Lesung in Teistungen: „Ich schlag mich durchs Gestrüpp seitlich des Weges“

Teistungen  Die Schauspieler Annett Renneberg und Florian Lukas lesen im Grenzlandmuseum aus Werken unterdrückter DDR-Literatur.

Die Schauspieler Annett Renneberg und Florian Lukas lasen in der Bildungsstätte des Grenzlandmuseum Eichsfeld aus Texten, die in der DDR nicht offiziell veröffentlicht werden durften.

Die Schauspieler Annett Renneberg und Florian Lukas lasen in der Bildungsstätte des Grenzlandmuseum Eichsfeld aus Texten, die in der DDR nicht offiziell veröffentlicht werden durften.

Foto: Gregor Mühlhaus

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Im Rahmen des 14. Literaturfestes Niedersachsens gab es am Sonntag im Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen eine vielbeachtete Lesung mit dem Namen „Leise, laut, verboten – Literaten in der DDR“. Die Buchautorin und Dramaturgin Katja Lange-Müller, die die Texte ausgesucht hatte, begrüßte die Gäste in der Bildungsstätte und führte ins Thema ein. „Dazu, sich im sogenannten stillen Kämmerlein, das die Arbeiterregale der DDR-Plattenbauten eh kaum zu bieten hatten, ab und an den Frust, das Verlangen, die Wut von der Seele zu schreiben, gehörte, solange man das gut versteckte, nicht allzu viel Mut“, sagte die Autorin.

Oft seien diese Texte Gedichte oder kurze, experimentelle Prosa-Impressionen über Repressalien im Staat und von der Sehnsucht nach Freiheit gewesen. Diese Texte dann aber bei den legendären Wohnungs- oder Kneipenlesungen Freunden und Freunden der Freunde vorzutragen oder sie sogar als „Samisdat“ zu veröffentlichen, das habe schon weitaus mehr Mut erfordert, so Lange-Müller.

„Denn jeder wusste, dass einer von zehn Zuhörern garantiert bei der Stasi war“, meinte die Autorin weiter und erklärte dass das Wort Samisdat vom Russischen abgeleitet ist und so viel wie „selbst herausgeben“ oder „Eigenauflage“ heiße.

Schließlich kamen die beiden Schauspieler Florian Lukas und Annett Renneberg auf die Bühne, die für die Lesung gewonnen werden konnten. Beide sind aus diversen Kino- und Fernsehproduktionen der Öffentlichkeit bekannt. Begleitet wurden die beiden vom Schlagzeuger und Jazz-Perkussionisten Günter Baby Sommer, der mit seinen Fingern im Takt schnippte und sich ans Schlagzeug setzte. Mitgebracht hatte Sommer ein großes „Tam Tam“, einen Metallgong, auf dem er die ersten Töne zu Gehör brachte. So trieb er die Spannung vor der ersten Rezitation nach oben.

Manche schrieben im Gefängnis weiter

Annett Renneberg begann mit einem Auszug aus Georg Seidels Werk „Sie müssen nach Dessau fahren“, bevor sie aus Uwe Kolbes Gedicht „Hineingeboren“ rezitierte. Seidel und Kolbe waren, wie alle anderen Schriftsteller, die an diesem Abend vorgestellt wurden, DDR-kritische Autoren, die entweder konspirativ arbeiteten oder sogar im Gefängnis gelandet waren und von dort aus weiterschrieben.

Schauspieler Florian Lukas las anschließend aus Wolfgang Hilbigs „Die Flaschen im Keller“, einer Erzählung, die von einem Mann handelt, der zum Alkoholiker wird, weil Unmengen von Obst zu so vielem Most und Wein verarbeitet wurden, dass der Mann nicht mehr Herr der Lage wurde.

Zwischendurch strich Perkussionist Sommer mit einem Violinenbogen über die Schlagzeugbecken, um anschließend mit einem Schlagzeugsolo wieder die Spannung auf einem Level zu halten. Nachdem die Töne leiser geworden waren, intensivierte Sommer die Lautstärke wieder. Annett Renneberg rezitierte aus Wolfgang Hilbigs literarischen Werk „Die Abwesenheit“, in welchem der der DDR abgewandte Schriftsteller das Begehren, andere Teile der Welt kennenzulernen, niedergeschrieben hatte. In dem Poem heißt es unter anderem: „Ihr habt mir ein Haus gebaut. Lasst mich ein anderes anfangen... Ihr habt mir einen Weg gebahnt, ich schlag mich durchs Gestrüpp seitlich des Wegs. Saget ihr, man soll allein gehn. Würd ich gehn mit euch“.

Auch aus Georg Seidels Werk „Man darf nicht nachgeben“ las Renneberg. Dabei geht es um den jungen Warbukke, der sich keinen Anzug zur Jugendweihe kaufen will.

Am Ende des Abends bedankte sich Mira Keune, die pädagogische Leiterin des Grenzlandmuseums, bei den Protagonisten und überreichte ihnen als Anerkennung einen Bildband über das Museum und ein Stück Stacheldrahtzaun von der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

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