Wünsche zur Wahl: Was Thüringer von der Politik erwarten

Neumark  Was sind die Ziele der Parteien? Und was ist mit den Menschen, die von diesen Zielen konkret betroffen sind? Wir fragen in unserer neuen Serie nach. Heute: Das Thema Landwirtschaft.

Steffen Steinbrück kam auf den Wunsch seines Vaters in die Landwirtschaft zurück, nachdem er mehrere Jahre im Agrarministerium in Erfurt gearbeitet hatte.

Steffen Steinbrück kam auf den Wunsch seines Vaters in die Landwirtschaft zurück, nachdem er mehrere Jahre im Agrarministerium in Erfurt gearbeitet hatte.

Foto: Bernd Jentsch

Am 27. Oktober wird der Thüringer Landtag neu gewählt. Im Vorwahlkampf wird viel über Umfragen und Koalitionsmodelle geredet – und nicht ganz so viel über die Ziele der Parteien und über die Menschen, die von diesen Zielen konkret betroffen sind. Was treibt sie um, worauf hoffen sie, was fordern sie? Wir haben nachgefragt.

Thüringer vor der Landtagswahl: Steffen Steinbrück ist schon seit der Kindheit in der Landwirtschaft unterwegs:

Er ist quasi in den Beruf des Bauern hineingewachsen: Steffen Steinbrück erblickte in Schlossvippach im heutigen Landkreis Sömmerda das Licht der Welt. Der Vater war schon damals als Bauer auf den Feldern der Region unterwegs. „Er war im Vorstand der damaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft“, erinnert sich Steinbrück.

Was lag da näher, als sich beruflich ebenso in diese Richtung zu bewegen. Also folgte auf den Schulabschluss an der Polytechnischen Oberschule in Schlossvippach eine Berufsausbildung mit Abitur in Sundhausen bei Gotha. Agrotechniker war Steffen Steinbrück nach Abschluss seiner Lehre und zugleich hatte er die Hochschulreife erlangt.

Produktionsgenossenschaft in Schlossvippach erste berufliche Station

Ein anschließendes Studium war die nahezu logische Konsequenz. An der renommierten und traditionsreichen Martin-Luther-Universität in Halle studierte der junge Mann von 1986 bis 1991 in der Fachrichtung Pflanzenbau, um schließlich mit einem Diplom in der Tasche abzuschließen.

Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Schlossvippach sollte seine erste berufliche Station werden. Kein Neuland, denn in diesem Agrarbetrieb hatte er schon den praktischen Teil seiner Lehrzeit verbracht.

Doch dann kam die Wende und mit dem Ende der DDR wurden auch die hiesigen Landwirtschaftsunternehmen rigoros umgebaut. „Die Firmen waren gezwungen, ihren Personalbestand zu verringern, bis in die Leitungsebenen hinein“, erinnert sich Steffen Steinbrück an diese Tage. Kein Agrarbetrieb konnte sich damals noch Brigadeleiter leisten.

Laufbahn in der Agrarverwaltung in Thüringen

Eine Kooperationsvereinbarung der Länder Thüringen und Rheinland-Pfalz führte ihn nach Mainz und nach Bad Kreuznach, wo er von 1991 bis 1993 die Weinbauschule absolvierte. Die schloss Steinbrück mit dem zweiten Staatsexamen ab und begann seine Laufbahn in der Agrarverwaltung in Thüringen. Statt auf dem Feld war er von nun am Schreibtisch tätig, dreizehn Jahre lang. Er machte Karriere im Thüringer Landwirtschaftsministerium, wurde Referatsleiter und machte Stationen in der EU-Kommission in Brüssel und im Bundeslandwirtschaftsministerium.

Es war erneut der Vater, der dem Leben von Steffen Steinbrück eine Wende gab. „Er war inzwischen Vorstand in der Erzeugergenossenschaft Neumark geworden, die aus dem Zusammenschluss von zwei Landwirtschaftsbetrieben in Vippachedelhausen und Berlstedt entstanden war“, erzählt Steinbrück.

Ein Unternehmen brachte den Pflanzenbau und 5000 Hektar Boden in die neue Gesellschaft ein, das andere die Milchproduktion und 5000 Kühe. Im Jahr 2006 kam der Vater auf ihn zu und fragte, ob er sich vorstellen könne in das Unternehmen zu wechseln. Er wollte seine Nachfolge rechtzeitig regeln.

Entscheidung nie bereut

„Ich stand erneut an einer Weggabelung und habe mich entschlossen abzubiegen, ohne zurückzuschauen“, sagt Steinbrück heute. Bereut habe er seine Entscheidung nie.

Wenngleich es alles andere als einfach war, seit er den Schreibtisch des Vaters und damit auch dessen Verantwortung für die 125 Mitglieder der Genossenschaft und die 65 Beschäftigten übernahm. Die wollen am Monatsende regelmäßig ihren Lohn gezahlt bekommen, weiss Steffen Steinbrück. Und da interessiert es die Mitarbeiter zu recht nicht, ob die Ernte reichlich ausfiel oder der Milchpreis gerade wieder einmal im Keller ist.

Die mittlerweile 1600 Kühe in den Ställen wollen pünktlich gefüttert, versorgt und gemolken werden. Das geschieht hier noch teils von Hand, um die Kosten im Rahmen zu halten. Immerhein hat man bereits rund sieben Millionen Euro in die neuen Stallanlagen investiert. Geld, das erwirtschaftet werden muss. Gerade in Zeiten der Milchpreise mit Kilopreisen, die nicht einmal kostendeckend waren, musste man sich etwas einfallen lassen, so Steinbrück.

Futter für die Milchkühe selbst angebaut

Da sei es mehr als hilfreich gewesen, dass man das Futter für die Milchkühe selbst anbaut, erinnert sich der Landwirt. Ohnehin habe die Pflanzenbausparte über Jahre hinweg die Tierhaltung mitfinanziert. In der habe man Gewinne erzielen können, mit der Milchviehhaltung eher nicht, sagt Steinbrück. Deshalb könne er sehr gut nachvollziehen, weshalb in den zurückliegenden Jahren einige Betriebe in Thüringen dicht machten und ihre Kühe abschafften. „Hätten wir das Futter für die Tiere kaufen müssen, wären wir wohl in eine ähnliche Notlage geraten“, räumt Steinbrück ein.

Mit dem Verkauf von Getreide, Raps und Zuckerrüben hat die Neumarker Erzeugergenossenschaft über lange Zeit ihr Geld verdienen können. Das änderte sich allerdings im zurückliegenden Jahr schlagartig.

Monate lang regnete es auch in dieser Region von Thüringen quasi überhaupt nicht. Zur anhaltenden Trockenheit, die den Pflanzen zusetzte, kam die große Hitze. „Wenn das Getreide bereits im Juni auf dem Acker Temperaturen von 30 Grad und mehr ausgesetzt ist, reagieren die Pflanzen darauf“, berichtet der Landwirt. Sie halten dann den Juni schon für den Hochsommer und fürchten einen bevorstehenden Herbst. Die Folge sei eine Notreife des Getreides, welche die Erträge spürbar verringert, weiß der Experte.

Glücklicherweise hätten sich in diesem Jahr die Milchpreise ein wenig stabilisiert, so Steinbrück. „Wir bekamen 33 bis 35 Cent für das Kilogramm“, erinnert er sich. An Gewinne war dennoch erstmals seit langer Zeit nicht zu denken, aber immerhin sei eine schwarze Null erreicht worden, bilanziert der Vorstand für seinen Betrieb.

Keinen Gedanken an staatliche Hilfen verschwendet

Kein befriedigendes Jahresergebnis für das Unternehmen, aber an staatliche Hilfen habe man zu keiner Zeit auch nur einen Gedanken verschwendet. Der bürokratische Aufwand wäre wohl höher ausgefallen als der Nutzen, ist Steinbrück überzeugt. Hinzu komme die geforderte komplette Offenlegung der Einkommen, selbst die Ehepartner würden dabei quasi durchleuchtet, so der Landwirt. Er persönlich könne jeden Bauern verstehen, der sich weigere, sich vor dem Fiskus gläsern zu machen. Da müsse die Not schon groß sein, berichtet Steffen Steinbrück von Familienbetrieben, die durch die Dürre in ihrer Existenz bedroht waren und vor einem Offenbarungseid standen. Ihnen zu helfen, sei zwingend notwendig gewesen.

In diesem Jahr sei der Sommer auch alles andere als normal gewesen, was das Wetter angeht, so Steinbrück. Allerdings hätte es Agrarbetriebe in anderen Regionen etwa im Norden von Sachsen-Anhalt oder rund um Leipzig noch viel stärker betroffen, als sein Unternehmen.

„Dort gab es erneut so gut wie gar keine Niederschläge, deshalb fällt die Ernte wiederum sehr schlecht aus. Bei uns hat es zumindest ab und an mal ein paar Tropfen gegeben“, berichtet Steinbrück. Die Pflanzen hätten quasi von der Hand in den Mund gelebt. Aus der Tiefe konnten die Pflanzen kein Wasser ziehen, denn die Böden seien schon wenige Zentimeter unter der Oberfläche „staubtrocken“, schildert der Landwirt die aktuelle Situation. Das Feuchtigkeitsdefizit des Vorjahres sei einfach nicht ausgeglichen worden, weder im Winter noch in Frühjahr und Sommer.

Steinbrück wirbt für steuerfreie Rücklagen für Landwirte

Die Rapsernte sei ja „noch ganz in Ordnung gewesen“, sagt Steinbrück, aber beim Weizen liegen die Erträge wohl wiederum deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Wenn die Trockenheit weiter zunimmt, müsse man sich darauf einstellen. An den Pflanzen könne man nicht viel ändern und auch nicht an den Kulturen. Es bringe ja nichts, Hirse anzubauen, die keiner kaufen würde.

Daher denke man über die Möglichkeiten eine besseren Bewässerung der Böden nach. Allerdings müsse die sich für das Unternehmen rechnen. Obst- oder Gemüsebauern seien in dieser Frage noch viel mehr unter Druck, räumt Steinbrück ein. „Die haben nur eine Ernte, und wenn die ausfällt, steht sofort die Existenzfrage“, so Steinbrück. Deshalb habe diese landwirtschaftliche Sparte keine Alternative zur Beregnung.

Vom permanenten Ruf nach dem Staat und Hilfsfonds hält der Thüringer Landwirt wenig. Das sei aber auch gar nicht notwendig. „Wenn die Politik uns die Möglichkeit einräumt, in guten Jahren etwas beiseite zu legen, können wir damit Durststrecken überbrücken“ wirbt Steinbrück für steuerfreie Rücklagen für Landwirte. Bisher sei diese Idee aber immer am Berliner Finanzminister gescheitert.

Parteien zur Landwirtschaft

CDU:

Man steht hinter den Forderungen des Bauerverbandes nach einem Erhalt der ersten und zweiten Säule in der Brüsseler Agrarförderung. Kappungsgrenzen und Degression lehnt die Thüringer CDU ab. Im ländlich dominierten Thüringen sind die Landwirtschaftsbetriebe aus Sicht der Partei von enormer Bedeutung. Man unterstützt die Forderung der Bauern nach steuerbegünstigten Rücklagen in besseren Zeiten.

Linke:

Ist für eine Gemeinwohlprämie, um die soziale und ökologische Entwicklung der Landwirtschaft zu stärken. Der bürokratische Aufwand für Förderanträge muss dringend reduziert werden. Die EU-Förderung muss Betriebe, die in weniger ertragreichen Gebieten unter schwierigen Bedingungen arbeiten, besser berücksichtigen. Ein Anliegen sei, dass Beschäftigte in der Landwirtschaft eine faire Entlohnung bekommen.

SPD:

Setzt sich für ein stabiles europäisches Agrarbudget mit einer starken ersten Säule ein und lehnt Kappung und Degression ab, welche die Thüringer Agrarstruktur massiv benachteiligen und existenziell bedrohen würde. Ist für eine wirkungsvolle und praktikable Unterstützung von Risikomanagement in der Landwirtschaft und eine Unterstützung der Bauern zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt.

AfD:

Man werde die Landwirte nicht im Stich lassen. Da mit vermehrt auftretenden Dürren zu rechnen ist, muss sich dementsprechend die Finanzpolitik darauf einstellen und sich anpassen. Das Einplanen von Mitteln für Dürrehilfen muss in kommenden Haushalten zum Standard werden. Die Landwirte wolle man unterstützen, indem man die Erforschung von klimaangepassten Feldfrüchten und Getreidesorten fördert.

Grüne:

Der bäuerlich-ökologische Landbau ist das Leitbild der Partei. Diesen will man umfassend und stärker fördern. Die konventionelle Landwirtschaft werde man dabei unterstützen, deutlich umweltverträglicher zu produzieren und Nutztiere artgerecht und nach Maßgaben des Tierschutzes zu halten. Ziel sei eine nachhaltige Landwirtschaft, die Natur-, Umwelt- und Tierschutz und wirtschaftliche Interessen der Landwirte miteinander in Einklang bringt.

FDP:

Will erreichen, dass den Landwirten in der Gesellschaft der notwendige Respekt gezollt wird. Diese würden immer wieder öffentlich an den Pranger gestellt. Kappungsgrenzen bei der künftigen Agrarförderung lehnt die Partei ab. Für Zeiten mit Ernteausfällen durch Dürre oder andere Witterungseinflüsse plädiert die Partei dafür, den Landwirten die Möglichkeit einzuräumen, in besseren Jahren steuerfreie Risikorücklagen bilden zu können.

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