Die Geburt der Jugendclubs in Eichsfelder Dörfern

Silvana Tismer
| Lesedauer: 4 Minuten
Mit einem großen Bus ebnete die Villa Lampe der Jugendarbeit im ländlichen Raum den Weg.

Mit einem großen Bus ebnete die Villa Lampe der Jugendarbeit im ländlichen Raum den Weg.

Foto: Uwe Petzl / Villa Lampe

Heiligenstadt.  Offene Jugendarbeit am Stammsitz und im ländlichen Raum sowie neue Wege in der Coronapandemie.

Im Oktober 1991 startete in der Villa Lampe das erste Modellprojekt im Bereich der „Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit“. Und mit Hilfe von etwa 50 Heiligenstädter Jugendlichen ging auch die Renovierung und der Umbau des Hauses los, sagt Maik Herwig, Leiter der Villa Lampe. „Dies war der Beginn der Offenen Jugend- und Jugendsozialarbeit.“

Bis heute läuft diese Arbeit in der Tradition des heiligen Johannes Boscos. Der Gründer des Salesianerordens kümmerte sich Mitte des 19. Jahrhunderts im norditalienischen Turin um Jugendliche, die zu Hunderten aus den Dörfern auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in die Stadt kamen.

Oratorium 1841 als Vorgänger des heutigen Jugendzentrums

„Er gründete 1841 ein erstes Oratorium – was man heute mit dem Wort Jugendzentrum übersetzen würde“, weiß Herwig. Don Bosco bot einen Ort für Freizeit, Unterstützung beim Lernen und ein festes Dach über dem Kopf. „Im Mittelpunkt von allem stand jedoch die persönliche Begleitung jedes einzelnen Jugendlichen – in über 2500 Don-Bosco-Jugendzentren in 133 Ländern weltweit bis heute.“

Den Beginn im Eichsfeld machte die Offene Kinder- und Jugendarbeit im Stammhaus am Holzweg. „Gerade in den Jahren nach der Wende, in denen es jungen Menschen oft an Orientierung und Perspektiven fehlte, fanden sie hier ein Haus, in dem sie ihre Freizeit verbringen und selbst gestalten konnten“, erzählt Herwig. Hier gab es Ansprechpartner für ihre Sorgen und Nöte.

Bald merkte man den Bedarf eines pädagogisch gestalteten Freizeitangebot in den Dörfern. Mit dem „Villa-Mobil“, das Landrat Werner Henning (CDU) und der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Grund übergaben, fand das Angebot der Villa eine mobile Ergänzung – anfangs mit einem umgebauten und mit Sport- und Spielmaterial ausgestatteten Ikarus-Bus. Ihm folgte später ein längere MAN-Gelenkbus, ausgestattet mit Fußball-Tischkicker, Sitzgelegenheiten und einem Computer-Arbeitsplatz mit Drucker sowie einem kleinen Thekenbereich mit kalten Erfrischungsgetränken und Süßigkeiten. Bald wurden die ersten Bürgermeister auf das Villa-Angebot aufmerksam. „In immer mehr Dörfern und Gemeinden entstanden feste Jugendräume und -clubs, die von der Villa pädagogisch betreut wurden. Das ist bis heute so erfolgreich, dass über 20 Jugendclubs in den Landgemeinden Sonnenstein und Am Ohmberg sowie in Dingelstädt und den VGn Wipperaue, Westerwald, Lindenberg und Schimberg dazuzählen“, zählt Herwig auf. „Die ländliche Jugendarbeit ist ein wichtiges niedrigschwelliges Angebot der Jugendhilfe.“

Durch die Betreuung der Jugendkoordinatoren verbringen die jungen Leute ihre Freizeit aktiv. „Ein Highlight sind die regelmäßigen Ferien- und Sportaktionen.“ Jährlich werden verschiedene Programme, Ausflüge und Freizeitfahrten unternommen. Mit Hilfe der Jugendleiterschulung „JuLeiCa“ können Jugendliche ab 15 Jahre ehrenamtlich in ihrem Jugendclub arbeiten und ihn mit den Pädagogen betreuen.

Ein weiteres niedrigschwelliges Angebot bietet das „Hot-Spot-Modell“. Junge Leute werden dort unterstützt, wo ein schulisches Angebot endet. „Nach dem Unterricht werden sie von ausgebildeten Fachkräften in den schulnahen Clubs betreut – inklusive Hausaufgabenhilfe. Gleichzeitig findet eine Entlastung für die Eltern am Nachmittag statt – ein mögliches Zukunftsmodell“, schätzt Herwig. Vor Ort unterstütze man die Vereine, die Bürgermeister, Pfarrgemeinden und Schulen durch Netzwerkarbeit.

Neben dieser gibt es die aufsuchende Arbeit. Die Mitarbeiter der Villa fahren in die Dörfer und halten dort Kontakt, wo es keinen betreuten Jugendclub gibt. „Es zeigt sich, dass die offene Arbeit einem stetigen Wandel unterworfen ist. Gerade in der Corona-Pandemie galt es neue Wege auszuprobieren.“

So entstand eine „hybride Jugendarbeit“, die eine Kombination von Online-Angeboten, aufsuchender Arbeit und die in den Clubs darstellt. Die pädagogischen Mitarbeiter sind dabei für die jungen Leute wichtige Bezugspersonen – auch bei Problemen zu Hause oder in der Schule, bei Liebeskummer und Fragen nach dem Sinn des Lebens. „Junge Menschen brauchen fachlich qualifizierte Vertrauenspersonen, die ein offenes Ohr haben.“