Gespräch mit Roland Jahn im Eichsfeld über Grenzöffnung

Duderstadt  Bei der Bundespolizeiabteilung Duderstadt geht es in einer Podiumsdiskussion mit dem Chef der Stasiunterlagen-Behörde und weiteren Zeitzeugen um die Grenzöffnung vor 30 Jahren und die nachhaltige Bedeutung der Stasiakten.

Dem Leiter der Stasiunterlagen-Behörde in Berlin, Roland Jahn (Mitte) diskutierte in Duderstadt mit Vertretern des Grenzlandmuseums Eichsfeld und Zeitzeugen von der Bundespolizeiabteilung

Dem Leiter der Stasiunterlagen-Behörde in Berlin, Roland Jahn (Mitte) diskutierte in Duderstadt mit Vertretern des Grenzlandmuseums Eichsfeld und Zeitzeugen von der Bundespolizeiabteilung

Foto: Eckhard Jüngel

„Man hat uns unseren Sohn gestohlen.“ Noch immer hat Roland Jahn diesen Satz seiner Mutter in den Ohren, nachdem er 1983 in die Bundesrepublik Deutschland zwangsausgewiesen worden ist. In der DDR war er als Journalist tätig und als Bürgerrechtler bekannt. Heute ist er der Leiter der Stasiunterlagenbehörde BStU in Berlin und spricht im Rahmen eines Podiums bei der Bundespolizeiabteilung Duderstadt darüber.

Die Friedliche Revolution bezeichnet er als „kleinen Triumph“, nachdem er sechs Jahre zuvor „gefesselt und geknebelt in einen Interzonenzug geschmissen“ worden war. Während am 9. November 1989 die Menschen aus Ost nach West strömten, machte sich Roland Jahn auf den Weg in die Heimat, nach Jena.

Wolfgang Nolte erinnert sich, dass er im Auto saß und die Pressekonferenz mit Günter Schabowski hörte. Beim Termin am Abend habe er dem damaligen Bürgermeister einen Zettel hingelegt, auf dem stand, in der Nacht würden die Grenzen aufgehen. Allerdings, sagt der heutige Bürgermeister von Duderstadt, ei er nicht ernst genommen worden. In der Nacht seien ihm dann die ersten Trabis entgegen gekommen – die Grenze war auf. Horst Dornieden, Vertreter des Grenzlandmuseums, erzählt, er sei noch auf einer Demonstration gewesen, wo die Information langsam durchsickerte. Aufgeregt sei er nach Teistungen gefahren, doch an der Grenze wurde er weggeschickt – weil: „sie hätten keinen Befehl.“ Erst am nächsten Morgen habe er die Autoschlange gen Westen vor seinem Haus gesehen. Hauptkommissar Jürgen Sczuplinski sitzt ebenfalls im Podium, bei dem Schüler und Polizeianwärter anwesend sind, und erzählt, dass er beim Squash war, als seine Frau anrief, er müsse dringend zur Dienststelle. Denn er sei damals beim Bundesgrenzschutz tätig gewesen. „In dem Moment habe ich nicht daran gedacht, dass wir hier jetzt Geschichte schreiben.“

Uwe Sieber, Präsident der Bundesbereitschaftspolizei, war am Tag der Friedlichen Revolution noch in Berlin in der Ausbildung. Es sei überraschend gewesen, als die Meldung kam.

Roland Jahn ist Opfer der Staatssicherheit gewesen. Damals hätte er nicht gedacht, dass er einmal eine Stasiunterlagenbehörde leiten würde. Ermöglicht hätten das unter anderem fünf junge Frauen, die als erste die Stasizentrale in Erfurt stürmten und dafür sorgten, dass die Unterlagen nicht weiter verbrannt wurden. Dadurch habe die Behörde nun 111 Kilometer Akten und 15.000 Säcke mit zerrissenen Akten. Dadurch sei es möglich, das „Unrecht aufzuarbeiten und die Verantwortung zu beschreiben, die einzelne Menschen für das geschehene Unrecht hatten.“ Ein Stück gestohlene Selbstbestimmung könne durch die Akteneinsicht zurückerlangt werden. Hinzu komme das Wissen, wer einen verraten hat.

Die Akten wurden auch zur Überprüfung von Menschen, die später in der Bundesrepublik Deutschland im öffentlichen Dienst tätig werden wollten, genutzt. „Über 1,7 Millionen Mal sind Unterlagen in den 30 Jahren zur Verfügung gestellt worden.“ Auch die Bundespolizei führe solche Überprüfungen durch und müsse bewerten, wie sie mit belasteten Mitarbeitern umgehe. „Ob das immer qualitätsgerecht geschehen ist, da mache ich ein großes Fragezeichen hinter.“ Aber auch im Nachhinein könne noch aufgearbeitet werden. In dem Zusammenhang spricht er von der „individuellen Verantwortung“ eines jeden, ob „das Unrecht einfach weggewischt werden kann, um eine neue Karriere anzufangen.“

Die Akten dienen auch dazu, der nächsten Generation etwas an die Hand zugeben. Dazu seien auch die Museen da, um die Geschichte und das Unrecht des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten.

Optimistisch blicken alle Podiumsgäste in die Zukunft. Sie glauben, dass Deutschland auch noch in 30 Jahren einen guten Stand hat und es ein gefestigtes Europa gibt. Roland Jahn meint, dass es auch noch seine Behörde gibt, denn die sei das „Gedächtnis“.

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