Animationsfilm „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ behandelt letzte Tage der DDR

Erfurt  Der Animationsfilm „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ lässt die letzten Tage der alten DDR im Herbst 1989 noch einmal auferstehen.

Mit Hund am Grenzzaun: Eine Szene aus dem Animationsfilm „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ von Ralf Kukula und Matthias Bruhn.

Mit Hund am Grenzzaun: Eine Szene aus dem Animationsfilm „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ von Ralf Kukula und Matthias Bruhn.

Foto: © Weltkino Filmverleih GmbH

Häschen mümmeln bei Sonnenuntergang im Gras. Tauben flattern über Berge. Und ein Hund, ein Terrier, spielt eine tragende Rolle.

„Wenn man von Animationsfilm in Deutschland redet“, so Ralf Kukula aus Dresden, „dann redet man in der Regel von actiongeladenen Kinderfilmen mit sprechenden Mäusen und Katzen.“ Nicht so hier. Die Tiere sprechen indirekt: wenn etwa die Häschen auseinander hoppeln, als ein militärgrüner Trabant Kübel durch die Idylle brettert und wir mit ihm ein Stück deutsch-deutscher Grenze verfolgen. Dann scheucht ein Schuss die Tauben auf, bis sie sich auf einer Fernsehantenne in Leipzig niederlassen. Und Sputnik, der Terrier, muss irgendwie über die Grenze.

Animationsfilmer Ralf Kukula hat sich mit großem Team und vielen Partnern an eine Stoffumsetzung gewagt, die in seinem Genre in Deutschland „noch überhaupt keine Tradition“ habe, wie er sagt. Dafür brauchte er insgesamt zehn Jahre.

Am Anfang stand damals ein Kinderbuch: „Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte“ erschien 2009. Autorin Hanna Schott und Illustratorin Gerda Raidt verdichteten in einer Zehnjährigen Zeitzeugen der friedlichen Revolution, 1989 in Leipzig. Das begann mit rotem Pionierhalstuch und Fahnenappell zum Schulbeginn am 1. September, an dem eine Freundin fehlte. Bei Mutter im Krankenhaus und bei Vater in der Musikschule wurden Kollegen vermisst. Sie alle flohen über Ungarn in den Westen. Das Buch endet mit dem Besuch der Großmutter: in München, vom 9. auf den 10. November, als plötzlich die Mauer fiel.

Die Geschichte hat ihn „total angefixt“, berichtete Kukula vor einem Jahr beim Vision-Kino-Kongress in Erfurt. Er machte daraus „das Projekt, an dem ich am meisten hänge!“

Diese „rasche Veränderung unserer Lebensumstände, verknüpft mit einer unheimlich emotionalen Aufladung“ 1989, von der hier erzählt wird, blieb ihm ohnehin im Gedächtnis haften. „Dass fremde Menschen aufeinander zugegangen und vertrauensvoll, freundschaftlich miteinander umgegangen sind“, hat er nur noch mal beim Elbe-Hochwasser 2002 erlebt. Dieses Gefühl wiederkehren zu lassen und an die nächste Generation weiterzugeben beschreibt der Regisseur als seine Motivation, aus dem Kinderbuch den „komplexesten Film“ zu machen, den seine Firma „Balance Film“ stemmte. Der Verleih Weltkino bringt ihn nächsten Mittwoch, zum 30. Jahrestag der großen Leipziger Montagsdemonstration, ins Kino.

„Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ verwandelt eine zehnjährigen Zeitzeugin in eine zwölfjährige Protagonistin, einen Bericht in ein Drama. Fritzi passt auf den Hund ihrer Freundin Sophie auf, während die mit der Mutter in die Ferien fährt, nach Ungarn. Auf dem himmelblauen Trabant türmen sich Koffer. „Ganz schön viel Gepäck für zwei Wochen, oder“, meint Fritzis Vater noch. Aber es geht nicht um zwei Wochen. Es geht, zu diesem Zeitpunkt, um Jahre, ein ganzes Leben.

Fritzi ahnt nichts davon. Später aber will sie ihrer Freundin Sputnik in den Westen bringen. Gelegenheit scheint eine Klassenfahrt zu bieten, in eine Jugendherberge im Grenzgebiet. Dergleichen hat es gegeben. Die „Grenzverletzung“ mit Hund scheitert, als der einen Hasen jagt. Fritzi gerät in Fänge der Staatssicherheit, dann zurück in den Umbruch von Leipzig, wo der Schulausschluss droht und sie erkennt: „Das ganze Land ist ein Gefängnis!“ Bis die Grenze eines Tages offen steht.

Den Weg dorthin beschreibt eine Coming-of-age-Geschichte, in der die Protagonistin sich in Widerspruch übt im Land der Widersprüche. „Die Deutsche Demokratische Republik ist das bessere Deutschland“, doziert der Schuldirektor. Dass die immer größer werdende Schar derjenigen, die das anders sieht, aber keine „Unruhestifter und Rowdys“ sind, wirft Fritzi in die aufkeimende Debatte.

Das widersprüchliche Lebensumfeld dieser letzten Tage der DDR begreift der Film wie einen weiteren Protagonisten: mit bröckelndem Putz an Fassaden der Altstadt, mit schwarzen Abgaswolken und Schaufelradbagger im Braunkohletagebau, aber auch mit fliegenden Schlagstöcken der Volkspolizei und Kerzenmeer an der Nikolaikirche.

Möglichst detailgetreu lässt man Ikarus-Busse und Tatra-Straßenbahnen auferstehen, all die Trabis und Ladas, Stern-Rekorder und Malzkaffeebüchsen. Im Klassenzimmer hängt sogar das berühmte, vielfach reproduzierte Gemälde „Peter im Tierpark“ von Harald Hakenbeck.

Bereits für seinen „Oktoberfilm – Dresden 1989“, eine experimentelle Foto- und Klangcollage vor zehn Jahren, hatte Kukula umfangreich recherchiert und ein Archiv angelegt. Daraus fütterte er nun in einem „großen Briefing“ ein großes Filmteam: mit Fotos, Filmen, Tondokumenten.

Glaubwürdigkeit verlangt Authentizität, so das Motto des Films, für den Beate Völcker das Drehbuch schrieb. Das folgt der authentischen Zuschreibung, dass dieses merkwürdige Land, so wie es verfasst war, als unhaltbarer Zustand gelten musste.

Die Gegenseite, die das System stützt bis zuletzt, gerät in diesem zweidimensional gezeichneten Film (1100 Szenen, 800 Hintergründe) indes etwas eindimensional. Insbesondere Frau Liesegang, die verhärmte, verknöcherte und halsstarrige Klassenlehrerin, wirkt wie eine DDR-Karikatur à la Fräulein Rottenmeier.

Wie ein Land, wie ein Volk, wie Verhältnisse in Bewegung geraten, vermittelt die Animation der Geschichte aber so anschaulich wie: bewegend. Historische Wegmarken fließen ein, über Radio- und Fernsehnachrichten: paneuropäisches Picknick in Ungarn, Botschaftsflüchtlinge in Prag und Hans-Dietrich Genschers Balkon-Rede, Günter Schabowskis verstotterte, aber doch wirkungsmächtige Pressekonferenz.

„Kinder werden das nicht alles einordnen können“, weiß Ralf Kukula. Der Film, im Kern für Acht- bis Zwölfjährige produziert, solle aber auch Erwachsene fesseln. „Sie haben dann das Vergnügen und die Ehre und die Verpflichtung, sich mit den Kindern zusammenzusetzen und über diese Zeit zu reden.“ Am liebsten wolle man ja „eine riesengroße Diskussion anstoßen“ über jene Zeit, von der die jungen Generation heutzutage in der Regel nichts weiß. Kukula hat gerade ins 10. Klasse-Geschichtsbuch seiner Tochter geschaut, in dem 1989/90 aufploppt: „Ich finde, das ist kein angemessener Umgang mit diesem Thema!“

Bei dem Versuch, einen solchen zu finden, der diese Lücke zwar nicht schließen, aber doch kleiner werden lassen kann, hätte sich Ralf Kukula leicht verzetteln können. „Ich war ja ein bisschen befangen mit meinen Erinnerungen und wollte alles erzählen, was ich mitteilenswert fand.“

Matthias Bruhn vom Trickstudio Lutterbeck in Köln aber, der ihm ungeplant zum Co-Regisseur wurde, holte ihn in dieser deutsch-deutschen Zusammenarbeit, aus der eine internationale Koproduktion wurde, auf den Boden der Handlung zurück.

Der Film endet im großen Glück sowie mit neuem Hund: Rowdy, der Rebell. Was danach kam, ist schon wieder eine andere Geschichte.

Ab 9. Oktober in diesen Thüringer Kinos

  • Capitol Altenburg,
  • Capitol Eisenach,
  • Cinestar Erfurt,
  • Cinestar Jena,
  • Cinestar Weimar,
  • Cineplex Gotha,
  • Cineplex Suhl,
  • UCI-Kinowelt und Metropol-Kino Gera,
  • Kino im Schillerhof Jena,
  • Kommunales Kino in Weimar,
  • Linden-Lichtspiele Ilmenau und
  • Casino-Lichtspiele Meiningen.

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