Absurditäten des Hier-Seins

Erfurt  Junge Flüchtlinge spielen in der Erfurter Schotte Theater. Szenencollage zum Alltag im Krieg und nun fern der Heimat

Arbeiten an der Szenencollage „Krieg und Frieden“ in der Schotte: Ahmad Al Ali, Christian Weiß, Amin Hassani (vorne), Monhal Khader und Oqba Bouzian.

Arbeiten an der Szenencollage „Krieg und Frieden“ in der Schotte: Ahmad Al Ali, Christian Weiß, Amin Hassani (vorne), Monhal Khader und Oqba Bouzian.

Foto: Schotte

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Was wäre, wenn kein Krieg mehr wär? Wenn nicht Ahmad, Amin oder Monhal hätten fliehen müssen aus ihrer Heimat, wenn sie nicht in Erfurt gestrandet wären und stattdessen Erfurter zu Besuch kämen in ihrer Heimat Syrien oder Afghanistan? Darum wird es gehen in einer der Szenen auf der Schotte-Bühne, wenn am Dienstag, 20. Juni, um 20.30 Uhr das „Krieg und Frieden“ im Spielplan und eine Gruppe geflüchteter junger Männer schauspielernd auf der Bühne steht.

Eigentlich, so erinnert sich Christian Weiß, der die Gruppe betreut, war das Theaterspiel für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge gedacht. Doch das Konzept von Bürgerstiftung Erfurt in Kooperation mit dem Theater „Die Schotte“ ging nicht auf. Zwar waren im April 2016, zum Start des Projekts, bei dem es spielerisch um Sprachvermittlung und Integration gehen sollte, ein paar Jugendliche gekommen. Doch schnell habe sich herausgestellt, dass die Jugendlichen schon gut durch Schule und Sprachkurse eingebunden und vor allem ausgelastet sind. Wer zu den Proben kam, waren Männer ab 18 Jahren aufwärts. „Mal kam nur einer, mal acht von den Erwachsenen“, blickt Weiß zurück, der als Künstler, als Theaterregisseur und -pädagoge arbeitet, hauptberuflich in der Flüchtlingssozialarbeit beim Deutschen Familienverband beschäftigt ist.

Aus seiner Arbeit kennt er den Druck, dem die Geflüchteten ausgesetzt sind, weiß von den Problemen, vor die sie der Alltag in Deutschland stellt.

Es sei nach wie vor ein Kommen und Gehen bei den Teilnehmern, sagt Weiß. Wer aber zu den Proben komme, der sei voll und ganz da, konzentriert und mit großem Engagement dabei. Die Zeit des Ramadan und der Ferien war dabei ein Teilnehmer-Tief, am stärksten war das Interesse am Mitwirken in der Theatergruppe nach einer kleinen, ersten Vorstellung zum alternativen Weihnachtsmarkt der Bürgerstiftung in der Barfüßerkirche. Da sprach sich das Projekt, für das in den Einrichtungen und Unterkünften geworben wurde, erst so richtig herum unter den Flüchtlingen. Die Fluktuation ist hoch, aus manchmal ganz irrationalen Gründen: wenn beispielsweise per Whatsapp das Gerücht die Runde macht, um in Deutschland bleiben zu können, müsse man unbedingt mal hier, mal dorthin reisen. So bleibt die Verbindung auch zwangsweise lose, eine Verpflichtung zur Teilnahme gebe es schließlich ohnehin nicht, wie Christian Weiß sagt.

Freundschaften sind entstanden. Er schätzt die Bühnenpräsens der Akteure, die vielleicht von ihrer krassen Lebenserfahrung, aus Flucht-Erlebnissen her rühre: „Sie sind sich ihrer selbst sehr bewusst“, sagt Weiß. Oqba Bouzian, Flüchtling aus Damaskus und Bundesfreiwilliger in der Schotte seit Mai 2016, übersetzt, wo dies noch nötig ist.

So frei wie die Teilnahme, so frei die Themenwahl für die Szenencollage. Absurditäten des Hier-Seins gehören dazu, die 1000 Zettel, die es in Deutschland nach der Ankunft auszufüllen gab, der Willkommensapplaus am Bahnhof, die Hubschrauber und die Bomben in der Heimat...

„Für alle ist das Theaterspiel eine andere Welt: Hier schalten sie ab, widmen sich ganz dem Vergnügen“, sagt Weiß. Und es füllt eine Lücke: Während Jugendlichen schnell die Integration durch den Schulalltag gelingt, ist das Angebot für junge Erwachsene nur schmal.

Christian Weiß verspricht für die Vorstellung von „Krieg und Frieden“ ein Fest: Die Darsteller laden Familie und Freunde dazu ein, es wird ein Buffet geben in der Schotte mit landestypischen Spezialitäten. Schließlich fällt die etwa einstündige Vorstellung in die Zeit des Ramadans und Fastens: „Um 21.34 Uhr wird die Sonne untergehen, danach werden wir mit Darstellern und Gästen die Vorstellung und das Fastenbrechen feiern“.

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