Als in Erfurt Bücher auf dem Scheiterhaufen landeten

Erfurt.  Wo genau die Nationalsozialisten Bücher verbrannten, dokumentiert ein Online-Atlas. In Erfurt loderte der Scheiterhaufen am 29. Juni 1933.

Fotograf Jan Schenck ist Ende Januar in Thüringen unterwegs, um für sein Projekt über Orte der Bücherverbrennung im Nationalsozialismus Schauplätze  abzulichten.

Fotograf Jan Schenck ist Ende Januar in Thüringen unterwegs, um für sein Projekt über Orte der Bücherverbrennung im Nationalsozialismus Schauplätze abzulichten.

Foto: Chris Grodotzki / jib collective

Für einen Online-Atlas mit den Orten der Bücherverbrennungen im ersten Regierungsjahr der Nationalsozialisten wird der Fotograf Jan Schenck Ende Januar in Thüringen hiesige Schauplätze mit seiner Kamera besuchen und ablichten.

Trotz des anhaltenden Regens wurde am 29. Juni 1933 ein Sonnenwendfeuer in Erfurt zum Scheiterhaufen für Bücher, welche das deutsche Propagandaministerium auf seine Liste gesetzt hatte. An diesem Tag gingen sie vor der Cyriaksburg in Flammen auf.

Wer zu den von den Nazis verfemten Autoren gehörte, ist ausführlich dokumentiert. Wenn es um die Schauplätze geht, klafft in den wissenschaftlichen Nachforschungen und Publikationen so manche Lücke. Gedenktafeln oder andere sichtbare Hinweise sind selten. Das veranlasste Jan Schenck, sein Projekt „Verbrannte Orte“ auf den Weg zu bringen. Er begann damit 2013. Im Jahr darauf ging sein Online-Atlas als Testvariante mit zehn Orten ins Netz und wächst seitdem beständig. Aktuell sind 110 verzeichnet. Und er geht von „einer hohen Dunkelziffer“ aus. Für ihn stellt sich die Frage: Betrachten wir die Plätze anders, wenn wir um deren Geschichte wissen?

Am 23. Januar will er nach Erfurt kommen. Außerdem stehen Hildburghausen, Mühlhausen, Kahla, Jena, Niedersynderstedt und Altenburg in seiner Reiseroute. „Wenn ich die Thüringer Motive im Kasten habe, ist ungefähr ein Drittel fotografiert“, sagt er. Im Dienste der „Verbrannten Orte“ ist er vorwiegend im Winter auf Reisen, wenn ihm seine berufliche Tätigkeit etwas mehr Luft lässt.

Das Startkapital trommelte er 2013 mit einer Crowdfunding-Plattform zusammen. Weiter geht es finanziell von Projektförderung zu Projektförderung. Auch die Thüringer Staatskanzlei beteiligte sich.

Was hat den Fotografen bewogen, das langjährige Projekt „Verbrannte Orte“ anzustoßen?

„Ich bin in Hamburg aufgewachsen, dort gab es an fünf Orten öffentliche Bücherverbrennungen“, sagt er. „Solche Orte können heute sehr alltäglich sein, an einem steht eine Schwimmbad, in dem ich als Kind war.“ Orte verändern sich. Und er hat es zum Anliegen gemacht, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das fotografische Projekt dokumentiert diese Orte, nutzt hauptsächlich Primärquellen, möchte aber auch Erinnerungen von Zeitzeugen einbinden.

Für die Thüringer Orte ist ein entscheidender Hinweisgeber das Werk „Nationalsozialistische Bücherverbrennungen in Thüringen“ von Burkhard Stenzel, herausgegeben von der Landeszentrale für Politische Bildung. Wenn Jan Schenck auf weitere, noch nicht von ihm erfasste Schauplätze trifft, betreibt er zunächst Quellenforschung.

„Generell sind wir an Zeitzeugen sehr interessiert, allerdings ist das schwierig, weil die Bücherverbrennungen so lange her sind“, erklärt der Akteur, der in seinem Anliegen vom Trägerverein Kommunikationszentrum Meuchefitz in Küsten (Niedersachsen) unterstützt wird. Mittlerweile ist das Projekt aber so umfangreich und groß geworden, dass er mit Mitstreitern einen eigenen Verein ins Leben rufen und Gemeinnützigkeit beantragen möchte.

Das im Online-Atlas gesammelte Schrift- und Bildmaterial im Hintergrund kann als Basis in der Politischen Bildung und im Geschichtsunterricht sowie für Ausstellungen und Informationsveranstaltungen im kulturellen Bereich verwendet werden.

Reaktionen auf seine Dokumentationsarbeit kommen viele. Auch von Hinterbliebenen von Zeitzeugen. Die meisten melden sich per E-Mail, wenn es Veröffentlichungen gegeben hat oder das Projekt auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten war oder Jan Schenck auf Rundreise ist – wie demnächst in Thüringen. Da wird es am 24. Januar im „Haskala“ in Saalfeld und am 27. Januar bei der Jungen Gemeinde auch Informationsveranstaltungen geben.

www.verbrannte-orte.de