Aggressivität nimmt zu: Polizeichef über Familienstreit in Worbis

Worbis  Der Eichsfelder Polizeichef Dietmar Kaiser äußert sich zum Vorfall in Worbis vom vergangenen Samstag, zur heftigen Internetdebatte und den Folgen und zur Frustrationstoleranz der Beamten.

Nach einer größeren Auseinandersetzung am Samstag rückte die Polizei im Eichsfeld mit zahlreichen Einsatzfahrzeugen aus. Die Ermittlungen dauern an.

Nach einer größeren Auseinandersetzung am Samstag rückte die Polizei im Eichsfeld mit zahlreichen Einsatzfahrzeugen aus. Die Ermittlungen dauern an.

Foto: Gregor Mühlhaus

Im Worbis hat es am vergangenen Samstag eine Vorfall gegeben, der eine hitzige Debatte im Internet auslöste, während der Polizeieinsatz noch lief. Vorgebliche Zeugen berichteten von „30 Ausländern mit Macheten“. Der Eichsfelder Polizeichef, Polizeidirektor Dietmar Kaiser, spricht über den Vorfall, über Internetdebatten, strafrechtliche Relevanzen und Tipps zum eigenen Schutz.

Herr Kaiser, können Sie noch einmal ganz sachlich schildern, was sich am Samstag in Worbis abgespielt hat?

Es gab zwei Ereignisse. Am Rewe-Markt haben sich letztlich acht bis zehn Personen - die im übrigen schon um die 20 Jahre hier leben - gestritten. Beide Gruppen wollten zufällig zur gleichen Zeit einkaufen. Auslöser war eine Beleidigung in Form eines Stinkefingers aus einer Gruppe zur anderen. Aus der Beleidigung wurde eine körperliche Auseinandersetzung. Dabei kam ein nicht näher identifizierbarer Gegenstand zum Einsatz. Damit wurde aus einer Körperverletzung eine gefährliche Körperverletzung. Innerhalb von 16 Minuten waren drei Fahrzeuge von uns vor Ort. Wir haben Kräfte aus Nordhausen angefordert, weitere Kräfte aus Erfurt konnten auf der Anfahrt abbrechen. Zwei Minuten nach dem Vorfall am Rewe kam es zu einer zweiten Auseinandersetzung in der Industriestraße mit acht Beteiligten, wobei ein BMW erheblich beschädigt wurde, darum haben sich die Kollegen aus Nordhausen sofort gekümmert. Hier geht es um Sachbeschädigung und eventuell auch um eine gefährliche Körperverletzung, das aber prüfen wir noch. Die Ermittlungen hat die Kripo übernommen.

Wie hat die Bevölkerung vor und im Markt reagiert?

Der Marktleiter hat erst einmal hervorragend reagiert, als er den Markt zuschloss. Er hat gefahrenabwehrend gehandelt, aber damit auch gleich dafür gesorgt, dass wir genügend Zeugen haben. Vielen Dank dafür. Die Leute im Markt hatten natürlich Angst und Sorge, das ist verständlich, schließlich waren sie einem außergewöhnlichen Ereignis ausgesetzt. Sie haben aber besonnen reagiert. Von bürgerkriegsähnlichen Zuständen kann keine Rede sein. Es gab auch keine Panik.

Können Sie nach den Berichten der eingesetzten Beamten ungefähr abschätzen, wie viele Kunden im Markt waren?

Zehn plus X. Keine 200, wie im Internet behauptet. Da hätte man sich im Rewe nicht mehr bewegen können.

Waren es die beiden seit Jahren miteinander verfeindeten Großfamilien aus Armenien?

Ja.

Bei Facebook war von „Macheten“ die Rede. Kamen Macheten zum Einsatz?

Nein. Nach dem Verletzungsmustern können wir Macheten mit Sicherheit ausschließen. Und um welchen Gegenstand, von dem ich sprach, es sich handelt, wird noch ermittelt.

Der Post wurde mehrfach kopiert, nicht geteilt. Das erweckte den Anschein, es seien mehrere Augenzeugen gewesen...

Die abschätzigen und nicht sachgerechten Kommentare hat die Polizei gesehen und gesichert. Die sich als Zeugen ausgegeben haben, laden wir vor. Wer sagt, er war Zeuge, soll auch bei uns aussagen und diese Aussage mit seiner Unterschrift als wahrheitsgemäß verbriefen.

Hat dieser gesamte Vorgang, auch der Ausgangspost, eine strafrechtliche Relevanz? Wenn ja, welcher Straftatbestand ist erfüllt?

Im Verfahren wird die Staatsanwaltschaft prüfen, ob hierbei Dinge wie „Vortäuschen einer Straftat“ eine Rolle spielen. Das ist die übliche Verfahrensweise.

Mittlerweile sind aus den diversen Gruppen die meisten Beiträge zu diesem Thema entfernt worden, kann man trotzdem noch diese Aktivitäten nachverfolgen?

Zu einem gewissen Teil ist das technisch möglich. Das übernimmt die Beweismittelsicherungsgruppe in Absprache mit der Staatsanwaltschaft.

Sind Ihnen aus der Vergangenheit derart gelagerte Aktivitäten im Internet noch in Erinnerung oder hat das Ganze eine neue Qualität erreicht?

Ich denke, letzteres. Es ist Ausdruck der erhöhten Aggressivität in unserer Gesellschaft. Im Moment kommen noch weitere Stichworte hinzu: Wahl, Halle und der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Es ist aber irgendwie eigenartig. Wir stellen zunehmend eine Introvertiertheit von Personen fest, sich dieselben Personen aber immer aggressiver gegenüber anderen äußern. Und dieser Zusammenhang macht unsere Arbeit leider Gottes nicht leichter.

Nicht nur die freie Presse ist immer wieder Ziel von Aggressivität, sondern auch die Polizei. Haben Sie ein dickes Fell entwickelt oder geht man auch gegen diese Anschuldigungen strafrechtlich vor?

Wir merken das sehr wohl, dass Polizisten, aber auch Rettungssanitäter und Feuerwehrleute Ziel solcher enthemmter Personen werden. Der Grundsatz aber ist nicht neu. Es war schon immer so: Wenn zwei sich streiten und es kommt ein Polizist hinzu, dann sind sich die beiden einig und gehen auf den Polizisten los, weil er ein neues gemeinsames Ziel ist. Ja, das steht heute natürlich auch im Zusammenhang mit der gesteigerten Aggressivität und zunehmender Anonymität im Internet. Man sollte sich aber immer vor Augen halten, dass Polizisten auch Menschen sind, Familienväter, junge Mütter, ja auch mitunter Großväter. Natürlich gehen wir strafrechtlich vor, wenn Straftatbestände erfüllt sein sollten.

Wie gehen die Polizeibeamten mit solchen Fällen von Aggressivität um?

Sie können versuchen, ihren Level an Frustrationstoleranz zu erhöhen, sich ein dickeres Fell zuzulegen. Das ist eine Eigenschaft, die jedem Menschen hilft, der in einem öffentlichen Beruf arbeitet. Das geht bei der Krankenschwester los, zieht sich über natürlich Journalisten und Politiker bis hin zu Rettungskräften und Feuerwehrleuten. Es hilft auch, wenn es positives Feedback aus der Bevölkerung gibt. Das bekommen wir auch ab und an. Wir bei der Polizei haben ein gerüttelt Maß an Handwerkszeug und Hilfe, zum Beispiel durch das Kriseninterventionsteam, durch Seelsorgemöglichkeiten. Und oft hilft auch einfach ein intaktes Vereinsleben in der Freizeit, wo ich den Alltagsstress abbauen kann.

Gibt es Befürchtungen, dass solche viral gehenden „News“ und Diskussionen zu Eskalationen führen könnten?

Es ist doch schon passiert. Schauen Sie einfach nach Chemnitz. Allerdings, und das muss ich hinzufügen, kann niemals mit wirklich 100-prozentiger Sicherheit festgestellt werden, ob eine solche, nennen wir es einmal „Internetkommunikation“ der wirkliche Auslöser ist oder nur zu einem Teil dazu beigetragen hat.

Welche Empfehlungen können Sie geben, wie der Bürger in Situationen wie dieser beim Rewe in Worbis reagieren kann?

Man sollte die eigenen Kompetenzen reell einschätzen. Ich als Polizeibeamter, auch wenn ich dienstfrei habe und in Zivil unterwegs bin, werde den Teufel tun und mich da heraushalten. Ich habe die Kompetenz. Ansonsten: Heraushalten, Hilfe rufen, zum Beispiel den Notruf wählen, genau beobachten und sich dann als Zeuge bereithalten. Das hilft wiederum uns.

Zurück zu der Internet-Diskussion: Oft wird gesagt: „Das muss Demokratie aushalten.“ Ab wann muss sie das nicht mehr?

Wenn es in den strafrechtlich relevanten Bereich geht. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft prüfen den Sachverhalt, ob er noch von der Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt ist. Wenn nicht, dann wird auch konsequent gehandelt.

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