, und die anderen Bürgerrechtler, die nach der Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 verhaftet worden waren, nicht zu lange in Stasizellen schmoren lassen. Die Weltpresse verfolgte das Schicksal der politischen Gefangenen genau. Der Druck, innen- wie außenpolitisch, war groß.

Die guten alten heißen Drähte des Herrn Konsistorialrats Manfred Stolpe

„Das mit dem Studium in Cambridge stimmte natürlich nicht“, sagt Vera Lengsfeld. Es war die evangelische Kirche, die ihr half, als sie mit ihren zwei Jüngsten am 8. Februar 1988 an einem Grenzkontrollpunkt bei Herleshausen aus der Dunkelheit trat. Manfred Stolpe hatte telefonisch längst im Hintergrund agiert.

Stolpe, seit 1982 Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, hatte von Lengsfelds Abschiebung erfahren und Pfarrer Werner Braune von den Bodelschwingh’schen Stiftungen in Bielefeld-Bethel angerufen. Werner Braune wiederum rief umgehend seinen Bruder Martin an und bat ihn: Fahr hin und hol sie an der Grenze ab.

Für einige Zeit bewohnten Vera Lengsfeld und ihre Söhne Jakob und Jonas ein Zimmer im Nichtsesshaftenheim der Bodelschwingh’schen Anstalten. „Wir sind in Bielefeld sehr gut versorgt worden.“ Philipp, der älteste Sohn, war auf eigenen Wunsch in Ostberlin geblieben. Es standen Prüfungen an.

Margret, die Grüne aus Cambridge, die keiner kennt, bietet ihre Hilfe an

Plötzlich rief Margret, eine Grüne aus Cambridge, an. Keiner kannte Margret. Aber Margret ließ ausrichten, Vera und die Kinder könnten gern bei ihr in Cambridge wohnen.

Damit sie die Reise nach England überhaupt bezahlen konnte, drückte ein evangelischer Pfarrer aus Hannover Vera Lengsfeld 500 D-Mark in die Hand. Als die Familie schließlich in Cambridge eintraf und Vera Lengsfeld an der Universität für ein postgraduales Studium zugelassen wurde, sorgte derselbe Geistliche dafür, dass die mittellose Dissidentin ein Stipendium von der Evangelischen Kirche Deutschlands erhielt.

10. November 1989: Von Kreuzberg schnurstracks ins Volksbildungsministerium

21 Monate später, in den Morgenstunden des 10. November 1989, nach einer fröhlichen Busfahrt durch den Westen Berlins und heiteren Stunden bei einer guten Freundin in Kreuzberg, ging Vera Lengsfeld über die Heinrich-Heine-Straße mit Blick nach Osten auf den Grenzübergang zu, der die Stadtteile Kreuzberg und Mitte seit fast 40 Jahren trennte.

„Da am Grenzübergang war es wirklich gruselig“, sagt sie. „Da standen alle bewaffnet mit dem Rücken an der Wand an diesem langen Gang, links und rechts. Aber ohne Schleifen und Blümchen. Ich habe gedacht: O Gott, warum gehst du wieder zurück. Die machen die Grenze wieder zu, und du bist in der Mausefalle.“

Schnurstracks, sagt sie, lief sie, um die Angelegenheit für ihren Sohn endlich zu regeln, zum Ministerium für Volksbildung.

Frau Minister Margot Honecker ist nicht zum Dienst erschienen

„Der Pförtner, als er mich sah, stand förmlich stramm. Ich musste nichts sagen. Er sagte gleich: Der Minister ist heute nicht zur Arbeit erschienen. Dann wurde ich ohne weiteres hoch ins Büro von Margot Honecker geführt.“ Es war groß. Man sah von dort das Brandenburger Tor.

Hingehalten im Volksbildungsministerium (erster Versuch)

„Da oben standen nun wirklich alle nebeneinander in einer Reihe und erzählten mir sofort – ich musste gar nichts sagen –, dass sie nichts gewusst hätten von dem, was an der Ossietzky-Schule vorgegangen sei. Und wenn sie es gewusst hätten, sie hätten es verhindert. Das wäre die Angelegenheit der Genossen im Roten Rathaus gewesen. Ich solle ins Rote Rathaus gehen.“

Hingehalten im Roten Rathaus (zweiter Versuch)

Das machte sie. „Im Roten Rathaus warteten sie schon auf mich und erklärten mir, dass sie nichts gewusst hätten. Und wenn sie es gewusst hätten, hätten sie das verhindert. Das wäre eine Sache der Genossen in Pankow gewesen. Ich solle nach Pankow gehen.“

Vera Lengsfeld platzt der Kragen

Das machte sie jetzt nicht. „Jetzt ist aber Schluss!“, sagte sie, setzte sich hin und ließ die Staatsdiener wissen: „Ich gehe hier jetzt nicht eher weg, bis ich die Versicherung habe, dass die Ossietzky-Schüler wieder zugelassen werden und dass der Direktor, der sie gefeuert hat, übrigens vor der gesamten Schüler- und Lehrervollversammlung, sie feierlich wieder aufnimmt. Und dass das seine letzte Amtshandlung sein wird.“

Eine gute Stunde verging. Vera Lengsfeld harrte aus. „Dann sagten sie mir, es würde alles so geschehen, wie ich das wollte.“

Die Ostberliner Ossietzky-Schüler werden rehabilitiert

Am nächsten Morgen, dem 11. November 1989, saßen die Schüler der Ostberliner Carl-von-Ossietzky-Schule, die am 30. September 1988 von der Schule geworfen worden waren, weil sie sich für die Solidarnosc-Opposition in Polen ausgesprochen hatten, neben ihren Eltern in der Schulaula in der ersten Reihe. Und der Direktor, der sie gefeuert hatte, auch Lengsfelds Sohn Philipp, nahm alle Schüler wieder auf. Der Weg zum Abitur war wieder frei.

Zwei Tage nach dem Mauerfall der erste klare Gedanke: „Mein Gott, wir haben gesiegt.“

„Erst als ich da in der ersten Reihe saß, konnte ich wieder einen klaren Gedanken fassen“, sagt Vera Lengsfeld. Sie erinnert sich genau der Worte, die sie dachte: „Mein Gott, wir haben gesiegt. Die sind am Ende.“

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