Allein unter neurotischen Müttern: Jürgen Weber inszeniert "Molly Eyre" in Erfurt

Erfurt. Der Regisseur hat lange für Fernseh-Serien gearbeitet. "Nicht gut für die Seele", sagt er und bringt jetzt eine rasante Komödie ans Erfurter Theater

"Im besten Sinne gut gemacht", sei "Molly Eyre", findet Regisseur Jürgen Weber. Er inszeniert die Komödie um vier neurotische Mütter - darunter eine heimliche Autorin - am Theater Erfurt. Freitag ist Premiere. Foto: Sascha Fromm

"Im besten Sinne gut gemacht", sei "Molly Eyre", findet Regisseur Jürgen Weber. Er inszeniert die Komödie um vier neurotische Mütter - darunter eine heimliche Autorin - am Theater Erfurt. Freitag ist Premiere. Foto: Sascha Fromm

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"Meine vier Mädels kommen gleich", sagt Jürgen Weber, schiebt sich die Sonnenbrille in die Stirn und bestellt erst einmal einen Kaffee. Der Regisseur steht in der Kantine des Erfurter Theaters wie Jeff Bridges als "Big Lebowski" auf der Bowlingbahn - mit Mähne, Vollbart und Totenkopf-Shirt - und erklärt nun, was ihn daran gereizt hat, ein Stück zu inszenieren, in dem vier neurotische Mütter beim Umdekorieren des Kindergartens aufeinander losgehen.

Ja, sagt er und lässt die Sonnenbrille wieder auf die Nase rutschen, das sei "schon schräg als Mann mit vier Mädels". So weit hergeholt aber auch wieder nicht, er habe schließlich selbst "'ne Menge Kinder". Es sind fünf - Jürgen Weber kennt sich also aus mit Eltern, die alles richtig machen wollen und mit Kindergarten-Abenden, auf denen Sätze fallen wie: "Guck mal, wie weit meiner schon ist: Was der für einen schönen Kartoffeldruck gemacht hat."

- "Das Musiktheater in Deutschland ist Champions League, das Fernsehen ist Provinzliga", Jürgen Weber, Regisseur -

Aus solchen Situationen schöpft die Komödie "Molly Eyre", die Weber 2013 in Würzburg uraufführte und die am Freitag im Erfurter Theater Premiere hat, ihre Pointen. Laut ausgesprochen klingt der Titel nicht von ungefähr irgendwie vertraut: wie Molière nämlich, dessen einschlägigen Charakteren die britische Autorin Tamsin Kate Walker hier die Ehre erweist: Tartuffe etwa, der hier Uta Treff heißt und Yogalehrerin ist.

Die Komödie sei im besten Sinne "well made", findet Jürgen Weber, gut gemacht also, was in der typisch deutschen Unterscheidung zwischen "E" (ernst) und "U" (Unterhaltung) klingt wie vergiftetes Lob.

Nicht für Jürgen Weber. Der 52-jährige Hamburger hat lange für das deutsche Fernsehen gearbeitet, hat bei Serien wie "Sturm der Liebe", "Dr. Stephan Frank" oder "In aller Freundschaft" Regie geführt. Bis er genug hatte von der Branche, von der er heute sagt, sie sei unseriös, lasse den Autoren keine Freiheit und nehme vor allem das Publikum nicht ernst. Die schlechten Dialoge, die Angst vor Kreativität, die irreale Fantasiewelt - daraus spreche ein Mangel an Respekt gegenüber dem Zuschauer, findet Weber.

Ebenso wie aus der Angst vor der Vergangenheit: Die Sachsenklinik der Serie "In aller Freundschaft" steht in Leipzig - "aber es hat dort nie eine DDR gegeben", kritisiert er. "Wie da mit Realität umgegangen wird - dagegen ist Alladins Wunderlampe' ein Dokumentarfilm." Es sei erstaunlich, wie schlicht das deutsche Fernsehen sei, findet Weber - zumal man hier gleichzeitig eine Theaterwelt habe, nach deren Vielfalt man sich anderswo die Finger lecke. "Das Musiktheater in Deutschland ist Champions League, das Fernsehen ist Provinzliga."

Vor zehn Jahren hat Jürgen Weber sich dem Fernsehen ab- und der Oper wieder zugewandt. Derzeit schreibt er ein Libretto für eine Oper über Karl Marx, inszeniert am Schauspiel Bonn mit Jugendlichen Schuberts "Winterreise" und hat für die Erfurter Inszenierung von "Molly Eyre" die Musik geschrieben.

Die proben Webers Mädels, als der Kaffee leer ist, gerade auf der Studiobühne. Zwischen Schaukelpferd und Kinderküche huldigen drei Schauspielerinnen steppend und singend der vierten in ihrer Mitte. "Ich bin schwanger", juchzt die - "yea, das muss klingen wie ein Orgasmus", ruft Weber - "Halleluja!", singen die anderen. Von 300 Bewerberinnen hat er sich noch mal 60 live angesehen - schließlich sollen die nicht nur singen, sondern auch ein Instrument spielen können. Können sie, und das Ergebnis hat - soweit sich das nach einem Probe-Ausschnitt sagen lässt - durchaus Schmiss.

Und die Schauspielerinnen haben sichtlich Spaß, die Mütter-Klischees zu persiflieren, die sie teils aus eigener Erfahrung kennen. "Man wird schon, wenn man Mutter wird, sehr sonderbar", sagt "Molly"-Darstellerin Andrea Seitz und lacht. Aber so überspitzt die Figuren seien, so sehr könne man sich in jeder wiedererkennen, findet Kristin Graf. Und lachen, sagen sie, befreit - wo in Sachen Kindererziehung ja sonst eher Glaubenskrieg herrsche als Humor.

Premiere am Freitag um 19.30 Uhr im Studio. Wei-tere Aufführungen: 21., 25., 27. und 28. Februar und 4. März.

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