„Andreasstraßentag“ stärker ins Bewusstsein rücken

Erfurt.  Für Erfurt sollte der 4. Dezember eigentlich sein, was der Christopher Street Day für New York ist, doch der Tag ist wenigen Erfurtern präsent.

Eine neue Ausstellung im Außenbereich der Andreasstraße wurde zum Auftakt der Veranstaltungen 30 Jahre nach der Besetzung der Stasibezirksverwaltung Erfurt eröffnet. Eine Studentengruppe half dabei, die Schutzfolie von den frischen Text- und Bildtafeln zu entfernen.

Eine neue Ausstellung im Außenbereich der Andreasstraße wurde zum Auftakt der Veranstaltungen 30 Jahre nach der Besetzung der Stasibezirksverwaltung Erfurt eröffnet. Eine Studentengruppe half dabei, die Schutzfolie von den frischen Text- und Bildtafeln zu entfernen.

Foto: Marco Schmidt

Für Erfurt sollte der 4. Dezember eigentlich sein, was der Christopher Street Day für New York ist, findet jedenfalls Jochen Voit, der die Gedenkstätte in der Andreasstraße leitet. Während der Tag in den USA in bunten Kostümen, schrill und laut gefeiert wird und an die Überwindung von Polizeiwillkür äußerst präsent erinnert, ist der „Andreasstraßentag“ in Erfurt wohl nicht einmal jedem Erfurter gedanklich präsent.

Nicht dass der Tag, an dem vor 30 Jahren die erste Stasi-Zentrale der DDR in Erfurt besetzt wurde, so bunt und schrill sein müsse wie in New York: Als gleichfalls welthistorisches Ereignis aber – schließlich gelang den Bürgern die friedliche Überwindung der Stasi als staatlicher Geheimpolizei – dürfte der Tag mehr sein, als ein lokales Ereignis mit Zeitzeugengesprächen, Ausstellungen und Führungen durchs Haus. „Wir müssen die Leute dazu bringen, das Thema stärker auch in den Schulen zu behandeln“, sagt Voit, dem immer wieder Lehrer begegnen würden, die erstmals vom geschichtsträchtigen 4. Dezember erführen. „Der Tag verdient mehr Aufmerksamkeit und muss als Thema stärker in die Köpfe der Leute. Und er sollte mit Freude gefeiert werden“, sagt Voit.

Zuvor her er mit einer Studierendengruppe und Vertretern der Zeitzeugenverbände Plastikfolie abgefummelt: von den neuen Zeittafeln im Eingangsbereich der Gedenkstätte, die auf Deutsch und Englisch die Geschichte des Gebäudes – von der Gartenanlage übers Gefängnis bis zur Gedenkstätte – erläutern für all jene, die sich nicht auf den Weg in die Ausstellungsräume machen wollen oder außerhalb der Öffnungszeiten kommen.

Engagement und Zivilcourage sind gefragt

„Es ist ein historischer Tag für Erfurt, der leider im Bewusstsein der Stadt nur wenig vorkommt“, sagt Barbara Sengewald von der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“. „Ein Thema, an dem wir seit 30 Jahren arbeiten“, sagt sie. Die letzte Bastion der Macht als erste gebrochen zu haben, daran könnten die Erfurter mit Stolz erinnern. Als Frau dieser ersten Besetzungsstunden sei sie froh, dass nach langem Ringen die Gedenk- und Bildungsstätte in der Andreasstraße „unsere Geschichte weiter erzählt“ und vor allem den Bildungsauftrag sieht. „Heute ist es wichtiger denn je, den jungen Menschen zu zeigen, dass sich Engagement lohnt und es nötig ist, Verantwortung zu übernehmen, um die Demokratie zu bewahren“, sagt Barbara Sengewald. Klaus von Keussler, seit zweieinhalb Jahren Vorsitzender des „Freiheit e.V.“, zeigt sich froh, dass an der Stelle des Stasi-Knasts in der Andreasstraße kein Parkhaus oder ähnliches entstanden ist, sondern an die friedliche Revolution erinnert und ein Bildungsauftrag wahrgenommen wird.

„Zivilcourage ist heute genauso bedeutend wie damals“, sagt auch Tely Büchner. „Wir haben all die Jahre daran gearbeitet, dass dieser Tag nicht gänzlich in Vergessenheit gerät“, führt Gabriele Stötzer aus, die ebenfalls als Zeitzeugin gestern viele Gespräche geführt hat. Mittlerweile sei es die Enkelgeneration, die Einsicht in jene Stasi-Akten fordere, die sie mit mutigen Mitstreitern 1989 vor der Vernichtung gerettet hätten. Sie sei froh, dass das Jubiläum des 4. Dezember 1989 eben nicht mit einer Feierstunde in kuscheligem Zuschauersitz, sondern am Ort des damaligen Geschehens begangen wurde, sagt Tely Büchner. Mit Gesprächen, Führungen durch die Gedenkstätte in der Andreasstraße und hinunter in die Keller der Polizei, wo Stahltüren und Siegel aus jenen Tagen der Besetzung nebst mancher persönlichen Erinnerung erhalten geblieben sind.

Eine Webseite zu allen Besetzungen der Bezirksverwaltungen der „Stasi“ im Dezember 1989 findet sich unter https://stasibesetzung.de/

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