Wie Angela Merkel beinahe Thüringerin wurde

Die Kanzlerin wird am heutigen Donnerstag 60 und kann ihre ostdeutsche Herkunft nicht verleugnen. Angela Merkel gibt sich, außer in ihrem Wahlkreis, niemals als Ost-Deutsche zu erkennen. Das würde in den alten Ländern überhaupt nicht gut ankommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Thüringenversammlung der CDU am Samstag in Jena. Foto: Sascha Fromm

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Thüringenversammlung der CDU am Samstag in Jena. Foto: Sascha Fromm

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Dabei lässt sich bei jedem ihrer Schritte Herkunft und Ausbildung überdeutlich erkennen.

Ihre ersten vier Jahre verbrachte Angela Merkel in einem Prignitzer 300-Seelen-Ort, der wohl unter den Bundesbürgern das bekannteste DDR-Dorf überhaupt war. In Quitzow, heute Ortsteil von Perleberg, befand sich die einzige offizielle Raststätte auf der ständig überlasteten Transitstraße zwischen West-Berlin und Merkels Geburtsstadt Hamburg. Wer von den Truckern vergaß, hier eines der beliebten Landbrote zu kaufen, dem war zu Hause Ärger mit der Holden vorprogrammiert. In der freien Marktwirtschaft wäre der Bäckermeister zu Quitzow steinreich geworden.

Auf dieser Fernverkehrsstraße Nr. 5 wehte auch noch der Hauch der großen weiten West-Welt. Nach vier Jahren zog die Familie nach Templin-Waldhof und statt der schicken West-Wagen waren in der Uckermark mehr aschgrüne Fahrzeuge der NVA auf der Straße zu sehen, denn der Nordosten des Landes war ein einziger gigantischer Militärstützpunkt.

Ihre gesamte Schulzeit verbrachte Merkel in Templin. Politisch schloss die Familie Kasner einen Kompromiss mit dem Staat. Die Schülerin Angela war sowohl Mitglied bei den Pionieren als auch in der FDJ. Das ermöglichte ihr, an den verschiedenen Mathematik- und Russisch-Olympiaden überhaupt teilzunehmen. Bei dem internationalen Sprachwettbewerb in Moskau, für den sie sich qualifiziert hatte, war die FDJ-Bluse praktisch das Nationaltrikot. Ohne dieses hätte sie nicht mitfahren dürfen.

Templiner Jugendweihe fand ohne sie statt

Die Templiner Jugendweihe fand aber ohne sie statt.

Außerdem war für Papa Kasner die Kirche im Sozialismus nichts, was er generell und grundsätzlich ablehnte.

Über ihre Zeit an der Erweiterten Oberschule berichtete ihre Klassenkameradin Sonja Felßberg in der "Braunschweiger Zeitung". Diese hatte einst als Konstrukteurin im Wartburg-Werk in Eisenach gearbeitet, wechselte mit der Wende zu Volkswagen.

Zurückhaltend sei Angela gewesen. Mittendrin, aber trotzdem ruhig, fleißig, ehrgeizig. Die Klassenbeste, aber kein Strebertyp. Eher ein guter Kumpel, gibt ihre Klassenkameradin zu Protokoll.

Sie erinnert sich, dass die Klassenkameraden sie immer wieder anstachelten, im Staatsbürgerkundeunterricht den Mund aufzumachen. Sagte jemand etwas gegen die Kirche, wurde die Pastorentochter quicklebendig.

Als sie 1973 das Abitur macht, hatte sich das Leben im Osten ein wenig verändert. Der Ur- und Erz-Kommunist Walter Ulbricht hatte eingesehen, dass ein guter Naturwissenschaftler oder Ingenieur sich nicht durch regelmäßiges Phrasendreschen im Parteilehrjahr auszeichnet, sondern ganz allein durch Können. Darum war ein Physik-Studienplatz für die hochbegabte Pfarrerstochter kein Problem. Auf der anderen Seite hatte die sprachlich Hochbegabte die Physik gewählt, weil dieses Fach gegenüber der Pädagogik oder der Dolmetscherei der ideologiefernste Bereich war.

Außerdem hatte sich kurzzeitig Anfang der Siebzigerjahre ein schein-liberales Fenster geöffnet. In Leipzig gab es ein progressives Studenten-Theater und das Kabarett "Die Akademixer" suchte immer wieder die Grenzen des politisch Erlaubten. Der alljährliche Physiker-Fasching in Leipzig-Markkleeberg hatte den Ruf, der frivolste unter diesen Studentenveranstaltungen zu sein. Die Protestantin aus der Uckermark übernimmt dort pragmatisch die Bar. Sie ist dabei und doch nicht ganz so sehr.

Beim Studium heiratet sie Kommilitone Ulrich Merkel

Während des Studiums war Merkel dann für wenige Jahre mit ihrem Kommilitonen Ulrich Merkel verheiratet. Als sich die Ehe auseinanderlebte, nahm die pragmatische Gattin den gemeinsamen Familiennamen und die Waschmaschine mit. In ihrer Biografie hieß es dann, sie bezog in Berlin illegal eine Wohnung. Dennoch wäre das westdeutsche Image einer militanten Wohnungsbesetzerin völlig irreal. Die Kommunale Wohnungswirtschaft hatte in den Achtzigerjahren vor allem im Prenzlauer Berg völlig den Überblick verloren.

Bevor Merkel an die Akademie der Wissenschaften nach Berlin kam, wäre sie beinahe noch Thüringerin geworden. Sie hatte sich an der Technischen Hochschule Ilmenau beworben, wo ein Kaderleiter sich anscheinend in einem scharfen Klassenkampf wähnte. Jedenfalls wollte der die Absolventin nicht nur als Assistentin gewinnen, sondern auch gleich noch als Inoffizielle Informantin der Staatssicherheit.

Merkels Weg führte sie in die Akademie nach Adlershof.

Sie promovierte, hatte ein Praktikum in Prag und durfte auch zu einer Tagung in die sogenannte BRD reisen.

An der Akademie, so behauptet die Politikerin, sei sie in der FDJ-Gruppe für die Kultur zuständig gewesen. Kollegen haben sie als Verantwortliche für Agitation und Propaganda in Erinnerung. Das klingt fürchterlich linientreu. Aber dort auf dem Gelände neben dem Staats-Fernsehen hatte sich die DDR-Bildungselite versammelt. Die Vorstellung ist geradezu abstrus, dass sich Persönlichkeiten wie der Eisenacher Michael Schindhelm, später Intendant in Nordhausen, Gera und in Basel, oder ein Joachim Sauer, heute ein international anerkannter Wissenschaftler und Merkels Ehemann, jemals hätten agitieren lassen. Im Osten gab es ein real existierendes Leben und gleichzeitig eines, das nur in Rechenschaftsberichten vorkam.

Beste beim Sprachkurs in Donezk

Ein damaliger Akademie-Kollege aus Thüringen nahm zusammen mit Merkel an einem mehrwöchigen Sprachlehrgang im ukrainischen Donezk teil. Sie war mit Abstand die beste Lehrgangsteilnehmerin.

An dieser Episode lässt sich auch der nüchterne Stil der Merkel von heute belegen. Die meisten Politiker hätten an ihrer Stelle während der Krise im Donbass ständig darüber bramarbasiert, dass sie diese herrliche Stadt und die Menschen kennen würden und so weiter und so weiter.

Kein Sterbenswort von der Kanzlerin darüber. Sie weiß, dass gezeigte Emotionen medial mitunter ein Eigenleben entwickeln. In der Wendezeit begab sich Merkel auf politische Freiersfüße. Sie suchte eine politische Heimat, wobei sie die Blockparteien einschließlich der CDU nicht einmal in Betracht zog. Sie landete beim Demokratischen Aufbruch, weil sie gerade im Büro war, als niemand wusste, wie man die neuen Computer aus dem Westen zum Spielen bringt. Und sie blieb dort, weil sich der DA zur sozialen Marktwirtschaft bekannte, bis heute ein Leib- und Magenthema der Politikerin.

Dann ging alles ganz schnell, sie stieg zur Pressesprecherin auf, der DA ins politische Nirvana ab. Der Rest ging zur CDU, deren Chef Lothar de Maizière sie nach dem Wahlsieg zur stellvertretenden Regierungssprecherin machte. Viele Journalisten schwärmen noch heute von der jungen Frau in Sandalen. In dieser Zeit, in der alle Beteiligten noch Azubis in punkto Tagespolitik waren, organisierte Merkel alles mit Hand und Fuß. Absprachen wurden penibel eingehalten, die Grundtugend aller Pressesprecher.

Helmut Kohl wurde auf Merkel aufmerksam, weil sie Frauen- und Ost-Quote auf einen Streich erfüllen konnte. Der Kanzler machte sie zur Frauen- und Jugendministerin. Peter Hintze wurde ihr als Staatssekretär zugeteilt. Vielleicht hat er auch geglaubt, dass er als eine Art Marionettenspieler die Neue führen soll. Der Pfarrer erkannte aber blitzschnell das politische Ausnahmetalent in der Pfarrerstochter. Weitere CDU-Jungpolitiker scharten sich fast konspirativ um die junge Frau. Später wurden Hermann Gröhe, Peter Altmaier und Ronald Pofalla Minister.

Als ein ebenso verschworenes "Frauen-Kollektiv" gilt ihr Büro. Nichts dringt aus diesem Kreis nach außen. Die Wolke der Geschwätzigkeit, die jahrzehntelang das Bundeskanzleramt umwaberte, wurde vom Winde verweht. Dass in dieser trauten Runde Merkel mit Wonne Kollegen parodiert, gilt nun auch schon seit Jahren als unbestätigtes Gerücht.

Aufstieg ohne jede Taschenspielertricks

Als "eingeheiratetes CDU-Mitglied" hat sie nie die Höllentour von der Jungen Union bis zum Bundestagsmandat mit all den notwendigen Kniffen, Taschenspielertricks und Windbeuteleien mitgemacht.

Ob Kohl von Merkels naturwissenschaftlichem Denken angetan war oder sie nur für die Ost- und Frauenquote benutzte, bleibt sein Geheimnis und das seiner neuen Ehefrau.

Jedenfalls stieg Merkel unablässig auf und als im Zuge der Parteispendenaffäre die Zeit reif war, leitete sie mit einem Zeitungsartikel den Sturz der Parteiikone Kohl ein. Auch ihre Sprache hat sie aus dem Osten mitgebracht. Ihre Reden sind so dröge wie Backpulver. Aber: Diese fast naturwissenschaftlichen Vorträge schützen wie Teflon vor mancher wilden Polemik, die sich an nur einer blumigen Passage hochzieht. Zu diesem Stil gehört auch, dass sie zu wichtigen Problemen so lange wie möglich schweigt. Das lähmt oft das politische Berlin und schützt sie vor späteren Korrekturen.

Wenn sie es aber für nötig hält, dann macht sie auf der Hacke kehrt. Die Energiewende, die von der glühenden Verfechterin der Atomkraft vollzogen wurde, grenzt an eine kaltschnäuzige Unverschämtheit. Aber wenn ein Physiker eine These als falsch erkennt, muss er sie sofort und vollständig verwerfen. Herumdoktern hilft da wenig.

Als ein ostdeutsches Merkmal hat sie sich die Bescheidenheit niemals abgewöhnt. Nach der Vereidigung gibt es Kartoffelsuppe, ihre Armbanduhren sind keine Prestige-Symbole, ihre praktischen Blazer wurden zum Markenzeichen und die Kleingärtnerei auf der Datsche in Hohenwalde lässt sie sich nicht nehmen. Eines hat sie sich laut Dorfbewohnern abgewöhnt. Früher sei sie wie alle FKK in den Großen Krinertsee gesprungen. Das gehe nun nicht mehr.

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