Das politische Ausnahmegebiet

Heiligenstadt.  Warum die SED im Eichsfeld nie richtig Fuß fassen konnte, beantwortet Christian Stöber in seiner Doktorarbeit.

Christian Stöber, der pädagogische und wissenschaftliche Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund, hat sein Buch „Rosenkranzkommunismus“ im Alten Rathaus in Heiligenstadt vorgestellt.

Christian Stöber, der pädagogische und wissenschaftliche Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund, hat sein Buch „Rosenkranzkommunismus“ im Alten Rathaus in Heiligenstadt vorgestellt.

Foto: Silvana Tismer

Zwei Begriffe lockten am Donnerstagabend im Alten Rathaus in Heiligenstadt den Gästen ein Schmunzeln auf die Lippen: „Rosenkranzkommunisten“ und „Maria-Muttergottes-Genossen“. Als genau diese bezeichneten die gläubigen Eichsfelder zu DDR-Zeiten die SED-Mitglieder, die trotz Parteibuch den katholischen Glauben nicht abgelegt hatten. Genau diese Menschen aber standen zwischen Baum und Borke, wurden nicht nur von der Partei misstrauisch beäugt, sondern auch von den gläubigen Eichsfeldern, die mit der SED nichts am Hut hatten.

Dieser Aspekt der SED-Zeit in der DDR ist aber nur einer von vielen, die Christian Stöber, wissenschaftlicher und pädagogischer Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund, in seiner Dissertation beleuchtet hat. 2011 war es, als er mehr über die SED und deren Stand im Eichsfeld wissen wollte, dazu aber nicht viel Literatur fand. So stand für ihn bald das Thema seiner Promotion fest. Er forschte bundesweit in Archiven, sprach mit zahlreichen Zeitzeugen, auch ehemaligen hochrangigen Kadern. „Entstanden ist ein Standardwerk“, lobte am Donnerstag Franz-Josef Schlichting, der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung. 2017 erlangte Stöber mit dieser Arbeit seinen Doktorgrad. Doch er musste noch einmal an das Werk heran und 80 Seiten kürzen, um es bei einem Verlag in Buchform zu bringen. 424 Seiten umfasst das Buch „Rosenkranzkommunismus – Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945 - 1989“.

Eichsfeld sollte eine Art Labor sein

Donnerstag stellte Stöber das Buch im Alten Rathaus vor. Natürlich konnte er nur einen kleinen Teil seiner Forschungen anreißen, einen groben Überblick geben. Aber das erledigte er recht kurzweilig. Unter anderem konnte er die mitunter raschen Wechsel von SED-Kadern an der Spitze der Kreisleitungen mit erhöhtem Alkoholkonsum und arrogantem Benehmen erklären, was beides die Partei nicht duldete. Kurz umriss Stöber den Eichsfeld-Plan, der aus der katholischen ländlichen Gegend eine sozialistische Musterregion machen sollte – inklusive Industrialisierung und Verdrängung des katholischen Glaubens. Es gelang nicht. Stöber legte Papiere vor, in denen bereits Ende der 50er Jahre festgehalten wurde, dass das Eichsfeld mehr oder weniger ein Labor sein sollte. Denn wenn der Sozialismus im Eichsfeld nicht gelänge, dann gelänge er nach einer Wiedervereinigung unter sozialistischen Vorzeichen auch nicht in Bayern, hieß es damals beim Zentralkomitee der SED.

Stöbers Fazit: Es ist im Ausnahmegebiet Eichsfeld, geprägt von festem Glauben, missmutiger Anpassung und Eigensinn, nicht gelungen. Bereits 1984 schraubte die Partei die Gangart zurück, zumal auch nicht wenige Eichsfelder Genossen trotz Parteibuchs der Kirche nicht abschworen und die SED an den Rand der Verzweiflung getrieben war. 1989 habe sich das Eichsfeld zwar erst spät in die Schauplätze der Montagsdemonstrationen eingereiht – „Aber nirgendwo in der ehemaligen DDR ist nach dem 9. November so schnell der Kader entmachtet und ausgetauscht worden wie hier“, so Stöber.

Nicht aus dem Elfenbeinturm geschrieben

Franz-Josef Schlichting nannte das Buch „quellenreich, sachlich, ohne Polemik“. Genau das sei Stöber wichtig gewesen, wie auch der Aspekt, es nicht trocken, „im akademischen Elfenbeinturm schwebend“ zu gestalten, sondern für jeden lesbar und verständlich zu machen. Der Abend im Alten Rathaus war eine gemeinsame Veranstaltung des Eichsfeldmuseums und der Landeszentrale für politische Bildung. Die Begrüßung hatte Museumschef Torsten W. Müller übernommen.

Das Buch „Rosenkranzkommunismus“ ist im Christoph-Links-Verlag erschienen und trägt die ISBN-Nummer 978-3-96289-064-3. Es ist im Buchhandel zu haben.

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