Aus dem Gerichtssaal: Video von Fahrrad-Diebstahl bei Youtube

"Papa, du stehst auf Youtube, wie du gerade ein Fahrrad maust." Durch diesen Anruf seiner Tochter erfuhr der Angeklagte, dass er aufgeflogen war. Die Überwachungskamera eines Computergeschäfts in der Magdeburger Allee in Erfurt hatte den dreisten Diebstahl aufgezeichnet.

Erfurt. Das Youtube-Video entlarvt den Dieb: Ein Mann kommt, holt einen Bolzenschneider aus seinem Rucksack, zerschneidet das Schloss und fährt mit dem Fahrrad davon.

Der Ladenbesitzer, dessen Nachbarin das Fahrrad gehörte, stellte das Video in die Internetplattform Youtube. Der Anruf seiner Tochter, vor allem aber die Berichterstattung der regionalen Zeitungen, habe ihn bewogen, zur Polizei zu gehen, sagte der Dieb am Dienstag vor dem Gericht. Er hatte Angst, auf der Straße erkannt und verprügelt zu werden.

Noch nie hat sich der 49-jährige Familienvater etwas zuschulden kommen lassen. Das Fahrrad, das er auf seinem täglichen Arbeitsweg häufig sah, wollte er als Winterrad haben. Seines war nicht so gut ausgestattet. Wochenlang habe das Rad angekettet an derselben Stelle gestanden.

Wegen Diebstahls im besonders schweren Fall stand er gestern vor dem Erfurter Amtsgericht. Seine Ehefrau hatte ihn begleitet, auf manche Fragen - finanzielle Situation, Alter der Kinder - antwortete sie.

In seinem Plädoyer wandte sich der Staatsanwalt direkt an die Medienvertreter. Der Angeklagte sei öffentlich "mit Häme überkübelt worden", er sei ein gezeichneter Mensch. Freilich sei es auch eine Dreistigkeit, in einem günstigen Moment früh am Morgen, ein Fahrrad zu stehlen. Dass er wegen der Berichterstattung Ängste ausstand, müsse strafmildernd berücksichtigt werden.

Der 49-Jährige wurde zu einer Geldstrafe von 1800 Euro verurteilt. Fahrraddiebstähle verhandele sie "en masse", sagte die Strafrichterin in ihrem Urteil. Doch dieser Fall sei tatsächlich ein seltener. Die "Prangerwirkung" durch die Berichterstattung in Zeitung, Radio und Fernsehen milderte das Urteil.

Die Überwachungskamera ist jetzt übrigens anders eingestellt. Nach Androhung eines Bußgeldes musste der Besitzer ihren Blickwinkel einschränken. Die Kamera zeigte zu viel Straße - das ist aus Datenschutzgründen nicht erlaubt.

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