Trotz Zuwanderung: Thüringens Bevölkerung schrumpft rasant

Erfurt  Der neueste, noch unveröffentlichte Demografiebericht der Thüringer Landesregierung gibt eine teils dramatische Prognose für die Zukunft ab.

Trotz Zuwanderung schrumpft die Bevölkerung Thüringens dramatisch. Foto: Jens Kalaene

Trotz Zuwanderung schrumpft die Bevölkerung Thüringens dramatisch. Foto: Jens Kalaene

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Trotz steigender Geburtenrate und wachsender Zuwanderung hält die Landesregierung an ihrer

pessimistischen Bevölkerungsprognose fest. Auch die eingereisten Flüchtlinge sorgten nicht dafür, „dass sich der Trend umdreht“, erklärte Infrastrukturministerin Birgit Keller (Linke) im Vorwort des neuesten Demografieberichts.

Laut dem 235-seitigen Papier ist die natürliche Bevölkerungsentwicklung „konstant negativ“. Thüringen werde bis zum Jahr 2035 rund 280 000 Einwohner verlieren. Durchschnittlich würden pro Jahr 15 000 weniger Kinder geboren als gleichzeitig Menschen sterben.

Der bisher unveröffentlichte Bericht, der heute vom Kabinett beraten werden soll, liegt der Thüringer Allgemeinen vor. Er beschreibt den Stand der demografischen Veränderungen und deren Folgen. Besonders alarmierend ist der Mangel an Fachkräften. Bis 2035 wird die Zahl der erwerbsfähigen Thüringer um 356 000 sinken. Damit steht nur noch jeder zweite Einwohner für den Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Gleichzeitig steigt der Anteil der Älteren drastisch. Während zurzeit etwa jeder vierte Thüringer älter als 65 ist, wird es 20 Jahren bereits jeder Dritte sein.

Die Abwanderung, die neben der niedrigen Geburtenzahl seit 1990 die Bevölkerung schrumpfen ließ, trägt an der künftigen Entwicklung keine Schuld mehr. Im Gegenteil: Laut Bericht dürften bis zum Jahr 2035 insgesamt 38 000 mehr Menschen zu- als abwandern.

Dieser positive Wanderungssaldo könne jedoch den Bevölkerungsrückgang nur abfedern, heißt es. Die Lücke zwischen den Geburten und Sterbefällen schließe er nicht.

Die Einreise von Flüchtlingen sieht die rot-rot-grüne Landesregierung erwartungsgemäß positiv. Das Land müsse sich „noch konsequenter als Zuwanderungsland aufstellen und attraktive Bedingungen schaffen, um Zuzug zu generieren“. Migranten und Flüchtlinge könnten „eine bedeutende Rolle für die Wirtschaft und für den Arbeitsmarkt“ besitzen. Allerdings sind bisher trotz entsprechender Programme des Landes und der Kammern nur sehr wenige anerkannte Flüchtlinge auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelt worden. Die Zahl der arbeitslosen Ausländer hat sich im vergangenen Jahr deutlich erhöht und liegt derzeit bei rund 7000.

Der Bericht stützt sich teilweise nicht auf die neuesten verfügbaren Zahlen. So hatte das Landesamt für Statistik kürzlich mitgeteilt, dass im Jahr 2015 fast 18 000 Kinder in Thüringen geboren wurden. Damit wurde die höchste Geburtenrate seit 1990 verzeichnet. Zugleich wurde erstmals seit der Wende ein Bevölkerungszuwachs registriert. Er lag bei 14 000 Menschen.

Ministerin Keller räumt in dem Bericht ein, dass man die verwendeten Prognosen nur als „Orientierung“ betrachte, die „nicht unveränderlich“ sei. Am Trend bestände jedoch kein Zweifel.

Die Zahlen sind Basis der geplanten Gebietsreform. Die im Vorschaltgesetz angegebenen Mindestgrößen für Kreise, Städte und Gemeinden basieren auf der Projektion für 2035 – und wird von den betroffenen Kommunen zunehmend infrage gestellt.