Tiefensee: Stillstand hat einen hohen Preis für Thüringens Wirtschaft

Erfurt.  Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) spricht im Interview über die aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise und wie es weitergehen könnte.

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD)

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD)

Foto: Martin Schutt / dpa

Vorerst bis zum 19. April gelten die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagt im Interview mit dieser Zeitung, wie es weitergehen könnte.

Wann wird das öffentliche Leben in Thüringen wieder hochgefahren?

Ich rechne nicht damit, dass das unmittelbar nach Ostern passiert. Ich wünschte mir aber, dass wir Anfang Mai zu einer schrittweisen Lockerung kommen. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Wovon hängt das denn ab?

Von der Anzahl der Neuinfizierten, der Erkrankten und der Todesfälle. Davon, ob es gelingt, den Verlauf der Pandemie so zu strecken, dass wir uns mit unserem Gesundheitssystem eine schrittweise Lockerung erlauben können. Wichtig ist zudem, dass Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden können.

Wie steht es derzeit um die Firmen und Betriebe in Thüringen?

Da sind die Unternehmen, die per Verordnung geschlossen wurden und damit vor einer ganz schwierigen Situation stehen. Zahlreiche Firmen sind in Kurzarbeit gegangen. Hart betroffen ist die Automobilindustrie, die sich durch den Produktionsausfall und das Zusammenbrechen der Lieferketten ebenfalls in einer extrem kritischen Lage befindet. Und es gibt eine vierte Gruppe von Unternehmen, die trotz Corona-Krise gut produzieren.

Was bedeutet das für Thüringen?

Die Menschen in Kurzarbeit leben von 60 oder 67 Prozent ihres Nettolohns. Das ist oft extrem wenig. Daher wäre es besonders für Ostdeutschland wichtig, dass die beim Bund diskutierte Erhöhung des Kurzarbeitergeldes auf 70 oder sogar auf 80 Prozent schnell kommt.

Wie steht es um die Industrie?

Es gibt etwa 80.000 Unternehmen. 16.000 davon sind von Kurzarbeit betroffen. Viele büßen Umsatz ein. Ihre Situation ist zum Teil existenzgefährdend. Das versuchen wir, so weit es geht, mit Geldern des Landes und des Bundes abzufedern.

Wie lang reicht der Atem der einheimischen Unternehmen?

Nach unseren Erkenntnissen muss die Thüringer Wirtschaft bei zwei Monaten Stillstand fünf bis sieben Milliarden Euro Einbußen bei der Wertschöpfung verkraften. Bei drei Monaten würde diese Summe bereits die Zehn-Milliarden-Grenze überschreiten. Die Folge wären erhebliche Produktionsausfälle und ein negatives Wirtschaftswachstum. Zudem wird es immer schwieriger, die Wirtschaft wieder zu beleben, je länger der Stillstand anhält.

Wie viele Firmen würden nach drei Monaten auf der Strecke bleiben?

Zum Glück stellen wir derzeit noch keinen signifikanten Anstieg bei den Insolvenzanträgen fest. Das konnte auch durch die finanziellen Hilfen erreicht werden. Unternehmen müssen trotz ihrer schwierigen Lage nicht sofort schließen. Sie können über die Kurzarbeiterregelung ihre Arbeitskräfte halten und bleiben so in der Lage, ihre Produktion schnell wieder hoch zu fahren.

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