„Massaker an unseren wertvollen Kulturlandschaften“

Gerode  Interview: Georg Etscheit ist Autor und Umweltschützer. Er gastiert im Kloster Gerode im Eichsfeld und stellt sein Buch vor.

Georg Etscheit ist Autor und Journalist. Foto: GEORG ETSCHEIT

Foto: GEORG ETSCHEIT

In der Gemarkung Sonnenstein ist ein Windvorrang­gebiet ausgeschrieben. Eine Bürgerinitiative hat sich daraufhin gegründet und kämpft nun gegen einen möglichen Windpark. Die Initiative lädt nun zu einer Wanderung und einem Vortrag mit Georg Etscheit ein. Im Interview spricht der Journalist und Autor über seine Sicht auf die Energiewende.

Warum beschäftigen Sie sich insbesondere mit Windkraft?

Mein Zugang zu diesem Thema ist zunächst ein sehr persönlicher. Ich bin seit meiner Jugend ein naturverbundener Mensch, als Mitglied der katholischen St.-Georgs-Pfadfinderschaft war ich fast jedes Wochenende draußen. Das hat mich stark geprägt. Schöne, intakte Landschaften waren für mich immer ein Labsal, ein Lebenselixier und oft auch ein spirituelles Erlebnis, eine Möglichkeit, Gott zu begegnen, wer oder was immer das auch sei.

Dass nun ausgerechnet jene, die immer vorgeben, die Umwelt schützen und bewahren zu wollen, ein solch grauenvolles Massaker an unseren wertvollen Kulturlandschaften anrichten, hat mich dazu bewogen, ein Buch über die oft vernachlässigten, gravierenden Schattenseiten der Energiewende herauszugeben. Wenn man heute durch Deutschland fährt und die vielen, von mittlerweile insgesamt fast 30.000 Windindustrieanlagen entstellten Landschaften betrachtet, wird man dies unschwer nachvollziehen können.

In Ihrem Buch „Geopferte Landschaften: Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört“ beziehen Sie sich auf die Schattenseiten der Energiewende. Aus welchen Gründen haben Sie sich auf diesen Themenschwerpunkt bezogen?

Das Ziel der Energiewende sollte immer sein, unsere Umwelt und unser Klima zu schützen. Doch beide Ziele sind bislang nicht erreicht worden, im Gegenteil, die Energiewende hat alles nur noch schlimmer gemacht. Windkraftwerke zerstören nicht nur unsere deutschen Kulturlandschaften, die in dieser Form weltweit einmalig sind. Sie töten jedes Jahr Hunderttausende von seltenen Vogel- und Fledermausarten, machen wertvolle Wälder zu Industriezonen, machen Menschen krank, die in der Nähe der Giganten leben müssen. Dazu kommt die „Vermaisung“ ganzer Landstriche für die Produktion von Biogas, was enorme negative Folgen für die Artenvielfalt auf dem Land hat. Relativ gering sind die Eingriffe durch Solarkraftwerke, wobei auch hier zu fragen ist, ob der enorme Materialeinsatz und Flächenverbrauch insbesondere durch solare Freiflächenanlagen in einem gesunden Verhältnis zum Stromertrag und zur CO2-Verminderung steht. Ich bezweifle das.

Sehen Sie auch Chancen in der Energiewende?

In dieser völlig fehlgeleiteten Energiewende sehe ich überhaupt keine Chancen mehr. Man sollte dieses völlig misslungene und in jeder Hinsicht kon­traproduktive Projekt sofort beenden. Die Energiewende ist längst nur noch ein riesiges Geschäft, bei dem Wenige viel verdienen zu Lasten der Mehrheit und zu Lasten der Natur. Man versucht gewissermaßen, den Teufel (Klimawandel) mit dem Belzebub einer nie dagewesenen technokratischen Materialschlacht zu bekämpfen. Das ist weder grün und ökologisch, noch sozial, sondern nur unsäglich verlogen und verantwortungslos.

Welche Landschaften betrachten Sie in Ihrem Werk?

Ich betrachte in meinem Buch, das inzwischen in den Kreisen von Energiewendekritikern Referenzstatus genießt, zunächst die Landschaften meiner Kindheit und Jugend, die ich im Rheingau verbrachte, einer vom Weinbau geprägten, uralten Kulturlandschaft am Rhein zwischen Wiesbaden und Rüdesheim: den Taunus, den Odenwald, den Spessart, den Hunsrück, das rheinhessische Hügelland südlich von Mainz, die Eifel und den Vogelsberg.

Beinahe all diese Landschaften sind heute vor allem von Windindustrieanlagen extrem überformt und kaum noch wiederzuerkennen. Sie stehen pars pro toto für alle anderen Landschaften in Deutschland, die schon heute in unwirtliche „Sonderzonen“ zur Bereitstellung sogenannter erneuerbarer Energien verwandelt wurden oder denen ein solches Schicksal womöglich noch bevorsteht, darunter auch das Eichsfeld.

Spielt das Eichsfeld dort­ ­bereits eine Rolle?

Nein, ich war leider noch nie im Eichsfeld. Dass ich die Ehre habe, bei Ihnen über mein Buch und meine Liebe zu den deutschen Landschaften zu sprechen, habe ich einem früheren Schulkameraden zu verdanken, Professor Helmut Lill, der zusammen mit anderen Betroffenen gegen Windkraftwerke im Eichsfeld kämpft und mich angesprochen hatte.

Welche Chancen oder Risiken sehen Sie für Weißenborn-Lüderode, sollte eine Windkraftanlage errichtet werden?

Windindustrieanlagen bieten für die Regionen, in denen sie gebaut werden, meist keine Chancen, sondern nur Belastungen. Diejenigen, die davon profitieren, sind oft nur die Windkraftprojektierer und eine sich grün und ökologisch dünkende Nachhaltigkeits-Schickeria in den Großstädten, die sich vom Grünstromabo Ablass erhofft für ihre ökologischen Sünden. Für mich ist es der Gipfel der Heuchelei, wenn etwa die grüne Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag Klimaschutz predigt und zugleich zum Urlaub nach Kalifornien jettet. Die Energiewende spaltet das Land wie die Flüchtlingspolitik und vertieft vor allem den Gegensatz zwischen Stadt und Land.

Beschäftigen Sie sich anschließend noch explizit mit Windkraftanlagen im Eichsfeld – beispielsweise in Form eines Dossiers oder Buches?

Nein, das plane ich derzeit nicht.

Wollen Sie mit der Wanderung und dem Vortrag in Gerterode aufklären oder die Bürger von Weißenborn-Lüderode auch unterstützen?

Beides trifft zu. Ich verlange für meine Vorträge übrigens kein Geld, lasse mir nur die Reisespesen erstatten. Ich möchte dazu beitragen, dass der grassierende Windwahn gestoppt wird und zumindest die letzten noch relativ unbelasteten Landstriche wie das Eichsfeld nicht auch in riesige Wind-Industriegebiete umgewandelt werden. Das ist mir ein Herzensanliegen.

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