Werrabrücke bei Lindewerra: Symbol der Teilung, Symbol der Einheit

Lindewerra  30 Jahre Mauerfall: Die Brücke der Einheit bei Lindewerra wird jetzt 20 Jahre alt. Gefeiert wird mit Brückenfest und „Werra in Flammen“.

Seit 1999 verbindet die Brücke der Einheit wieder Lindewerra im thüringischen Eichsfeld mit dem hessischen Oberrieden. Rechts ist der erhaltene historische Brückenteil zu sehen.

Seit 1999 verbindet die Brücke der Einheit wieder Lindewerra im thüringischen Eichsfeld mit dem hessischen Oberrieden. Rechts ist der erhaltene historische Brückenteil zu sehen.

Foto: Sammlung Josef Keppler

Drei Sandstein­bögen künden von vergangenen Zeiten. In sie schmiegt sich ein rostroter Stahlbogen. Eine Verbindung, die dem Lindewerrschen Ortschronisten und Heimatforscher Josef Keppler gut gefällt. Denn diese Verbindung der Historie mit der Modernen erzählt von einer bewegten Geschichte, der Überwindung von Grenzen und Zeit.

Die Brücke, die die Werra überspannt, Lindewerra mit Oberrieden verbindet, feiert in diesen Tagen Geburtstag. Sie trägt den Beinamen „Brücke der Einheit“. „Sie ist die einzige Werrabrücke im Eichsfeld“, sagt Josef Keppler. Er blickt aus dem Fenster. „Es war ein harter Kampf um sie“, sagt er. Er kennt die Geschichte des Bauwerkes gut, liegt es doch nur einen Steinwurf von seinem Haus entfernt.

Im Jahr 1900 begannen die Arbeiten für die erste Werrabrücke. Nur sechs Monate hat es gedauert, die sechs Sandsteinbögen fertigzustellen. „Damals besaßen viele hiesige Bauern Land auf dem Werrahufeisen jenseits des Flusses“, weiß Keppler. Das Vieh dorthin zu treiben, bedeutete einen Umweg über Wahlhausen und Bad Sooden-Allendorf. „Das war eine Tagesreise“, sagt der Ortschronist. Und das nur, um auf ein Stück Land zu kommen, das man von Lindewerra aus sehen konnte. Eine Brücke musste her. Die Steine kamen aus dem nahen Steinbruch Schürzeberg

Bis 1945 wurde die neue Brücke rege genutzt. Sie verband Bauern mit ihrem Land, hielt Familien zusammen und sorgte für eine schnelle Erreichbarkeit des Oberriedener Bahnhofs. Alle waren froh. „Nur einer war traurig“, sagt Josef Keppler. „Das war der Fährmann Wilhelm Degenhardt. Der war plötzlich arbeitslos.“ Degenhardt habe an die Obrigkeit geschrieben, wenn er schon seinen Job los wäre, dann wolle er in einer Bude die Bauarbeiter der Brücke verpflegen. Das allerdings, hat Keppler in seinen historischen Dokumenten gelesen, wurde abschlägig beschieden. Drei Gaststätten gab es nämlich im Dorf. Nun, Degenhardt wurde auch Wirt: oben auf der Teufelskanzel.

In der Nacht zum Weißen Sonntag 1945, am 8. April, um 3 Uhr gab es plötzlich einen lauten Knall. Von der Brücke war nichts mehr übrig. Wehrmachtssoldaten hatten Fliegerbomben auf sie gelegt und diese dann mit Sprengstoff gezündet. „Sie wollten den Vormarsch der Amerikaner aufhalten“, weiß Keppler. Da lag Lindewerra schon einige Tage unter Beschuss. Am Ostermontag, sechs Tage zuvor, war schon die Bahnbrücke Oberrieden von der Wehrmacht in die Luft gejagt worden. „Die US-Army hielt das nicht auf. Die kam auf dem Landweg von Wahlhausen her nach Lindewerra.“

Wie ein Dorn in der Seele der Menschen ragte der verbliebene Brückenkopf weitere 54 Jahre aus dem Werraufer. Ein Wachtturm der Grenzer entstand direkt neben ihm, dann kamen Grenzzaun, Kolonnenweg, Panzersperren, Stacheldraht. Noch nicht einmal betreten konnten die Einwohner die Ruine der Brücke. Für sie wurde sie zum Symbol der Teilung. Vor allem, weil in den 60er-Jahren noch die abgebrochenen Steine herumlagen, erst später der verbliebene Teil gesichert wurde. 1989 fiel die Mauer und damit auch die innerdeutsche Grenze. Sofort machten sich die Lindewerrschen und Ellershäuser daran, die Grenzanlagen abzubauen. Der Grenzturm wurde von der NVA selbst entfernt, weiß Keppler. „Nur 15 Minuten hat es gedauert, dann lag er am Boden. Innerhalb eines Tages war nichts mehr von ihm zu sehen.“

Direkt nach Oberrieden kam man aber immer noch nicht. Mit Hilfe aus dem hessischen Ellershausen bauten die Lindewerrschen aus Fässern eine provisorische Standfähre. Wer sie nutzen wollte, konnte sie und damit sich an einem Seil über den Fluss ziehen. „Na ja, so ganz gesetzeskonform war sie nicht. Aber sie wurde begeistert angenommen.“ Schließlich standen Behördenvertreter vor dem Vehikel, mit Aktenordnern unter dem Arm, und schüttelten den Kopf. So schnell wie die Fähre kam, musste sie wieder weg.

Dann zogen die Einwohner des Werradorfes erneut in den Kampf: in den um den Wiederaufbau der Brücke. „Immer wieder verschob sich das Vorhaben.“ Es gründete sich eine Bürgerinitiative. Ihr Sprecher war der heutige Bürgermeister Gerhard Propf. Weil nichts vorwärts ging, organisierte die Initiative 1996 eine große Kundgebung, holte die Politik und zahlreiche Medien mit ins Boot. Die Aktion zeigte Wirkung. 2,4 Millionen D-Mark wurden für den Wiederaufbau bereitgestellt. Der begann 1998. Und wieder dauerte es nur wenige Monate, bis die 120 Meter lange Brücke fertig war, jetzt als ein deutlich sichtbares Symbol der Einheit. Eingeweiht wurde sie am 17. Juli 1999. Das obligatorische Band beim offiziellen Festakt durchschnitt der damalige Thüringer Wirtschaftsminister Franz Schuster. Und am Nachmittag feierten die Lindewerrschen und Oberriedener unter sich – mit einem erneuten Banddurchschnitt, den Gerhard Propf vornehmen durfte. „1000 Menschen waren damals da“, erinnert sich Josef Keppler.

Am Samstag, 31. August, wollen die Lindewerrschen den 20. Geburtstag ihrer neuen Brücke der Einheit feiern. Los geht es ab 11 Uhr mit einem Handwerkermarkt mit 40 Ausstellern. Gegen 16 Uhr soll es eine kleine Festansprache geben. Dann unterhält der Fanfaren- und Musikzug Frankershausen die Gäste, um 19 Uhr kommen die Burgbergbuam. Und um 22 Uhr soll der Höhepunkt des Tages folgen: „Werra in Flammen“ mit einem Höhenfeuerwerk zu Händels Feuerwerksmusik.

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