Spulen, Perlonkittel und Erinnerungen in Leinefelde

Leinefelde  Die Ausstellung zur Leinefelder Baumwollspinnerei anlässlich des 50-jährigen Stadtjubiläums lockt viele Neugierige. Die Besucher plaudern aus dem Nähkästchen.

In der Leinefelder Stadthalle gibt es zur Festwoche  50 Jahre Stadtrecht  Leinefelde eine Ausstellung zur Baumwollspinnerei. Theresia Jupé schwelgte wie andere in Erinnerungen. Fotos: Eckhard Jüngel

In der Leinefelder Stadthalle gibt es zur Festwoche  50 Jahre Stadtrecht  Leinefelde eine Ausstellung zur Baumwollspinnerei. Theresia Jupé schwelgte wie andere in Erinnerungen. Fotos: Eckhard Jüngel

Foto: Eckhard Jüngel

Alte Spulenwagen, Tonnen, in denen die Baumwollstränge einst lagen, Brigadebücher, die von Ausflügen erzählen, Transportkarren, ein Robotron-Computer und Ohrstöpsel – sie alle erzählen von der Geschichte der ehemaligen Leinefelder Baumwollspinnerei – und Geschichten. Die meisten Gäste, die am Mittwoch zum Seniorennachmittag in die Obereichsfeldhalle kommen, gehen nicht zielstrebig zu den gedeckten Tischen, sondern bleiben im Foyer stehen, halten inne, lassen den Blick schweifen. Fotos werden betrachtet – mal verschmitzt, mal melancholisch, und manche Hand streicht fast liebevoll über eine der Spulen.

Im Foyer der Stadthalle wird eine Sonderausstellung anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Stadt Leinefelde gezeigt. Es geht um den Großbetrieb, der von allen nur Spinne genannt wird. Wie kaum ein anderes Unternehmen war sie mit der Stadt und ihrer Entwicklung verbunden. Auch viele der Senioren, die zu dem bunten Nachmittag kommen, haben dort gearbeitet.

„Ich war 1962 der erste Lehrling, und das in einer Klasse mit rund 25 Mädchen“, sagt Walter Prenissl und

schmunzelt. In der ersten Stunde habe er sich nicht getraut, sich umzuschauen, verrät er. „Alles Frauen. Ich hatte Angst.“ Und der Leinefelder erinnert sich auch an die Zeit davor. Zwei Tage vor dem eigentlichen Lehrbeginn flüchtete er bei Teistungen in den Westen, begann eine Maurerausbildung. Doch nach einem halben Jahr war das Heimweh so groß, dass er wieder zurückkam, die Lehre in der Spinne nun doch begann und neben den jungen Damen auf der Schulbank landete.

Derweil bleibt minutenlang der Blick von Theresia Jupé auf dem Spulenwagen hängen. 20 Jahre verdiente sie den Lebensunterhalt in dem Betrieb. „Ich war Lehrfacharbeiter und im ersten Bereich am Flyer, wo die dicken Spulen sind“, erzählt die heute 83-Jährige. Ungern arbeitete sie in der Nachtschicht. Doch der Vorteil: Die Spinne lag nicht weit von der Wohnung entfernt. „Ich war alleinerziehend. Meine Eltern kümmerten sich mit um meinen Sohn, da konnte ich Geld verdienen“, sagt Theresia Jupé. Und schon sieht sie sich im Perlonkittel zwischen den Maschinen. „Es war warm, die Lüftung funktionierte nicht. Wenn ich nach Hause kam, führte mein erster Gang direkt ins Bad. Ich hatte überall Fusseln, die klebten.“ Theresia Jupé freut sich, einige alte Bekannte wieder zu treffen. Mit ihnen kann sie in Erinnerungen schwelgen, da gibt es auch so manche Feier, die man gut und gern im Gedächtnis hat.

Und es gibt noch eine Seite der Spinnerei, deren Grundstein 1961 gelegt wurde, die über 4500 Mitarbeiter hatte und für die täglich mehrmals über 100 Orte angefahren wurden: Als nach der Wende die Kündigungen kamen. „Auch ich wusste, dass das auf mich zukommt. Doch als der Umschlag im Briefkasten lag, war es ein eigenartiges Gefühl“, sagt die Leinefelderin und betrachtet wieder die Ausstellung im Foyer der Obereichsfeldhalle.

Vor drei Jahren bekam die Stadt die letzten Erinnerungsstücke aus dem Archiv der Baumwollspinnerei, darunter Bilder aus dem Speiseraum der Halle II, unzählige Fotos, Filme und eine alte Uhr, von der Art, wie sie in allen Werkhallen zu finden waren, die den Schichtschluss anzeigten. Und deren Mutteruhr, mit der alle zusammenhingen, die des Uhrenturmes, erklärt Stadtsprecherin Natalie Hünger. Mancher bleibt aber auch vor den Metallbildern stehen oder schaut sich noch einmal die Ölgemälde „Deutsche Spinnerin und Mongolin vor den Maschinen“ oder „Frauen beim Aufbau des sozialistischen Vietnam“ von Ilse Englberger an. Durchgeblättert werden Mappen mit den Arbeiten von Studenten um Professor Katzig, die sich mit der Gestaltung der Sozialräume befassten. Rund 800 Fotos von der Spinne laufen als Filmschleife über die Wand und noch einmal so viele von Leinefelde. Dazu kommen einige Filme vom Leinefelder Jubiläum 1977.

In der Stadthalle läuft der Seniorennachmittag. Alle Tische sind besetzt. Es gibt Kaffee, Kuchen, kurze Reden und ein Programm, das Kinder und Frauenchor gestalten. Auch Dietmar Sonne genießt die Zeit in der Gemeinschaft. Der 78-jährige Leinefelder arbeitete von 1964 bis 2006 in der Spinne. „Ich habe alles gemacht, war Springer, habe anfangs die Maschinen mit aufgestellt und sie am Ende abgebaut.“ In Erinnerung geblieben sind ihm „gute Zeiten“. Doch während für ihn die Arbeit körperlich nicht so schwer war, wie er sagt, sei sie es für die Frauen gewesen. „Im Sommer bei 40 Grad an den Maschinen stehen, war nicht leicht. Und für die Stadt am Ende war es das nach den Entlassungen auch nicht. Doch Bürgermeister Gerd Reinhardt hat viel geschafft. Ihm haben wir viel zu verdanken. Auch, dass Leinefelde nach der Expo in aller Munde war. Es ging aufwärts“, meint Dietmar Sonne.

Die Ausstellung ist am Freitag zum Festakt anlässlich des Stadtjubiläums noch einmal zu sehen, Samstag zum Tanzabend sowie zur Urania-Veranstaltung am kommenden Dienstag, 19 Uhr.

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