Ein fast vergessenes Handwerk aus Lindewerra

Silvana Tismer
| Lesedauer: 3 Minuten
Das Stockmachermuseum befindet sich in einer einstigen Stockfabrik. Im Backhaus, in der Arbeitsstube und im Stocklager wird über die Geschichte des Stockmacherhandwerks informiert. Josef Keppler ist Vorsitzender vom Heimatverein Lindewerra, der das Museum betreibt.

Das Stockmachermuseum befindet sich in einer einstigen Stockfabrik. Im Backhaus, in der Arbeitsstube und im Stocklager wird über die Geschichte des Stockmacherhandwerks informiert. Josef Keppler ist Vorsitzender vom Heimatverein Lindewerra, der das Museum betreibt.

Foto: Eckhard Jüngel

Lindewerra.  Kulturelle Einblicke: Im Stockmachermuseum in Lindewerra dreht sich alles um den Wanderstock und seine reiche Geschichte

Josef Keppler, Michael Geyer und Erhard Heinrich schmunzeln, wenn sie an das Datum zurückdenken, an dem das Stockmachermuseum eröffnet wurde: 7. Oktober 1989. „Zum 40. Jahrestag der DDR“, fügt Keppler hinzu. Nur vier Wochen später kamen die Besucher schon aus dem benachbarten Hessen.

1989 hat es noch acht selbstständige Stockmacherbetriebe in Lindewerra gegeben. Eigentlich sollten sie sich schon längst nach Staatswillen in eine PGH, eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks, zusammenschließen. Dagegen aber konnte man sich erfolgreich wehren. Geyers Vater Wolfgang war der Obermeister. Heute ist Michael Geyer der letzte Stockmacher im Ort.

1980, so erzählt Vereinsvorsitzender Josef Keppler, gab es die erste Stockausstellung im Ort. Nach der Wende kam er mit einem Chronisten aus Bovenden-Eddigehausen zusammen. Gemeinsam fand man heraus, dass Wilhelm Ludwig Wagner, der Begründer dieses Handwerks im Ort, 1836 in Lindewerra ankam. „ Ihm hat der Ort viel zu verdanken“ , nickt Michael Geyer.

Seine Blütezeit erreicht dieses Handwerk in Lindewerra in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts. „1890 gab es sechs Betriebe, 1921 aber 21“, weiß Josef Keppler. Um 1920 verließen jährlich über eine halbe Million Stöcke das Dorf. In alle Welt gingen sie. „Damals, zu DDR-Zeiten und auch jetzt“ , sagt Geyer. Selbst der Schauspieler Hugh Laurie soll in seiner Rolle „Dr. House“ einen Stock aus Lindewerra benutzen.

1989 entschied man sich, in einer Stockmacherwerkstadt ein kleines Museum einzurichten. Im alten Backhaus kann Erhard Heinrich, der selbst aus einem Stockmacherhaushalt stammt und als Kind mit in der Werkstatt zufasste, jeden Arbeitsschritt erklären. 32 sind es insgesamt. Auch, welches Holz sich am besten jeweils eignet. Kastanie, Eiche, Schwarzdorn…

Im kleinen Museum riecht es förmlich nach Handwerk. Zahllose Stocksorten gibt es zu bewundern. Die ältesten stammen aus der Gründerzeit. Es gibt Krankenstöcke, Blindenstöcke, Reservistenstöcke, Wurzelstöcke, welche mit Feuerzeug oder einem Schnäpschen im Griff. Natürlich auch Wander-, Souvenir- und Spazierstöcke. „Noch vor 50 bis 100 Jahren war ein Herr nur modern, wenn er einen Spazierstock hatte“, sagt Keppler.

Im Museum findet sich sogar der Marktroller Fridolin, ein auf den ersten Blick absonderliches Vehikel – bestehend aus einer Konstruktion mit zwei Stöcken und Rädern. Erfunden hat ihn 1932 Karl Beckmann aus Berlin, weiß Keppler. „Der war damals hier in Lindewerra zur Sommerfrische.“ Der Marktroller wurde bis 1954 in Lindewerra gebaut, in der Stockmacherei Germania. „Dann aber änderte sich die Kinderwagenmode, es gab große Räder, die kleinen, die für den Marktroller verwendet wurden, wurden nicht mehr hergestellt“, bedauert Josef Keppler.

Der Verein freut sich, dass es viele Gäste in das Museum zieht. „Seit der Verein es 1995 übernommen hat, haben wir fast 108.000 Gäste gezählt. Insgesamt waren es bisher über 140.000.“ Keppler sieht manchmal Wandergruppen, in denen nicht einer einen Stock hat. „Den können Sie hier mitnehmen – inklusive Stocknagel.“