„Diese erste Woche war mein persönlicher Karfreitag“ - Leinefelder Pfarrer spricht über seine Corona-Infektion

Leinefelde.  Pfarrer Gregor Arndt aus Leinefelde erzählt von seiner Quarantäne und was er in dieser Zeit gelernt hat.

Der Leinefelder Pfarrer Gregor Arndt hat seine häusliche Quarantäne nach einer Coronavirus-Infektion hinter sich.

Der Leinefelder Pfarrer Gregor Arndt hat seine häusliche Quarantäne nach einer Coronavirus-Infektion hinter sich.

Foto: Eckhard Jüngel

19 Tage verbrachte der Leinefelder Pfarrer Gregor Arndt (63) allein in seiner Wohnung. Nachdem das Coronavirus-Testergebnis positiv ausfiel, hieß es für ihn Quarantäne. Dabei erlebte er seinen persönlichen Karfreitag, bekam aber auch Vertrauen ins Leben. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Pfarrer Arndt, wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut, Danke. Aber es war schon eine interessante Zeit.

Fangen wir am Anfang an. Wie haben Sie von Ihrer Erkrankung erfahren?

Ein Pfarrer, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt vor anderthalb Wochen auf einer Beerdigung Kontakt hatte, rief mich an und informierte mich darüber, dass er selbst Corona-positiv getestet wurde. Er empfahl mir, auch einen Test zu machen.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe gleich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen und einen Testtermin für den nächsten Tag bekommen. In der Händelstraße traf ich auf ein sehr lebensfrohes Team. Das hat mich überrascht – diese Mischung aus Lebensfreude, Kompetenz und Offenheit im Umgang mit Schmerz und Krankheit.

Welche Symptome hatten Sie?

Ich hatte gar keine Symptome, aber natürlich eine innere Angst. Drei Tage habe ich auf das Testergebnis gewartet. Da fühlt man natürlich eine große Unsicherheit, aber Schmerzen hatte ich nicht. Ich habe mich nicht schlecht gefühlt.

Blieb es dabei?

Dann sollte ich mich also in Quarantäne begeben. Zwei Wochen lang. Die erste Woche war schon schwierig. Ich hatte nie Fieber, nie Husten, aber ich bekam beim Durchatmen nie genügend Luft. Außerdem war ich unwahrscheinlich müde und zerschlagen. Und ich hatte Angst, wie sich das alles entwickelt. Diese erste Woche war mein persönlicher Karfreitag. Diese Krankheit ist schon anders. Im Normalfall, also was man so kennt, hat man einen Schmerz, der therapiert wird und dann ist man irgendwann wieder gesund. Aber hier gab es keine Pille. Das war eine neue Erfahrung. Man fühlt sich hilflos.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Das Leben ist ein Geschenk und ein Geschenk kann man nicht einfordern – das habe ich aus dieser Zeit gelernt. Ich habe kein Recht darauf, gesund zu werden. Das einzige, was man machen kann, ist aufmerksam sein. Aufmerksamkeit statt Angst ist meine Devise.

Sie haben Ihr Testergebnis gleich öffentlich gemacht. Warum?

Das ist ein stückweit mein Naturell. Außerdem fragen die Leute ja auch und in der Auseinandersetzung erscheint mir Offenheit sinnvoller.

Haben Sie sich mehr mit dem Virus auseinandergesetzt in dieser Zeit?

Ich habe die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach gehört, mir Gedanken über den Kreuzweg gemacht und viele Parallelen gefunden. Pilatus verurteilt Jesus – das ist ein bisschen wie die Nachricht zu bekommen, Corona-positiv zu sein. Es ist ein Urteil. Ich habe im Kreuzweg meine Krankheit gesehen. Aber nicht nur im negativen Sinne. Denn auch die Menschen, denen Jesus auf seinem Weg mit dem Kreuz begegnet – seiner Mutter Maria, Simon von Cyrene, der ihm hilft, das Kreuz zu tragen und Veronika, die ihm das Schweißtuch reicht – habe ich in meiner Situation wiedergefunden.

Als hilfsbereite Nachbarn?

Ja, zum Beispiel. Denn Not schafft auch Situationen, in denen Menschen sich gefragt sehen. Ich habe viele Anrufe bekommen, Karten erhalten. Ein Erstkommunionkind hat mir ein Engelchen zukommen lassen. Es wurde für mich eingekauft und man hat Blumen vorbei gebracht. Ich habe gemerkt, dass ich in meiner Not nicht allein bin.

Aber das waren Sie 19 Tage lang. Wie hält man das aus?

Ganz fremd ist mir diese Lebensweise ja nicht, denn ich teile mein Leben nicht mit einer Familie. Das Alleinsein gehört zu meinem Leben dazu und es ist auch gut dafür, auf Menschen zuzugehen. Ich bin dankbar, dass die meisten Tage sonnige waren. Hier nebenan gibt es Lämmer und Gänse, blühende Blumen – das volle Leben. Das hat meinem Heilungsprozess wirklich geholfen. Ich habe jeden Tag mit dem Gesundheitsamt telefoniert. Da wurden die Symptome und mein Wohlbefinden abgefragt. Alles sehr kompetent und immer freundlich.

Wie haben Sie sich beschäftigt?

Ich habe einen Grundsatz, den ich nur empfehlen kann. Man braucht eine feste Grundstruktur und Disziplin. Das fängt damit an, dass man immer zur selben Zeit aufsteht, die Mahlzeiten zu sich nimmt. Das hilft. Ab der zweiten Woche habe ich mich mal mit dem Finanzamt beschäftigt, habe Dinge in Angriff genommen, die liegengeblieben waren. Ich habe viel Musik gehört und gelesen. Und ich habe noch nie so viel telefoniert wie in dieser Zeit, was auch meiner Mutter und meinen Geschwistern Kraft gegeben hat. Diese Zeit war kommunikativ sehr reich und deshalb auch keine verlorene Zeit. Das Leben zeigte sich als besonderes Geschenk.

Inwiefern hat Ihnen Ihr Glaube in dieser Zeit geholfen?

Glaube ist nichts, was einem als Buch mitgegeben wird, er hat viele Facetten. Ich bin in meine Angst hineingezwungen worden und klar, habe ich auch an den Tod gedacht. In dieser Auseinandersetzung wird der Glaube auch ernsthaft. Mit der Entdeckung des Lebens als Geschenk kam eine Art Grundvertrauen bei mir auf. Ich habe wieder ein Stück Gottvertrauen dazugewonnen, denn ich weiß, ich bin in guten Händen. Es ist schon eine neue Erfahrung, dass Schmerz nicht wehtut, sondern als Angst auf das Herz drückt.

Was haben Sie in dieser Zeit am meisten vermisst?

Die Bewegung zum einen. Keine Wanderung, kein Spaziergang – das war schon hart für Psyche und Körper. Aber auch den direkten Kontakt. Ganz abgesehen von meiner Quarantäne vermisste ich den gemeinschaftlichen Gottesdienst und sehnte, ja sehne, mich nach einem gemütlichen Abend in der Gaststätte mit gutem Essen und guten Gesprächen.

Was haben Sie als erstes gemacht, als Sie wieder das Haus verlassen durften?

Der erste Weg führte in die Kirche, wo seit drei Wochen durchgängig am Tag eine Kerze für die Corona-Kranken brennt. Um 13 Uhr ging es nach zwei Wochen zum ersten Spaziergang: Struther Weg in Richtung Beinrode und dann über den Richteberg zum Pfarrhaus zurück. Ein Gefühl wie Auferstehung. Und ein erster Kontakt mit den Kollegen war mir wichtig, wenn auch mit genügend Abstand.

Spüren Sie die Krankheit immer noch?

Ich bin gesund, ohne Symptome und Schmerzen, versuche aber zu hören, was mein Körper sagt. Meine Umwelt hat sich derweil völlig verändert. Das habe ich schon bei meinem ersten Einkauf gemerkt. Ich sage nur Abstand und Masken. Vor drei Wochen war das noch völlig anders. In der Stadt ist ein Weiterbildungsprozess vonstattengegangen, was das Tempo und die Abstände angeht, und ich werde durch die Leute selbst verändert. Im Pfarrhaus heißt das zum Beispiel vermehrt Telefonkonferenzen. Wir alle haben eine größere Sensibilität, was Ansteckung angeht, auch weil ich selbst betroffen war.

Was nehmen Sie aus dieser Zeit für die Zukunft mit?

Ich habe eine Aufgabe, sage ich mir. Und die heißt aufmerksam mit dem Körper sein, wieder mehr auf ihn hören. In meiner ersten Woche habe ich gespürt, dass mein Körper gegen die Krankheit kämpfte und ich stand dem ohnmächtig gegenüber. Das ist kein schönes Gefühl. Jetzt rechne ich aber auch bei jedem Zwicken im Brustkorb kurz mit dem Schlimmsten. Aufmerksamkeit darf aber nicht zu Panik werden. Ich muss mich jetzt wieder in den Alltag hineingewöhnen. Ich bin dankbar für das Leben und dafür, die Erfahrung gemacht zu haben, dass ich nicht allein bin. Nachbarschaft, Familie, Gemeindemitglieder haben mir das Vertrauen ins Leben gestärkt.