Bei Erko in Beuren ist endgültig Schluss

Beuren  Die Produktion des Automobilzulieferers ist eingestellt. 178 Mitarbeiter haben ihre Jobs verloren. Jetzt wird nur noch abgewickelt.

In der Firma Erko in Beuren wurde die Produktion eingestellt. Jetzt wird nur noch abgewickelt.

In der Firma Erko in Beuren wurde die Produktion eingestellt. Jetzt wird nur noch abgewickelt.

Foto: Eckhard Jüngel

In den Hallen der Firma Erko herrscht Stille. Bis zum 30. Juni gab es hier noch Leben. Gehäuse für Turbolader für Dieselmotoren wurden hier hergestellt. Für 178 Beschäftigte und noch einmal 50 Leiharbeiter hat sich am 30. Juni das Werktor geschlossen. Nur einige wenige sind noch da, um die Abwicklung zu begleiten. Die Insolvenz und die Schließung konnten trotz enormer Anstrengungen nicht mehr verhindert werden.

Solch einen Fall wie diesen habe er noch nicht erlebt, sagt Insolvenzverwalter Frank Kreuznacht. Neben ihm sitzt Hans-Jörg Gregel. Er war in den vergangenen Monaten als Geschäftsführer eingesetzt, um das Ruder eventuell noch herumzureißen. Gegenüber sitzen Betriebsratsvorsitzender Torsten Flügel, sein Stellvertreter Nejib Bourchada und Bernd Spitzbarth von der IG Metall. „Es hat hier durchaus Potenzial gegeben“, sagt Spitzbarth. Er, Torsten Flügel, Hans-Jörg Gregel und Frank Kreuznacht sprechen knallhart von Missmanagement in unglücklicher Verbindung mit der derzeitigen Krise der Automobilindustrie. Eine verhängnisvolle Mischung. „An der Mannschaft, den Mitarbeitern hat es nicht gelegen“, betont Kreuznacht. Noch nie habe er es so wie hier erlebt, dass alle Mitarbeiter an einem Strang ziehen, um die Insolvenz noch abzuwenden. Gregel, als operativer Geschäftsführer, hatte die Produktion noch einmal steigern können. Doch auch das hat nichts mehr ändern können.

Missmanagement, tiefe Gräben zur Belegschaft

„Wir haben vor einem Jahr die Situation vorgefunden, dass es zwischen den Mitarbeitern und dem vorherigen Management eklatante Gräben gab“, beschreibt Kreuznacht. Der Krankenstand habe über 20 Prozent betragen, statt Motivation der Mitarbeiter habe es Diktat gegeben. Liquide Mittel seien gar nicht mehr vorhanden gewesen. Noch nicht mal einen Vertrieb. „Man hat hier auf Aufträge gewartet, statt sie selbst zu akquirieren“, erklärt Hans-Jörg Gregel. Auch das habe er so noch nicht erlebt. Als die Insolvenz bekannt wurde, habe ein großer Hauptkunde mit Sitz in den USA und Vertretung in Deutschland signalisiert, helfen zu wollen. Diese Firma sei teilweise mit in die Finanzierung und in Verlustübernahmen gegangen, um die Produktion aufrecht zu erhalten. „Sie hatte großes Interesse, zeigte sich dann genauso geschockt wie wir, als wir die Zahlen offenlegten, wie schlimm es wirklich steht.“ Noch wenige Wochen zuvor sei die Firma von ganz anderen Zahlen über Liquidität und Rentabilität ausgegangen, wie sie die alte Geschäftsleitung vorgab. „Maßgebliches gemeinsames Ziel aller Beteiligten, Mitarbeiter, Betriebsrat, die IG Metall und Hauptkunde, war, ein Sanierungskonzept umzusetzen. Das wäre aber nur über einen Investor gegangen“, erklärt der Insolvenzverwalter. In der frühen Phase, also vorigen Sommer, habe es zehn Interessenten gegeben; im Spätherbst waren es nur noch drei. „Die Lage in der Automobilindustrie wurde immer schlechter“, sagt Kreuznacht. Mit dem letzten Interessenten habe man die Verträge bereits unterschriftsreif verhandelt. Dann sagte auch der ab. „Sie hätten die Firma verschenken können, trotzdem würde sie keiner in der derzeitigen Situation wollen“, bringt es Hans-Jörg Gregel auf den Punkt.

Hunderte Entlassungen im Eichsfeld befürchtet

Einen letzten Hoffnungsschimmer gab es für die Erko-Belegschaft im Frühjahr. Ein ehemaliger Kunde, der zu dem alten Geschäftsführer den Kontakt abgebrochen hatte, signalisierte Gesprächsbereitschaft. Er wolle die Produktion von Automobilteilzulieferung auf Lkw umstellen. Allerdings zog dann angesichts der Branchenkrise der Hauptsitz – auch wieder in den USA – das Angebot zurück. „Dort gab es die Entscheidung, in diesem Sektor nicht mehr zu investieren.“ Für Erko in Beuren bedeutete es das endgültige Aus.

„Hier ist alles zusammengekommen“, zieht Kreuznacht Bilanz. „Missmanagement, unüberbrückbare Zerwürfnisse mit der Belegschaft, eine eklatante Störung des Betriebsfriedens, die tiefe Branchenkrise, arbeitsrechtliche Dinge, das Versäumnis, rechtzeitig auf den Trend zu reagieren, umzustrukturieren oder sich zumindest ein weiteres Standbein zu schaffen“, zählt Bernd Spitzbarth auf. „Es hätte vielleicht Einschnitte gegeben, aber man hätte mit der Situation umgehen können.“ Was hier passiert sei, das hätten die Mitarbeiter nicht verdient, sagt Hans-Jörg Gregel. Um die Firma nach dem Abgang der alten Geschäftsleitung zu retten, gab es Urlaubsverzicht, die Krankenstände sanken weit unter den Durchschnitt. „Wir möchten einen großen Dank an die Belegschaft aussprechen, die nicht nur in den letzten Jahren, sondern auch in der schwierigen Phase mit der Insolvenzeröffnung der Firma treu geblieben sind und bis zum letzten Tag der Betriebsschließung alles für die Firma gegeben haben“, sagt Torsten Flügel. „Wir haben alle gehofft, dass doch noch ein Interessent kommt, leider ist das nicht erfolgt, auch geschuldet der Krise im Automotive-Bereich.“ Sein Dank geht an die IG Metall und die Insolvenzverwaltung für die sehr gute Zusammenarbeit und Unterstützung in der schwierigen Zeit. „Wir wünschen allen Kollegen nur das Beste für die Zukunft.“

Um genau die geht es jetzt. Die Insolvenzverwaltung hat einen Interessensausgleich erreicht und einen Sozialplan erarbeitet, auch eine maximale Abfindung festgesetzt. Jetzt gehe es darum, bei der Abwicklung der Firma, dem Verkauf der Insolvenzmasse – unter anderem ein High-Tech-Maschinenpark – und über das Durchsetzen von Ansprüchen gegenüber Dritten so viel wie möglich für die ehemaligen Mitarbeiter herauszuholen. So einige Dinge und Eigentumsfragen müssten noch geklärt werden. „Zwei Klagen haben wir bereits eingereicht“, sagt Frank Kreuznacht. „Weitere folgen in diesen Tagen, auch strafrechtliche Beurteilungen haben wir in Auftrag gegeben.“ Die Kooperation mit der früheren Geschäftsleitung und deren Bereitschaft, die Dinge zu regeln, seien extrem eingeschränkt.

Für Bernd Spitzbarth ist es jetzt das Wichtigste, dass die Erko-Leute so schnell wie möglich wieder in Lohn und Brot kommen. „Alles redet vom Fachkräftemangel, hier haben wir sie“, sagt er. Die Krise der Automobilbranche werde noch mehr Firmen im Eichsfeld und in Thüringen treffen, befürchtet er.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.