Thüringens größter AfD-Kreisverband vor der Spaltung

Arnstadt  Eklat in Arnstadt: Mutmaßliches Vergewaltigungsopfer musste beim Parteitag den Sitzungssaal verlassen. Parteimitglieder aus Gotha zogen aus Solidarität hinterher.

AfD-Parteitag in Arnstadt.

AfD-Parteitag in Arnstadt.

Foto: dpa

Jelena K., gehüllt in elegantes Schwarz, steht stolz vor ihrem Stuhl, die Stimme kämpft, sie ringt mit Tränen. Um sie herum im Sitzungssaal überschlägt sich die Stimmung. Es ist AfD-Parteitag Ilmkreis-Gotha in Arnstadt. „Lassen Sie mich reden!“ ruft Jelena K. „Lassen Sie mich ausreden!“ Doch auch sie muss raus, den Sitzungssaal verlassen. Der Kreisparteitag hat das soeben beschlossen.

Ein Jahr ist es jetzt her, da wurde die junge Frau – falls zutrifft, was sie sagt – in einem Hotel in Erfurt vergewaltigt. Gegen ihren damaligen Chef, einen Magdeburger AfD-Landtagsabgeordneten, ermittelt die Staatsanwaltschaft Erfurt seither. Alle Zeugen sind vernommen. Hier in Arnstadt will Jelena K. offenkundig nichts verbergen.

Es brodelt im Saal im Gasthaus „Goldene Henne“. „Macht euren Scheiß doch allein!“ gellt es von hinten. Da stehen, aufgesprungen von den Plätzen, an die 20 AfD-Mitglieder aus Gotha, fuchteln und fluchen mit Armen und Worten. Sie rufen „Achtung der Frau“, sie mahnen „Transparenz“, sie kritisieren eine „Verletzung der Geschäftsordnung“. Das und mehr schleudern sie den Parteifreunden aus dem Ilm-Kreis entgegen. Gegen zehn Uhr hat der AfD-Kreisparteitag am Samstag begonnen; der Eklat zersprengt den Ablauf um kurz vor elf.

Was war passiert? Der ehemalige Kreisvorsitzende Sebastian Thieler hatte überraschend den Antrag gestellt, die Öffentlichkeit komplett und dauerhaft auszuschließen. Das erregte Groll.

Büroleiter von Höcke nicht wiedergewählt

„Wir erzählen den Bürgern immer, dass wir anders sein wollen, und dann beschließen wir komplett den Ausschluss der Öffentlichkeit!“ empört sich Gothas AfD-Regionalchef und Bundestagskandidat Carsten Günther gegenüber unserer Zeitung. Am meisten hätten ihn zwei Dinge entsetzt: „dass sogar verdiente AfD-Mitglieder, die als Gäste eingeladen waren, gehen mussten“ und „dass die junge Frau nicht ausreden durfte“. Da seien seine älteren Parteimitglieder „total ausgetickt“. „Das sind Kavaliere der alten Schule.“ Für Günther steht zudem fest: „Man darf die Öffentlichkeit nicht von einem Parteitag ausschließen.“

Das Zerwürfnis sitzt so tief, dass der größte AfD-Kreisverband Thüringens vor der Spaltung steht. „Das ist ganz klar, dass wir uns trennen“, betonte Günther. Der Landesverband will das allerdings noch abwenden. „Ich glaube nicht, dass das die drohende Spaltung ist“, sagte Landesvorstandsmitglied Torben Braga gestern.

Nach Informationen unserer Zeitung will AfD-Landeschef Björn Höcke persönlich zur Befriedung beitragen. Ob seine persönliche Autorität dazu derzeit ausreicht, ist zumindest fraglich. Vor wenigen Tagen wurde auch der Vorstand der AfD-Nordthüringen neu gewählt. Höcke wurde als Kreisvorsitzender zwar bestätigt, doch Höckes Büroleiter Gerhard Siebold, der als graue Eminenz und Strippenzieher hinter den Kulissen gilt, wurde nicht mehr zum Stellvertreter auf Kreisebene gewählt.

Der Graben im Kreisverband Ilm-Kreis-Gotha reicht jedenfalls tief. Es geht dabei nicht nur um abweichende Vorstellungen bei Transparenz und Bürgernähe, es geht auch um Persönliches. Schwere Vorwürfe erhebt Regionalchef Günther aus Gotha gegen den AfD-Bundestagsabgeordneten Marcus Bühl. Der war am Samstag mit großer Mehrheit zum neuen Kreisvorsitzenden gewählt worden – allerdings nach dem Auszug der AfD-Mitglieder aus Gotha.

Moralvorwürfe gegen Bundestagsabgeordneten

„Ich hätte Bühl nicht gewählt“, gesteht Carsten Günther freimütig. „Unsere Mitglieder haben im Bundestagswahlkampf viel für ihn gemacht. Wir sind ein halbes Jahr für ihn gerannt. Es wurden 75 000 Flyer mit seinem Gesicht gedruckt, und wir haben 70 000 Wahlkampfzeitungen verteilt – alles aus Enthusiasmus. Herr Bühl hat sich nicht einmal bedankt. Ein bisschen Anstand gehört auch dazu.“ Günther setzt einen Satz nach: „Das ist die Meinung meiner Mitglieder.“ Trotzdem will Marcus Bühl nun auch „in Gotha ein Büro eröffnen“, wie er nach seiner Wahl kundtat. Er hoffe „natürlich, dass es nicht zum Äußersten kommen und die Vernunft einkehren wird“.

Ob Marcus Bühl Kreisvorsitzender bleibt, ist nicht so sicher. Nach Informationen unserer Zeitung soll nicht nur seine Wahl angefochten werden, sondern der gesamte Kreisparteitag. Der vollständige Ausschluss der Öffentlichkeit sei ein Verstoß gegen die Geschäftsordnung gewesen, hieß es. Braga, Versammlungsleiter des Parteitags am Samstag, bestreitet dies. Er endete, wie immer, mit dem Singen der Nationalhymne: „Einigkeit und Recht und...“