Flimmerkisten aus allen Epochen der Television

Heiligenstadt.  85 Jahre Fernsehen in Deutschland. Hans-Joachim Liesenfeld besitzt die wohl größte Rundfunkgerätesammlung Thüringens.

Hans-Joachim Liesenfeld in seinem Fernsehstudio mit jeder Menge Fernsehgeräten. Auch sehr alte Geräte sind sendebereit.

Hans-Joachim Liesenfeld in seinem Fernsehstudio mit jeder Menge Fernsehgeräten. Auch sehr alte Geräte sind sendebereit.

Foto: Reiner Schmalzl

„Sein Spektakulum auf Wellenlänge erlebte Heiligenstadt am 10. September 1931, als der Mitteldeutsche Rundfunk, Mirag genannt, zu einer Originalübertragung mit einem Kinderfest auf dem Schützenplatz, jetzt Stadion, einlud“, meldete damals das Eichsfelder Tageblatt. Für die Heiligenstädter sei der Herbsttag, folgt man dem Zeitungsbericht, eine Sensation gewesen. Eine dichte Menschenmenge habe sich um das geheimnisvolle Mikrofon gedrängt. Als Hauptattraktion erwies sich eine Spielstunde, die vom Sender Leipzig übertragen wurde.

Olympia-Reportagen von 1936

Dass vier Jahre später neben dem Ton auch bewegte Bilder übertragen werden würden, mochte sich zu jener Zeit im Eichsfeld kaum jemand vorstellen. Aber am 22. März 1935 war es so weit, dass die damalige Reichs-Rundfunk-Gesellschaft in Berlin den ersten Fernsehprogrammdienst eröffnete. Zunächst wurden an drei Tagen in der Woche jeweils 90-minütige Sendungen ausgestrahlt. Während der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin wurden die Sportereignisse in 27 sogenannte Fernsehstuben übertragen.

Bereits 1929 ist in Nürnberg der erste Fernseher auf mechanischer Basis hergestellt worden, erinnert Hans-Joachim Liesenfeld. Eines der wenigen noch erhaltenen Exemplare mit originaler Betriebsanleitung befindet sich in der Privatsammlung des Heiligenstädters. Mit etwa 250 Fernseh- und rund 1000 Radiogeräten aller Epochen dürfte er wohl das umfangreichste Museum dieser Art in Thüringen haben.

Empfang wie in den 1950er-Jahren

Damit der 76-Jährige die volle Funktionsfähigkeit seiner Raritäten auch demonstrieren kann, hat er unter dem Motto „Zurück in die Vergangenheit“ einen Umsetzer vom heutigen Digital- zum Analogempfang installiert. Für den Rundfunk- und Fernsehmechaniker-Meister mit über 60 Jahren Berufserfahrung war dies kein allzu großes Problem. So flimmern in dem kleinen Heiligenstädter Museum gut 30 Fernsehgeräte mit 16 verschiedenen Programmen. Der Besucher wird beispielsweise in die 1950er- oder 1960er-Jahre zurückversetzt, als sich nur die wenigsten Leute einen Fernseher leisten konnten.

Spezielle Lupe vor dem Mini-Bildschirm

Außerdem handelte es sich zu jener Zeit besonders in der DDR noch um absolute Raritäten. In vielen Eichsfelder Wohnstuben versammelte sich damals bei Fußballübertragungen oder Kinderprogrammen am Sonntagnachmittag jede Menge Publikum um Geräte wie das Modell „Rembrandt“. Findige Leute hatten sich zusätzlich eine spezielle Lupe vor der kleinen Bildröhre anbringen lassen. Dass die Produktion von Fernsehgeräten so ab 1960 erst richtig in Gang kommen konnte, ist insbesondere dem Röhrenwerk Mühlhausen mit seinen dort vom Band gelaufenen Empfängerröhren zu verdanken.

Moderator der ZDF-Hitparade

Mit seiner Sammelleidenschaft will Hans-Joachim Liesenfeld allen Generationen die spannende Entwicklung von Fernsehen und Rundfunk nahebringen. Bereits 1980 hatte er seine erste Ausstellung im Heiligenstädter Heimatmuseum. Es folgten bis 2015 etwa 30 weitere Ausstellungen, darunter in Mühlhausen und Heyerode. Neben dem Entertainer Dieter Thomas Heck aus der ZDF-Hitparade war beispielsweise der frühere Tagesschau-Sprecher Jo Brauner gleich zu drei Ausstellungseröffnungen persönlich nach Heiligenstadt gekommen.

Kriegsentschädigung für die Sowjetunion

Zu Liesenfelds historischen Schätzen der Television zählt beispielsweise der 1946 in der Sowjetunion gebaute „Leningrad T1“, von dem nur noch drei Geräte existieren sollen. Das Nachfolgemodell „Leningrad T2“ ist ab 1950 im Sachsenwerk Radeberg produziert worden und ist eine Kombination von Fernseher und Radio. Es handelte sich um eine Reparationsleistung infolge des Zweiten Weltkriegs für die UdSSR. Nur wenige Geräte blieben in der DDR und kosteten stattliche 3500 Mark. Eine Rarität ganz anderer Art ist der 1993 in Stassfurt gebaute Fernseher „RFT Colani“, für dessen Gehäuse der Star-Designer Luigi Colani (1928 bis 2019) sorgte. Der Exzentriker hasste alles Eckige und entwarf für die ostdeutsche Traditionsfirma verschiedene geschwungene und aerodynamisch anmutende Modelle.

Und während der Corona-Krise ist neben Internet, Radio und Zeitung, digital oder gedruckt, das Medium Fernsehen für viele Menschen ein wichtiges Fenster zur Außenwelt. Nicht nur wegen der aktuellen Informationen, sondern auch zur Unterhaltung an manch langen Tagen.