Thüringens erster Ministerpräsident Duchač: „Ich bin da so reingerutscht“

Martin Debes
| Lesedauer: 22 Minuten
Ministerpräsident Josef Duchač (r.) im damaligen Thüringer Landtag, wo bis 1990 der Bezirkstag von Erfurt tagte. V.l. im Bild sitzt Jörg Schwäblein, der Vorsitzende der CDU-Fraktion. Er hatte schon in der alten Bezirksvertretung gesessen.

Ministerpräsident Josef Duchač (r.) im damaligen Thüringer Landtag, wo bis 1990 der Bezirkstag von Erfurt tagte. V.l. im Bild sitzt Jörg Schwäblein, der Vorsitzende der CDU-Fraktion. Er hatte schon in der alten Bezirksvertretung gesessen.

Foto: ARCHIV/TLZ

Heute vor 30 Jahren gewann Josef Duchač als CDU-Spitzenkandidat die erste Parlamentswahl nach der Wiedergründung des Landes. Wie denkt er an die Zeit nach dem Ende der DDR zurück?

Ein verregneter Tag, ein Reihenhaus am Rande vom Birkenwerder, einer stillen Gemeinde im Norden Berlins. Hier wohnt der erste Ministerpräsident Thüringens nach dem Ende der DDR. Er ist 82 und seit einem Schlaganfall erblindet. Aber er wirkt agil - und erinnert sich an die Zeit, als er plötzlich ein Land regieren sollte, noch im Detail.

Herr Duchač, vor 30 Jahren wurde der Landtag in Thüringen gewählt. Wie war Ihnen zumute, als die Wahlergebnisse verkündet waren - und Sie wussten, Sie werden jetzt Ministerpräsident?

Ich war überwältigt von dem hohen Zuspruch für die CDU, wir hatten alle 44 Wahlkreise gewonnen und fast die absolute Mehrheit im Landtag. Gleichzeitig war ich entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Ich wollte das.

Sie haben es also nicht mit der Angst zu tun bekommen?

Nein, noch nicht. Ich hatte ja als Regierungsbevollmächtigter die Wiedergründung Thüringens mit organisiert, ich fühlte mich vorbereitet.

Die DDR-Opposition, die die Revolution organisiert hatte, kam auf 6,5 Prozent. Hatten Sie da ein schales Gefühl?

Nein. Aber ich war schon etwas überrascht. Das waren ja die Menschen, die ein Jahr zuvor die Demonstrationen organisiert hatten und die gesagt haben, wir sind das Neue - und ihr, also auch die CDU, ihr seid das Alte.

Die CDU und die FDP, mit der sie dann eine Koalition bildeten, sind aus früheren Blockparteien der SED-geführten Nationalen Front hervorgegangen. War die Wahl, im Rückblick betrachtet, nicht ziemlich geschichtsvergessen?

Nein. Ich bin damals nach dem Grundsatz verfahren: Wir müssen mit den Menschen leben, die wir haben. Wir können uns keine neuen backen. Das galt auch für mich. Darüber hinaus habe ich immer versucht, mit allen zu reden, ob nun mit den Bürgerrechtlern oder den alten SED-Genossen. Und was die Nationale Front betrifft: Ich bin mit dem Gothaer Kreisverband der CDU, den ich kommissarisch führte, am 16. November 1989 da ausgetreten.

Nach mehr als 30 Jahren Mitgliedschaft in der Block-CDU. Warum traten Sie überhaupt damals in die Partei ein?

Ich bin katholischer Christ, und ich kannte viele Gläubige, die teilweise noch aus der alten Zentrum-Partei vor der Nazizeit kamen, und nun versuchten, in der CDU ein wenig unser Leben in der DDR mitzugestalten. Das wollte ich auch, deshalb bin ich 1957 eingetreten.

Was war, im Rückblick, für Sie die CDU in der DDR? Erfüllungsgehilfe? Nische? Stille Opposition?

Alles auf einmal, je nachdem. Es kam auf das einzelne Mitglied an. Für mich war die CDU lange Zeit eine Nische, ich war Mitläufer. Ich wurde erst 1986 aktiver, als ich in den Rat des Kreises Gotha ging.

Warum?

Aus Ärger. Ich war Ende 40 und schon lange Abteilungsleiter im Gummiwerk in Waltershausen. Dann war die Stelle des Betriebsleiters zu besetzen, doch man teilte mir mit, dass dafür nur ein SED-Genosse infrage käme. Als zufällig in dieser Phase das Angebot kam, auf eine für die CDU reservierte Position im Rat des Kreises zu wechseln, habe ich das getan. Ich war dort für die Wohnungswirtschaft zuständig.

Der Posten wurde später zu einem zentralen Kritikpunkte Ihrer Biografie - zumal Sie sich noch im Mai 1989 in den Kreistag wählen ließen. Was dachten Sie, als sich die Wahl als gefälscht herausstellte?

Ich habe das damals nicht erkannt. Ich hatte ja viel mit den Bürgermeistern und sonstigen Verantwortlichen zu tun, von denen traute ich niemandem eine Fälschung zu. Trotzdem bin damals natürlich ins Nachdenken gekommen.

Und dann dachten Sie: So geht es nicht mehr weiter?

Das war im September 1989. Es gab in der Thüringer CDU ja den „Weimarer Brief“, unter anderem unterzeichnet von Gottfried Müller und Christine Lieberknecht...

... dem späteren Landtagspräsidenten und der späteren Ministerpräsidentin...

... in dem eine Reform der DDR gefordert wurde. Das wollte ich auch: einen besseren, demokratischen Sozialismus. An die deutsche Einheit war da noch nicht zu denken. Und dann war ich in Leipzig auf der Demonstration.

Wann war das?

Am 16. Oktober, zwei Tage vor dem Rücktritt von Erich Honecker als SED-Chef. Ich war an diesem Tag dienstlich in Leipzig, auf einer Tagung aller Kreisräte, die für Wohnungspolitik verantwortlich waren. Und am Abend habe ich dann an der Demonstration teilgenommen. Die Situation hat sich schon blöd angefühlt.

Sie hatten Angst?

Ja, schon. Da waren ja überall Fernsehkameras und wer weiß wie viele Fotoapparate. Ich habe wirklich gedacht, wenn du nach Hause kommst, wirst du entlassen.

Es kam dann anders, die Mauer fiel - und Sie saßen im CDU-Vorstand der DDR. Wie ist das denn passiert?

Ich bin da reingerutscht. Ich hatte am neuen Programm mitgeschrieben, und auf dem Parteitag im Ost-Berlin im Dezember 1989 sagte man mir dann, ich sollte für den Vorstand kandidieren. Das habe ich dann halt gemacht, und eigenartigerweise wurde ich gewählt.

Der neue CDU-Vorsitzende hieß Lothar de Maizière, er wurde nach der Volkskammerwahl Ministerpräsident. Wie war Ihr Verhältnis?

Ausgesprochen gut. Ich finde, dass die historischen Leistungen von Lothar de Maizière heute viel zu wenig gewürdigt werden. Es war für die Wiedervereinigung ein ganz wichtiger Mann, der trotzdem immer bescheiden blieb. Ich höre ihn noch nach dem Ergebnis der Volkskammerwahl sagen: „Ich bin kein Volkstribun, aber wenn ihr es so wollt, dann mach ich halt den Ministerpräsidenten.“ Und er hat es dann, finde ich, sehr gut gemacht. Wir blieben später in engem Kontakt, ich nenne ihn einen Freund. Als Ministerpräsident hatte er mich übrigens im Frühjahr 1990 auf einstimmigen Vorschlag des politisch-beratenden Ausschusses als Regierungsbevollmächtigten für den Bezirk Erfurt eingesetzt.

Was hatten Sie da zu tun?

Das, was de Maizière auf DDR-Ebene tat: den Bezirk auf den Beitritt zur Bundesrepublik und die Gründung des Landes Thüringens vorzubereiten. Ich sah das aber nur als vorübergehende Aufgabe an. Ich hatte erst im Januar 1990 die Leitung des Gummiwerkes in Waltershausen übernommen und dachte überhaupt nicht daran, Ministerpräsident zu werden. Der CDU-Vorsitzende hieß Uwe Ehrich, der war für den Posten gesetzt.

Bis er zurücktrat. Die CDU gab sich damals alle Mühe, um zu bemänteln, dass er eine Akte als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit hatte. War das ein Versäumnis?

Ich möchte das nach 30 Jahren nicht beurteilen, schon gar nicht die Stasi-Vorwürfe. Uwe trat zurück, und das war es. Er war einfach weg. Ich habe mich dann um die Nachfolge beworben...

… und verloren die Wahl gegen Willibald Böck, der damit automatisch auf Platz 1 der Liste für die Landtagswahl am 14. Oktober 1990 kam. Trotzdem wurden Sie Spitzenkandidat. Wie kam das?

Die Absprache war, dass der neue Parteichef Spitzenkandidat wird - und Böck hatte ja gegen mich auf dem Parteitag gewonnen. Ich reiste verärgert ab, vergaß aber, mich von der Liste für die Landtagswahl streichen zu lassen. Später erfuhr ich, dass ich in Abwesenheit an die Spitze gewählt worden war.

Auf Platz 2, hinter Böck. So wurde die Liste gewählt - und so stand sie später auf dem Wahlzetteln der Bürger bei der Landtagswahl.

Das weiß ich nicht mehr, das Thema hatte sich ja mit Böcks Wahl für mich erledigt. Was ich aber weiß: Ich bekam am Montag nach dem Parteitag einen Anruf, ich solle nach Erfurt zur Landesvorstandssitzung kommen, um zum Spitzenkandidaten erklärt zu werden. Ich war damit gar nicht einverstanden, weil ich fand, dass das der Vorsitzende machen sollte, also Willi Böck. Aber die Mehrheit des Vorstandes war nach vielen Stunden Debatten anderer Meinung und ich habe mich dann mit Böck am Ende auf die Arbeitsteilung Vorsitzender-Spitzenkandidat geeinigt.

Das war Ende August 1990. Es begann ein kurzer Wahlkampf, in dem sie den Bundeskanzler näher kennenlernten. Wie war er, der Kohl?

Er hat mich sehr gefördert. Wir hatten mehrere Termine im Wahlkampf, auch seine Frau war teilweise dabei. Ich erinnere mich noch, in Heiligenstadt, ich stand hinter dem Kanzler, zog mich Hannelore Kohl nach vorne und sagte: „Sie müssen jetzt hier stehen. Sie sind wichtig.“ Und dann waren Kohl und ich aus Hessen, wo wir beide auf dem Landesparteitag waren, mit dem Hubschrauber zu einem Wahlkampfauftritt in Weimar unterwegs. Wir flogen gerade über Gotha, als Kohl plötzlich sagte, Sie wohnen doch hier, da gehen wir mal runter. Wir sind direkt vor dem Schloss gelandet. Der damalige Landrat Dieter Reinholz, natürlich wie alle in der CDU, hatte die Presse informiert und die kamen dann auch sofort und filmten ab, wie der Kanzler und ich in einem Café saßen. Am nächsten Tag stand das dann in allen Zeitungen, mit Fotos. Diese spontane Aktion hat mich bei vielen Menschen überhaupt erst einmal bekannt gemacht.

Es folgte der Wahlsieg am 14. Oktober - und Sie mussten eine Regierung bilden. Was war Ihr Plan?

Ich wollte eine schmale Regierung, keinen aufgeblähten Apparat. Außerdem sollten alle Minister aus Thüringen sein, soweit sie das Geschäft, nach meiner Vorstellung, beherrschen könnten. Von den Fachressorts traute ich nur das Justizministerium keinem aus der DDR zu. Dafür verpflichtete ich den früheren Wiesbadener Oberbürgermeister Hans-Joachim Jentsch. Willi Böck war natürlich auf seiner Wunschposition als Innenminister gesetzt. Christine Lieberknecht, die nach Uwe Ehrichs Rücktritt kommissarisch die Partei geführt hatte, sollte auch ins Kabinett. Was uns vereinte: Bis auf Jentsch waren wir alle Seiteneinsteiger...

... die sich über Erfurt verteilten. Ihr Büro befand sich im Landtagshochhaus, der Innenminister und andere Minister saßen in Gebäuden der früheren Volkspolizei, der Landwirtschaftsminister in einem alten Meliorationsbetrieb - und alle bekamen kein Geld.

Ja, das wirkt im Rückblick ein bisschen blamabel. Irgendwann vor Weihnachten 1990 kamen einige Minister zu mir und sagten, Du, Josef, wir haben zwar ein bisschen Erspartes, aber so ganz ohne Gehalt wird es langsam schwierig. Da merkte ich: Ich war ja in derselben Situation. Wir haben das dann schnell gesetzlich geregelt.

Damals musste Ihre Regierung Gesetze wie am Fließband beschließen, um sie ebenso im Akkord vom Landtag verabschieden zu lassen. Was war das wichtigste Gesetz?

Das wurde noch vor der Regierungsbildung im Landtag verabschiedet, am 7. November 1990: die sogenannte Landessatzung. Sie war die vorläufige Landesverfassung und bestimmte auch die Regeln für meine Wahl als Ministerpräsident am Tag darauf, dem 8. November.

Ihr Amtseintritt fiel mitten in die beginnende Transformationskrise. Es gab Massenentlassungen, Abwanderung, Notlagen. Haben Sie überhaupt schlafen können?

Wenig. Die Lage war unglaublich schwierig. Ich wollte vor allem anderen, dass die Leute ihre Arbeit behalten können oder neue Arbeit finden. Ich habe deshalb viele Dinge dem Wirtschaftsminister abgenommen – und musste dabei so einige bittere Erfahrungen machen.

Zum Beispiel?

Ein westliches Unternehmen hatte, wie es damals ja dauernd vorkam, einen Betrieb von der Treuhand gekauft, für sehr wenig Geld - und ihn dann einfach dichtgemacht. Dabei gab es die vertragliche Verpflichtung, eine gewisse Zahl an Arbeitsplätzen zu erhalten. Aber daran hat sich der neue Besitzer nicht gehalten, er hat einfach alle Leute entlassen. Ich rief in dem Unternehmen empört an, doch der Geschäftsführer sagte mir: „Die Vertragsstrafe ist für mich billiger, als die Arbeitsplätze zu erhalten. Ich habe bei mir im Stammwerk so viele freie Kapazitäten, ich mache das bisschen, war ihr hier produziert, lieber selber.“

So etwas nennt sich wohl Marktbereinigung.

Ja, damit war das Werk weg - und wir als Regierung konnten nichts unternehmen. Eine ähnliche Situation drohte auch in Jena, nur in viel größerem Ausmaß. Es gab den westlichen Stammsitz von Carl Zeiss in Oberkochen, wo teilweise ähnliche Produkte wie in Jena hergestellt wurden. Die Arbeiter in Jena wollten trotzdem komplett vom Westkonzern übernommen werden. Ich habe da gebremst, und ich hatte dafür sogar einen Hebel, weil die Carl Zeiss Jena GmbH nicht ganz der Treuhand gehörte. Das Land war über die Ernst-Abbe-Stiftung mit 19 Prozent beteiligt. Die Arbeiter verstanden mich nicht, sie bewarfen mich mit Tomaten, als ich Jena bei einer Betriebsversammlung auftrat. Ich wurde so wütend, dass ich der Treuhand erst recht den Kampf ansagte und rief: „Ich will nicht 19 Prozent, ich will 100 Prozent!“

Sie wollten, dass das Land Carl Zeiss übernimmt?

Ja. Der damalige Treuhand-Chef Detlev Rohwedder hörte von meiner Wutrede. Er kam zu mir nach Erfurt gefahren und sagte: „Sie können die 100 Prozent haben.“ In diesem Moment habe ich darüber nachgedacht, nach Jena zu gehen und das Unternehmen zu führen.

Parallel zum Amt des Ministerpräsidenten?

Das ging nicht. Ich hätte zurücktreten müssen. Und meine Berater riefen, Josef, das kannst du nicht machen, du musst doch die Regierung führen, du bist doch gerade erst gewählt worden. Also habe ich mir gedacht, wenn ich nicht selbst den Laden übernehme, brauche ich jemanden, dem ich zutraue, einen Betrieb mit 30.000 Menschen zumindest teilweise zu retten.

Das war Lothar Späth.

Oberkochen liegt in Baden-Württemberg, und dort war gerade Lothar Späth als Ministerpräsident aus verschiedenen Gründen zurückgetreten. Ich habe ihn gebeten, mein Berater zu werden. Wir haben dann das Unternehmen im Sommer 1991 getrennt, der kleinere Teil kam zu Oberkochen, der größere wurde ein neues Unternehmen, Jenoptik, mit Späth als Vorstandsvorsitzendem. Auch wenn er viele Menschen entlassen musste: Im Rückblick war seine Berufung eine glückliche Entscheidung.

Haben Sie Helmut Kohl gefragt, bevor Sie Späth engagierten?

Ja, das war mir ganz wichtig, Späth gehörte zu jenen, die 1989 auf dem Bremer Parteitag versucht hatten, Kohl vom CDU-Vorsitz zu verdrängen. Und der Kanzler hatte ein gutes Gedächtnis. Also habe ich ihn extra gefragt, als er in Erfurt auf einem Besuch vorbeischaute. Er antwortete, das weiß ich genau: „Ja, das ist eine gute Idee!“ Ohne Kohls Zustimmung hätte ich Späth nie geholt.

Sie waren nicht einmal ein Jahr im Amt, als die Konkurrenz und die Medien plötzlich Ihre Vergangenheit in der DDR und der Blockpartei thematisierten. Hat Sie das überrascht?

Ja und nein. Wie gesagt: Auf der einen Seite war ich der Überzeugung, dass wir in Thüringen – von SED-Funktionären und Stasi-Spitzeln einmal abgesehen - mit den Menschen arbeiten müssen, die hier leben. Und das galt auch für mich. Auf der anderen Seite habe ich natürlich wegen meiner Vergangenheit den Verdacht mancher gespürt, dass ich nicht politisch sauber bin.

Schließlich kam die Geschichte hoch, Sie seien als Laienkünstler vor Stasi-Offizieren aufgetreten.

Das war eine infame Verdrehung der Tatsachen. Ich war seit den 1950er-Jahren im Gothaer Karnevalsverein aktiv. In der Kunstfigur des Clown Ferdinand hielt ich Büttenreden, die wegen ihres politisch-kritischen Untertones umjubelt waren. Später, in den 1980er-Jahren übernahm ich als Josef Duchac die Moderation einer Folklore-Truppe. Mit der Truppe gastierten wir auch in einem Ferienheim in Friedrichroda, in dem ich später sogar Hausverbot bekam, weil ich wohl nicht konform genug war. Dass dort auch Stasi-Leute Urlaub machten, wusste ich nicht. In den Medien wurde kolportiert, ich hätte den Clown für die Stasi gegeben, aber als „Clown Ferdinand“ war ich nie im Stasi-Heim.

Für einige waren Sie trotzdem der „Stasi-Clown“, die SPD stellte einen Misstrauensantrag. Dazu wuchs der Frust in der CDU...

Auch wenn das heute komisch klingt: Ich habe von der Unruhe in meiner Partei nichts gemerkt. Ich war auf der Grünen Woche in Berlin, als ich hörte, dass drei Minister zurückgetreten seien.

Schulministerin Christine Lieberknecht, Finanzminister Klaus Zeh und Jochen Lengemann, der Minister für besondere Aufgaben. Sie sahen keine Warnzeichen?

Keine, ich war zu beschäftigt. Im Nachhinein weiß ich: Die Rücktritte waren auch die Reaktion auf meinen Plan, das Kabinett umzubilden.

Innenminister Böck stand unter Korruptionsverdacht, weil er eine hohe Parteispende in der Landtagskantine angenommen hatte.

Ich will nicht schlecht über ihn reden, er lebt nicht mehr. Die Ermittlungen wurden später eingestellt. Aber ja, ich wollte Böck aus der Schusslinie nehmen und hatte ihn gebeten, Fraktionschef zu werden.

Und Sie wollten Lieberknecht ablösen? Sie stand ja wegen der Schulreform in Dauerkritik.

Ich hatte immer zu Christine Lieberknecht gestanden. Als es Rücktrittsanträge gegen sie gab, hielt ich eine flammende Rede für sie. Umso mehr hat mich ihr Verhalten später enttäuscht. Aber ich will das auf sich beruhen lassen.

Das Ergebnis des von Lieberknecht initiierten Coups war jedenfalls deutlich: Sie traten zurück.

Bevor ich eilig von der Grünen Woche abreiste, sagte Eberhard Diepgen, der Regierende Bürgermeister von Berlin, zu mir: „Du fährst nach Hause, redest mit den Ministern, und falls sie nicht ihren Rücktritt zurückziehen, entlässt du sie, gehst in die Fraktion und verkündest die Kabinettsumbildung. Und wenn die nicht spuren, drohst du mit deinem Rücktritt. Das wird funktionieren.“

Hat es aber nicht.

Diepgens Rat hätte im Westen sicher funktioniert. Aber im Osten war alles anders. Ich verlor die Vertrauensabstimmung in der Fraktion und reichte meinen Rücktritt ein.

Ihr Nachfolger Bernhard Vogel bildete das Kabinett dann um...

... und zwar in großen Teilen so, wie ich es geplant hatte. Dabei hatten wir beide kein Wort drüber gesprochen. Bernhard Vogel hat das nach mir sehr gut gemacht, er war ja auch mein Wunschkandidat für die Nachfolge. Und: Er hat mich nie im Nachhinein öffentlich bloßgestellt und irgendwelche Versäumnisse und Fehler auf mich geschoben. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Vogel mischt sich mit 87 noch in die Landespolitik ein. Verfolgen Sie die Geschehnisse in Thüringen?

Selbstverständlich. Ich habe noch viel Familie und Freunde in Thüringen. Es hat mich zum Beispiel sehr enttäuscht, dass 2014 die CDU die Regierung an die Linke verlor. Ich hätte alles dafür getan, die SPD in der Koalition zu halten.

Kennen Sie den aktuellen Ministerpräsidenten schon aus Ihrer Regierungszeit, er war ja damals Gewerkschaftssekretär im Land?

Bodo Ramelow sagte mir, wir hätten uns schon damals getroffen. Ich kann mich nicht daran erinnern.

Was halten Sie von der Arbeit Ihres Nachnachnachnachfolgers?

Dazu steht mir keine öffentliche Einschätzung zu.

Eine letzte Frage: Was haben Sie am 5. Februar gedacht, als die CDU mit AfD und FDP Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten wählte?

Ich verstand, dass FDP und CDU mit einem Kandidaten Selbstbewusstsein gegenüber der rot-rot-grüne Minderheitskoalition zeigen wollten. Dass die AfD derart tricksen würde, haben ja viele nicht geahnt. Aber Thomas Kemmerich hätte die Wahl nie annehmen dürfen.

Hat er aber.

Ach, wissen Sie, mit der FDP war es schon immer etwas schwierig.

Die Thüringer Regierungschefs

Eine Frau und fünf Männer regierten das Land seit 1990:

  • Josef Duchač (CDU): Wahl am 8.11.1990; Rücktritt am 23.1.1992; geschäftsführend bis 5.2.1992
  • Bernhard Vogel (CDU): Wahl am 5.2.1992; im Amt bis: 5.6.2003
  • Dieter Althaus (CDU): Wahl am 5.6.2003, Rücktritt am 3.9.2009, geschäftsführend bis 30.10.2009
  • Christine Lieberknecht (CDU): Wahl am 30.10.2009, im Amt bis 14.10.2014, geschäftsführend bis 5.12.2014
  • Bodo Ramelow (Linke): Wahl am 5.12.2014, im Amt bis 26.11.2019, geschäftsführend bis 5.2.2020
  • Thomas Kemmerich (FDP): Wahl am 5.2.2020, Rücktritt am 8.2.2020; geschäftsführend bis 4.3.2020
  • Bodo Ramelow (Linke): Wahl am 4.3.2020

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