Bernhard Vogel: Ohne Treuhand wäre deutsche Einheit nicht gelungen

Dresden.  Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) verteidigt die Arbeit der Treuhand. Bei einer Tagung in Dresden wurden aber auch Fehler eingeräumt.

Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU)) bei der Treuhand-Tagung in Dresden.

Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU)) bei der Treuhand-Tagung in Dresden.

Foto: Hanno Müller

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Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) hat die Arbeit der Treuhand nach der Wende verteidigt. Bei einer Tagung mit Zeitzeugen und Historikern im Dresdner Hygienemuseum sagte Vogel, es sei falsch, die Treuhand zum Sündenbock für all das zu machen, was im Einigungsprozess falsch gelaufen sei. „Es gab keinen Plan, niemand hat zu diesem Zeitpunkt mit der Wiedervereinigung gerechnet. Es gab zwar ein Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, aber kein Ministerium für gesamtdeutsche Antworten“, sagte der ehemalige Politiker, der Thüringen von 1992 bis 2003 regierte und in wenigen Tagen 88 Jahre alt wird.

In Thüringen sei damals nicht das Regieren ein Problem gewesen, sondern das Telefonieren. Die Wirtschaft des Westens sei damals gesund und nicht ausgelastet gewesen und hätte den Osten mitversorgen können. „Dies zu verhindern, war aber schwierig, weil ostdeutsche Produkte nicht mehr gekauft wurden. Ostdeutsche Butter, Sahne und erst recht Autos fanden keinen Absatz mehr. Das Problem war nicht nur der Sozialismus, sondern auch der wegbrechende Handel mit der Sowjetunion“, sagte Vogel.

Zeitzeugen und Historiker diskutieren über Arbeitsweise und Folgen des Wirkens der Treuhand

Der Treuhand sei es trotz vieler schmerzhafter Prozesse gelungen, die Deindustrialisierung Ostdeutschlands dauerhaft zu verhindern. Ohne sie wäre laut Vogel in Ostdeutschland ein wirtschaftsschwaches Süditalien entstanden. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass in Thüringen die Arbeitslosigkeit mal niedriger sein würde als in Nordrhein-Westfalen, hätte ich ihn zum Arzt geschickt“, so Vogel.

Zeitzeugen und Historiker diskutieren in Dresden über Arbeitsweise und Folgen des Wirkens der Treuhand. Themen sind unter anderem der Zustand der DDR bei ihrem Zusammenbruch, politische Rahmenbedingungen und die praktische Vorgehensweise der Treuhand sowie ihre Bedeutung für die aktuelle Debatte über Ostdeutschland.

Der Zustand der weitgehend abgeschotteten DDR-Wirtschaft habe damals die Suche nach Partnern und Investoren erforderlich gemacht, die neue absatzfähige Produkte schaffen konnten und die Märkte kannten. Johannes Ludewig, in den 1990er Jahren Wirtschaftskoordinator für Ostdeutschland im Bundeskanzleramt, bezeichnete es als Fehler, dass die Treuhand ihre Arbeit schon 1994 einstellte. „Zu diesem Zeitpunkt war die Privatisierung der ostdeutschen Betriebe noch lange nicht abgeschlossen“, sagte Ludewig.

Vogel: „In die Fratze des Kapitalismus geschaut“

Vor allem westdeutsche Akteure hätten zu wenig Verständnis für die Situation der Ostdeutschen gezeigt. „Bei der Anerkennung für die Menschen, die sich schwierigen Prozessen stellen mussten, gab es viel Luft nach oben. Die Deutschen haben viele gute Eigenschaften, Einfühlungsvermögen gehört nicht dazu“, sagte Ludewig.

Breiten Raum nimmt in den Diskussionen die Schließung der Kaligrube in Bischofferode ein. Bernhard Vogel, der damals sagte, er habe in Bischofferode in die Fratze des Kapitalismus geschaut, beklagte erneut, dass es damals kaum Unterstützung bei Politikern und Gewerkschaften für den Erhalt der ostdeutschen Kaligrube gab.

Dass es im Westen weiterging, während der Osten dicht gemacht wurde, sei ein verheerendes Signal gewesen. Selbstkritisch räumten Vertreter der Treuhand ein, damals den ostdeutschen Mittelstand und seine Innovativkraft nicht genügend gefördert zu haben.

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