Corona-Krise: Erster Gastwirt im Eichsfeld räumt aus

Eichsfeld.  Erstes Eichsfelder Restaurant fällt der aktuellen Krise zum Opfer. Gastronomen fordern einen Zeitplan für die Branche.

Das Restaurant „Aegidienterrassen" in Heiligenstadt ist das erste, das die Coronakrise nicht überstanden hat. Pächter Holger Trümper hat die Reißleine gezogen.

Das Restaurant „Aegidienterrassen" in Heiligenstadt ist das erste, das die Coronakrise nicht überstanden hat. Pächter Holger Trümper hat die Reißleine gezogen.

Foto: Silvana Tismer

Holger Trümper hat den Besen in der Hand. Die Theke im Restaurant Aegidienterrassen am Eichsfelder Kulturhaus in Heiligenstadt ist längst abgebaut, das Mobiliar abtransportiert. Auch die Küche hinter den Kulissen gibt es nicht mehr. Seit gestern ist Schluss.

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„Die Corona-Krise hat mir hier das Genick gebrochen“, sagt Gastwirt Holger Trümper. Seit 2012 ist er Pächter des großen Lokales mit Saal und Atrium. Das aber gibt es bereits über 50 Jahre, seit dem Bau des Kulturhauses in den 60er Jahren. Viel hat es gesehen: Tanzabende, Disco, die Absolventen des Lingemann-Gymnasiums feierten jedes Jahr zu Weihnachten hier ein Wiedersehen, die Kirmes von St. Aegidien hatte hier ihr Zuhause. Viele Heiligenstädter haben hier tanzen gelernt.

Von Familienfeiern, Vereinsfeiern ganz zu schweigen. Auch der Motorsportclub Heiligenstadt hatte hier sein Domizil, seine donnerstäglichen Treffen, Jahreshauptversammlungen und Meisterschaftsfeiern. „Ich habe beim Landkreis um Mietaussetzung oder die Aufhebung des Vertrages gebeten“, sagt Trümper. Erst im Dezember war der Pachtvertrag um zwei Jahre verlängert worden. „Aber ohne Gäste keine Einnahmen“, bringt er es auf den Punkt. „Wie soll ich denn die Miete und die Nebenkosten aufbringen?“ Es wurde der Aufhebungsvertrag. Bis zum 30. April hatte Trümper Zeit auszuziehen. Seit dem 12. März war zu.

Bereits gebuchte Feiern in Kalteneber ummelden

Trümper ist der erste, der im Bereich Gastronomie die Reißleine ziehen muss. Zumindest für das Kulturhaus-Restaurant. In Kalteneber betreibt er das Gasthaus Angerschänke. Auch das ist derzeit aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. „Dort soll es aber weitergehen“, ist Trümper fest entschlossen.

Dort will er weiter für die Menschen da sein, Feiern ausrichten, den Vereinen Raum bieten, wenn es denn wieder gestattet ist. „Wer noch Familienfeiern bei mir gebucht hat, die im Kulturhaus stattfinden sollten, darf gern auch in Kalteneber feiern, wenn es wieder möglich ist.“ Er bittet darum, sich bei ihm entweder unter der Telefonnummer 0171/2642397 oder per Mail unter angerschaenke@gmx.de zu melden, um bereits gebuchte Feiern umzuschichten.

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Der Landkreis indes, so bestätigt der erste Beigeordnete Gerald Schneider (CDU), sieht eine Gastronomie in dem jetzt leerstehenden Kulturhausrestaurant weiter als erste Option. „Im Moment wird sich wohl niemand melden“, verweist Schneider auf die Krise. Aber wenn es wieder einen Alltag gebe, wolle man sich wieder um einen Pächter bemühen. Dass beispielsweise die Heiligenstädter Filiale der Eichsfelder Musikschule einziehen könnte, die ebenfalls zu den landkreiseigenen Eichsfelder Kulturbetrieben gehört, sei auch eine Option, aber eben nicht die erste. „Wir müssen die Entwicklungen einfach abwarten“, sagt Schneider.

Gastronomen brauchen Zeitplan anstelle der Ungewissheit

Die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag hatte bereits vor eineinhalb Wochen umfangreiche Hilfen für Thüringens Hotel- und Gastronomiebranche gefordert. „Sollten bei einer Verlängerung der Schließung der Gastronomie keine weiteren Hilfsgelder fließen, werden die ersten ihre Einrichtungen dauerhaft schließen müssen“, so die beiden Eichsfelder Abgeordneten Thadäus König und Christina Tasch. „Ich erhalte täglich Hilferufe von Gastronomen, die ohne eigenes Verschulden in diese existenzielle Krise geraten sind“, bestätigt König.

Die Gastronomiebranche musste als erstes schließen und wisse immer noch nicht, wann und wie es weiter gehe. „Es sollte doch wenigstens möglich sein, die Außengastronomie wieder zu öffnen.“ Gerade die beginnende Biergartensaison biete die Chance, Umsatzeinbußen zumindest ein Stück weit abzufedern. „Die Landesregierung darf die Hilferufe nicht ignorieren“, warnt König.

Genau so sieht es auch Ina Göbel, die Vorsitzende des Eichsfelder Kreisverbandes der Dehoga, des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. „Was die Gastronomen dringend brauchen, ist ein Datum“, sagt sie. „Ein Zeitplan, auf den man hinarbeiten kann. Wir warten eigentlich nur darauf, dass uns ein Weg gewiesen wird.“ Lange halte die Branche auch im Eichsfeld das nicht mehr durch. Sicherlich habe es schon gute Ideen gegeben. „Aber durch Straßenverkauf oder die Beherbergung von Geschäftsreisenden decken die Betriebe mit Ach und Krach die Unkosten. Es reicht nur für den Inhaber, aber nicht mehr für die Belegschaft“, gibt sie zu bedenken.

Darum bekämen viele Restaurants und Hotels auch ihre Beschäftigten nicht aus der Kurzarbeit. „Alles in allem sieht es gerade ziemlich düster aus.“ Denn wenn keine Perspektiven geboten würden, überlege sich doch der eine oder andere, seinen Betrieb ganz zu schließen. Außengastronomie wieder zuzulassen, natürlich unter Einhaltung der Hygieneregeln, könnte ein erster Schritt sein. Die Dehoga habe ja schon selbst Konzepte ausgearbeitet, wie es funktionieren könnte, schließlich kennen sich die Mitarbeiter der Branche gut in Hygienevorschriften aus. Ina Göbel lenkt den Blick nach Österreich, wo bereits erste Lockerungen greifen. „Dort gibt es gute Ansätze, an denen man sich auch orientieren kann.“