Bereits 20 Masernfälle in Erfurt bei ungeimpften Schulkindern

Erfurt. Die Masern breiten sich weiter aus, bestätigte am Dienstag das Erfurter Gesundheitsamt. Am Nachmittag waren aktuell 20 erkrankte und unter Verdacht stehende Kinder betroffen. Konzentriert auf die Waldorfschule in Bischleben.

Die Masern breiten sich weiter aus, bestätigte am Dienstag das Erfurter Gesundheitsamt. Archiv-Foto: Arne Dedert /dpa

Die Masern breiten sich weiter aus, bestätigte am Dienstag das Erfurter Gesundheitsamt. Archiv-Foto: Arne Dedert /dpa

Foto: zgt

Trotzdem waren Kinder der Schuleam Dienstag auch im Rathausfestsaal zum Kinderkonzert und mit den öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs. Erschrocken fragten Leser auch in der Redaktion an: befreundete Familien seien betroffen.

An der Freien Waldorfschule klingelte sich gestern das Telefon im Schulbüro heiß. Die Masernfälle sorgen für Aufregung.

Zunächst waren zwei Kinder nachweislich erkrankt, bei einem Dutzend Mädchen und Jungen bestand der selbe Verdacht. Das war allerdings schon am 6. März und konnte gut unter der Decke gehalten werden.

Eine offizielle Mitteilung der Stadt gab es nicht. Die gemeinschaftliche Schulleitung informierte die Eltern zumeist per Email: denn die meisten Kinder kämen mit dem öffentlichen Bus zur Schule, so dass die Eltern die Aushänge in der Schule gar nicht zu sehen kriegen würden. So sind andere Kommunikationswege abgesprochen.

Zwei Mal kamen Mitarbeiter vom Gesundheitsamt direkt in die Schule, zur Beratung und Kontrolle der Impfausweise. Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass nur ein Drittel der 260 Waldorfschüler geimpft ist. Ein Drittel hatte keine Unterlagen, ein Drittel verweigerte bewusst die Impfung.

Hochansteckend und Folgeschäden nach Jahren

Masern gelten als eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. Schwere Komplikationen können noch nach Jahren auftreten, kann Erfurts Amtsärztin die Verweigerungshaltung gegenüber dem eigenen Kind, aber auch im gesellschaftlichen Konsens nicht mittragen. "Nur die Impfung verhindert ein Ausbreiten", so Helga Peter.

Dafür müsse eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent der Bevölkerung erreicht werden. Beispielsweise wurden Mitarbeiter der Stadtverwaltung, speziell im Jugendamt, dazu aufgeklärt und ließen sich impfen. "Gut verträglich", äußerte eine Mitarbeiterin im Nachhinein. In der Pressemitteilung des Gesundheitsamtes wird darauf hingewiesen, dass der Impfschutz allerdings erst durch eine zweimalige Impfung erreicht wird, "da nach nur einer Impfung nicht bei jedem Menschen ein verlässlicher Impfschutz aufgebaut wird."

Eine Impfpflicht ist dagegen rechtlich ebenso wenig durchzusetzen wie eine Schulschließung, den Behörden sind juristische Grenzen gesetzt worden: Impfverweigerer dürfen auch im Akutfall nicht von der Schule und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, urteilte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 2012. Als es 2013 in Köln zum Masernausbruch kam, war das Zentrum wie in Erfurt eine Waldorfschule.

Außerdem gilt eine Schulpflicht. Aktuell allerdings toleriere man an der Waldorfschule, wenn ungeimpfte Kinder vorübergehend auf Grund der besonderen Situation zu Hause bleiben. Die Lehrer geben ihnen den Lernstoff weiter. Und in eineinhalb Wochen seien auch erst mal Osterferien.

"Kinder und Jugendliche, die noch nicht geimpft sind, sollten die Impfung so bald wie möglich nachholen. Auch Erwachsenen ohne ausreichenden Impfschutz wird eine Nachimpfung empfohlen, da der Krankheitsverlauf bei Erwachsenen meist schwerer ist. Menschen, die Kontakt zu an Masern Erkrankten haben und nicht geimpft sind, wird eine sogenannte Riegelungs-Impfung innerhalb von drei Tagen empfohlen", verweist die Amtsärztin auf den Hausarzt und die Abteilung Gesundheit am Juri-Gagarin-Ring 150.

Kommentar:

Die Angreifer kommen aus den eigenen Reihen

Von Iris Pelny

Die Masern sind zurück und keinesfalls ausgerottet. Nicht erst angeschlagen durch den gerade überstandenen grippalen Infekt oder eine chronische Krankheit im Alter oder als Tumorpatient ist die grassierende Masernwelle in Erfurt für viele ein Alptraum. Innerhalb von 14 Tagen wurden aus 2 schon 20 Fälle. Das Krankheitszentrum ist eine Freie Schule, in der nur 30 Prozent der 260 Kinder geimpft ist. An den Erfurter Schulen sind ansonsten 91 bis 95 Prozent geimpfte Kinder die Norm. So machen Waldorfschulen keine positiven Schlagzeilen. Köln machte es vor, Erfurt ist es jetzt. Die Kinder kommen zudem mit dem Stadtbus zur Schule nach Bischleben, sitzen in städtischen Kulturveranstaltungen. Verbreiten unbedarft die hochinfektiösen Viren durch Sprechen, Niesen, Hände geben, auf Spielplätzen, an Einkaufswagen und Haltestangen in den Stadtbahnen. Dem ist nur mit Vernunft Einhalt zu gebieten: durch die Eltern.

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