"Wir sind dann mal weg" - Thüringer FDP will auch mit Wahlplakaten die Verlustängste der Thüringer wecken

Watzdorf. Die FDP appelliert an die Verlustängste der Wähler, um im Landtag zu bleiben. Seit Montag hängen auch die ersten angekündigten Plakate mit dem Slogan "Wir sind dann mal weg".

Wahlkampfauftakt der Thüringer FDP auf dem Gelände der Brauerei Watzdorf bei Bad Blankenburg. Spitzenkandidat Uwe Barth vor einem kurz zuvor enthüllten Wahlplakat – und mit einer Flasche FDP-Wahlbier. Foto: Klaus Moritz

Wahlkampfauftakt der Thüringer FDP auf dem Gelände der Brauerei Watzdorf bei Bad Blankenburg. Spitzenkandidat Uwe Barth vor einem kurz zuvor enthüllten Wahlplakat – und mit einer Flasche FDP-Wahlbier. Foto: Klaus Moritz

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Zwanzig nach fünf, es muss jetzt was werden mit der Thüringer FDP. An und für sich sowieso, nun aber wegen des Thüringen-Journals im MDR, die Fernsehleute drängen zum Vollzug. Also zerrt Uwe Barth an der Reißleine, enthüllt das Plakat, mit dem die Liberalen sich retten wollen in den nächsten Landtag.

"Wir sind dann mal weg", steht drauf. Und: "Genau wie das Bier." Außerdem zeigt das Plakat Barth selbst, verdächtig nahe jener Uncle-Sam-Pose, mit der die US-Army einst die Freiwilligen zu den Waffen rief. Ist das noch Schlagfertigkeit, Sarkasmus in Zeiten sich jagender Umfragetiefs? Oder doch schon Galgenhumor?

Fragt man den FDP-Landeschef außerhalb des zahlenmäßig äußerst bescheidenen Marketing-Zirkels auf dem Gelände der Watzdorfer Erlebnisbrauerei, so tritt einem ein ziemlich gefasst wirkender Vorsitzender gegenüber.

Es habe, sagt Barth, für die Thüringer Liberalen schon schlimmere Ausgangslagen gegeben. 1999 etwa, als sie für den irrlichternden Kurs ihres beratungsresistenten Vorsitzenden Heinrich Arens inklusive Zweitstimmenkampagne für die CDU vom Wähler mit 1,1 Prozent abgebürstet wurden. Oder 2004, als nichts vorher auf eine Pleite hindeutete und die Partei dann doch mit nur 3,2 Prozent draußen blieb. Insofern sei die Wahrscheinlichkeit, trotz mieser Umfragewerte vorab dann an den Wahlurnen doch zu punkten, mindestens genauso hoch. Oder niedrig.

Gleichwohl weiß auch Barth, der die Landespartei seit nunmehr elf Jahren führt, dass die Lage diesmal noch etwas trister ist: Keine FDP im Bundestag und damit fast keine Medienpräsenz mehr bei den großen Debatten, kaum Chancen, sich als Korrektiv für Leistungsgedanken, Unternehmertum, Freiheitsrechte einzumischen.

Auch im Landtag kam die nur siebenköpfige Fraktion kaum über die Rauchwölkchen empörter Pressemitteilungen hinaus. Und dann ist da auch noch die AfD als politischer Schattenkrieger im Freistaat: Praktisch ohne präsente Köpfe, aber mit sieben bis acht Prozent in den Umfragen.

Muss die FDP dort ihre Wähler wiedergewinnen? "Glaube ich nicht", sagt Barth, sagen auch andere der wenigen in Watzdorf erschienenen Spitzenleute. Schließlich habe die FDP bei der Europawahl bundesweit zwar eine Million Wähler verloren, aber nur 60 000 an die AfD. 800 000 wanderten jedoch in die Schmollecke der Nichtwähler.

Und so ist es nur logisch, dass die Wahlkampagne vor allem auf diese zielt. Und das auszumalen versucht, was nach Überzeugung der FDP dem Land droht ohne letzte liberale Verteidigungslinie im Erfurter Landtag. "Wir sind dann mal weg - genau wie der Mittelstand", barmt das Hauptmotiv, weitere verheißen ein Thüringen ohne Schulnoten oder Landärzte.

"Wir wollen deutlich machen, wofür die FDP steht und wofür sie gebraucht wird", erklärt Barth den gefühlt dreißigeinhalb angereisten Parteifreunden. Der Mindestlohn, erklärt Landesvize und Friseurketten-Inhaber Thomas Kemmerich, sei so ein Beispiel. Natürlich müssten Menschen von ihrer Arbeit gut leben können - aber die Jobs schaffen nun einmal Unternehmer.

Diesen Kern der sozialen Marktwirtschaft habe derzeit nur noch die FDP im Blick, bekräftigt Barth und vergleicht sie mit Tierarten auf der Roten Liste: Die gelte es zu erhalten, nicht weil sie schön oder niedlich seien, sondern "weil sie eine Funktion im Gesamtsystem haben, die nicht zu ersetzen ist".

Aber lässt sich mit Verlustangst punkten, wo doch die Wähler ganz offenbar die Bürgerlichkeit und Wirtschaftsnähe auch bei anderen Parteien sehen?

Die liberale Wahlwerbung liefert selbst die Falltür: Vorn steht "FDP-Wahlbier" drauf - beim Öffnen entpuppt es sich als schwarzes Gebräu.

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