Zwischenruf: Staat und Vormund

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Martin Debes über einen widerborstigen Pfarrer.

Martin Debes.

Martin Debes.

Foto: Andreas Wetzel

Es ist schon mehr als 20 Jahre her, da fuhr ich dorthin, wo das Saaletal besonders hübsch grünt, nach Dorndorf, unterhalb der Dornburger Schlösser. Ich besuchte Peter Oberthür, er lebte im örtlichen Pfarrhaus, an dem der Wein gar idyllisch emporwuchs.

Ich recherchierte für meine Magisterarbeit, in der ich beschrieb, wie das Ministerium für Staatssicherheit ab Mitte der 1980er-Jahre im Bezirk Gera die wachsende Opposition bekämpft hatte. Viele, die damals offen opponierten, waren Pfarrer. Sie wähnten sich durch ihr Amt halbwegs gegen Verfolgung geschützt und versuchten mithilfe dieses Amtes, andere zu schützen.

Dennoch tat der Staat sehr viel, um die Kirche kleinzuhalten, die Mittel reichten von Spitzelei bis zu nackter Repression. Oberthür, damals keine 30, gehörte zu den widerborstigen Pfarrern und wurde deshalb von der Staatssicherheit eng überwacht. Der Operative Vorgang, den das Ministerium über ihn anlegte, besaß den Codenamen „Sodom“. (Im Vorgang „Gomorrha“, dies mal nebenbei, wurden die Akten über den Pfarrer Albrecht Schröter gesammelt, der später Oberbürgermeister von Jena werden sollte.)

In den Akten von „Sodom“ fand ich damals den Hinweis, dass Oberthür im Sommer 1989 eine „Grobkonzeption zu Gründung einer oppositionellen Partei“ erarbeitet hatte. Sie sei, hieß es, über Umwege bei Manfred Böhme in Berlin gelandet. (Der Mann, auch das nur nebenbei, wurde später Chef der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, um dann als Stasi-Spitzel enttarnt zu werden.)

Im September 1989 ging Peter Oberthür lieber in das Neue Forum und wurde eines der ersten Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung. Dies führte zu einer noch stärkeren Beobachtung und einer Vorladung beim Rat des Bezirkes. Allerdings war die Staatssicherheit, was Oberthür betraf, nicht sonderlich optimistisch. Man gehe davon aus, dass der Pfarrer trotzdem seine „Aktivitäten nicht einstellen“ würde, hieß es in den Akten.

Über all das sprach ich damals in Dorndorf mit dem Pfarrer. Er war für mich, den Studenten, ein Zeitzeuge, aber insgeheim auch ein Vorbild. Er hatte mutig gestanden, als sich andere abduckten.

Vergangene Woche, gut zwei Dekaden später, las ich den Namen von Peter Oberthür erstmals wieder, in der Ostthüringer Zeitung: Der Pfarrer hatte vor dem Amtsgericht erstritten, als Seelsorger eine 89-jährige Frau im Pflegeheim besuchen zu können, mit Atemschutz-Maske, Handschuhen und im gebotenen Abstand. Er sei kein Michael Kohlhaas, zitierte ihn meine Kollegin Katja Dörn in ihrem Artikel. Aber dieses Verbot habe er nicht hinnehmen können.

Und so rief ich am Sonntag im Dorndorfer Pfarrhaus an, in dem Oberthür, inzwischen 61, immer noch wohnt, um ihn noch einmal zu befragen. Wer, wenn nicht er, könnte gerade in der aktuellen Situation etwas zu der These sagen, die spätestens seit dem sogenannten Flüchtlingsjahr 2015 durch das Netz und manches Feuilleton wabert und die von migrierten AfD-Politikern mit demagogischer Inbrunst instrumentalisiert wird: Dass es schon wieder beinahe wie früher sei, wie in der DDR.

Der Pfarrer versuchte sich am Telefon im Differenzieren. Zum einen, sagte er, zeige ja gerade sein Fall, dass es jetzt einen demokratischen Rechtsstaat gebe und dass er funktioniere. Dies sei der entscheidende Unterschied zur DDR.

Dann kam das Andere: Was sich, zuweilen, wie früher anfühle, sei der Umgang mit den Menschen. Bürokratische Apparate, sagte Oberthür, funktionierten unabhängig vom politischen System in vorauseilendem Gehorsam, aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen. Vor allem jetzt spüre er in einigen Verwaltungen wieder die alte Lust, Macht auszuüben.

Auch manche Anmaßung durch die Politik stört den Pfarrer. „Auf mich wirken einige Maßnahmen gegen die Pandemie paternalistisch“, sagte er. „Es wird erzogen, vom mündigen Bürger ist wenig die Rede.“ Es fehle auch Empathie. So werde erst erzählt, dass es um den Schutz der Alten gehe, nur um sie dann unter Isolation leiden zu lassen. Dabei sei der Kontakt zu den Familien für Heimbewohner lebenswichtig. „Jetzt sitzen sie bloß noch einsam in ihren Zimmern und warten auf ihr Essen.“

Vielleicht ist dies, bei allen Unterschieden, eine Parallele zwischen damals und heute: dass die Menschen vor allem dann einer Regierung vertrauen, wenn die Regierung auch ihnen vertraut. Der vormundschaftliche Staat muss keine Diktatur sein.