Erfurt. In einer seltenen Zeremonie wurde die Niederschrift einer neuen Torarolle begonnen

Rabbiner Reuven Yaacobov spricht ein Gebet. Schließt kurz die Augen, konzentriert sich auf das Wort. Er ist ein Sofer, ein ausgebildeter Tora-Schreiber. Es muss aus der Seele kommen, wenn ein Sofer eine Torarolle schreibt, Buchstabe für Buchstabe. Dann taucht er die Feder in die Tinte. Sie darf nicht aus Metall sein, weil der Mensch daraus Waffen baut. Und die Tora ist Leben, ist Frieden. So erklärt er es, schreibt den ersten Buchstaben auf das Pergament. Ein „B“ für „Bereschit“. Im Hebräischen für „Im Anfang“. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ So beginnt die Tora, deren 613 Gebote das Leben jedes gläubigen Juden grundieren.

Kameras klicken. Es ist eine seltene Zeremonie, die an diesem Abend in der Erfurter Synagoge gefeiert wird. Denn es ist selten, dass eine Torarolle nicht in Israel, sondern vollständig in Deutschland geschrieben wird. Sie ist ein Geschenk der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und des Bistums Erfurt an die Jüdische Landesgemeinde. Als ein Zeichen der engen Verbundenheit zwischen Juden und Christen.

Nacheinander treten Männer der Gemeinde an den Tisch, legen dem Schreiber eine Hand auf den Arm, ritualisieren damit ihre Mitschrift. Einmal im Leben eine Tora schreiben: So lautet ein religiöses Gebot. Es ist ein sehr emotionaler Moment, wird später einer von ihnen sagen.

Und einer von deutlicher Symbolik, als auch der Landesbischof der EKM Friedrich Kramer und Bischof Ulrich Neymeyr an das Schreibpult treten. Beide hatten zuvor an die Vergangenheit erinnert. Bischof Neymeyer sprach von „Schuld am jüdischen Volk“, derer man sich bewusst sei. Friedrich Kramer nannte das Geschenk ein „Zeichen, dass wir etwas gelernt haben.“ Er dankte der Gemeinde, dass sie es annehme.

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Man werde das Entstehen der Torarolle begleiten, kündigte Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde an. Dies sei eine Chance, mehr Wissen über das Judentum in die Gesellschaft zu tragen. Ein Weg auch, um antisemitische Vorurteile zurückzudrängen. „Halle hat gezeigt, dass es fünf vor zwölf ist.“

Zwei Jahre wird die Niederschrift dauern. Der Anfang ist geschrieben. „Masel tov!“ ruft am Ende des Abends Rabbiner Yaacobov in den Raum: Viel Glück!